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Yellowstone

Die Vereinigten Staaten von Amerika sehen keiner rosigen Zukunft entgegen – Schuld daran ist weder Donald Trump, noch Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg: In Yellowstone von Philipp Spreckels und David Scheffel-Runte beginnt alles mit einem Vulkanausbruch.

Alle Abbildungen © Zwerchfell Verlag

Nicht-Geologen werden bei dem Titel dieses Comic-Debüts wahrscheinlich an den Yellowstone-Nationalpark im dünn besiedelten US-Bundesstaat Wyoming denken. Tatsächlich ist ‚Yellowstone‘ aber auch die Bezeichnung des Supervulkans, d.h. ein Vulkansystem, das sich über eine Distanz von über 700 Kilometern erstreckt – das ist etwa die Entfernung von Hamburg bis München.

In Yellowstone in dieser Vulkan im Jahr 2032 ausgebrochen, und diese Naturkatastrophe hat die Regierung dazu gezwungen, die Bevölkerung von Idaho bis Mississippi und von Ohio bis Arizona (immerhin etwa 140 Millionen Menschen) an die nordamerikanischen Küsten zu deportieren, während die verlassenen Regionen von Konzernen gepachtet und landwirtschaftlich genutzt werden. Kurz darauf, im Jahr 2035, bricht der Supervulkan erneut aus und begräbt Salt Lake City unter sich. Wenn es zuvor noch Widerstand gegen die politischen Maßnahmen gegeben hat, ist die Notwendigkeit der Evakuierung nun doch allzu überzeugend. Im Jahr 2042 befindet das Land, geografisch ganz real gespalten, mitten im Wahlkampf (wie auch immer die Wahlleute nun verteilt sind …), und der arbeitslose Noah Simmons findet durch einen Zufall Informationen, durch deren Kenntnis der Status der evakuierten „Zone“ ganz neu zu interpretieren ist.

Fünf Figuren bringen die Handlung voran: Noah Simmons und Lenny Feldman sind ehemalige Mitglieder der Nationalgarde, aber seit einem Zwischenfall in der Zone skeptisch gegenüber der Regierung. Die YTAF-Direktorin Briggs steht gemeinsam mit ihren Agenten Cole und Curtis auf der anderen Seite der Macht. Und die schimmert tiefschwarz.

Während Lenny gefangengenommen wird, flieht Noah, der in den Geheiminformationen auch einen Ausweg aus prekären Sozialverhältnissen sieht, nach Buffalo, um die Daten mit größtmöglichem Gewinn zu veräußern. Es kommt, wie es kommen muss, und das ist meistens nicht vorteilhaft: Die YTAF verhindert die Übergabe, und Noah gelangt durch einen Unfall in die Zone und trifft auf Widerständler, die sich der Deportation widersetzt hatten. Was ist auf diesem Datenträger versteckt? Welche Motive verfolgen YTAF, die Widerständler und auch Noah? Spreckels und Scheffel-Runte nehmen sich sieben Kapitel (oder 144 Seiten) Zeit und Raum, um dies auszuerzählen.

Yellowstone hat ein unglaubliches Potential, als Kommentar auf die politische Gegenwart verstanden zu werden. Nicht als Klimakrimi, denn die Natur steht kaum im Fokus des Handelns, vielmehr geht es um die politischen Entscheidungsträger und deren instinktiven Sinn für hemmungslosen Machterhalt, während der Vulkanausbruch zunächst einmal eher eine Nebenrolle spielt und natürlich kein Effekt des Klimawandels ist. Darin wie auch in der Parallelität des amerikanischen Wahlkampfes liegt ein gewaltiges Potential, das der Comic links liegen gelassen hat. Dass die US-Präsidentschafts-Wahl mit dem Publikationsdatum von Yellowstone im Oktober 2020 so gut harmoniert, ist reiner Zufall. Und die reale Gefahr eines Ausbruchs?

Die bislang stärkste Eruption geht auf den Huckleberry-Ridge-Ausbruch vor rund 2,1 Millionen Jahren zurück, wobei noch diskutiert wird, ob es sich um einen einzelnen Ausbruch gehandelt hat oder eine Serie über einen langen Zeitraum hinweg. Nachdem neuerliche Ausbrüche lange Zeit für unwahrscheinlich gehalten wurden, berichtete National Geographic im Jahr 2017 über aktuellere Studien, die einen Ausbruch auch innerhalb weniger Jahrzehnte für möglich halten. Spreckels und Scheffel-Runte sind hinsichtlich der Naturwissenschaften also durchaus am Puls der Zeit.

Es ist fast schon erstaunlich, dass Yellowstone aber trotz aller politischen Motive kaum je wirklich nahelegt, auf unsere Wirklichkeit bezogen zu werden: Denn abgesehen von dem Auftakt des Comics, spielen Wahlen nur eine untergeordnete Rolle. Auch die politische Diskrepanz zwischen den Küstenregionen und dem Mittleren Westen kommt nicht zum Tragen, weil die Handlung eben nur von einer Handvoll Akteure getragen wird. Und – dies ist die zweite Schwäche – diese Handlung ist allzu linear. Ein Datenträger birgt ein Geheimnis, die staatlichen Institutionen verfolgen den Finder, dieser wehrt sich (soweit ganz und gar Enemy of the State von 1998) und beginnt, die Verschwörung aufzudecken. Dass es keine Nebenhandlung gibt, die Rückblenden nur wenig von Interesse beitragen, die Figuren reichlich geradlinig sind und jeglicher Twist am Ende fehlt (die Pointe ist, wenn auch nicht im Detail, rasch erkannt), macht den Plot zu eindimensional für eine packende Erzählung.

Die beiden Hamburger Comic-Schaffenden haben sich über den Zeitraum von vier Jahren mit der kreativen Arbeit an Yellowstone beschäftigt. Spreckels hat als Essayist und Leser eine lange Comic-Historie, David Scheffel-Runte (*1982, alias „Herr Scheffel) hat Erfahrungen als Illustrator – für Autor wie Zeichner ist Yellowstone aber ein Debüt, an dem auch vieles gut funktioniert: Die Zeichnungen sind zwar nirgends so herrlich koloriert wie auf dem Cover, aber dennoch einen genauen Blick wert, denn dort, wo Scheffel-Runte sich Raum für großformatige Panels genommen hat, stechen schöne Details und Hommagen an Popkultur hervor. Auch sehr gelungen ist eine Serie hochformatiger Panels, die den Helden beim Telefonieren zeigt, und die von der Polizeisirene gestört wird, die man allein aufgrund der Schriftfarben erkennt. Die Grundidee der Story von Spreckels ist wirklich vielversprechend, und deshalb ist es auch so bedauerlich, dass anderes nicht gut funktioniert hat.

Abgesehen von dem erwartbaren Handlungsverlauf sind die Figuren nur mäßig nachvollziehbar, wie etwa der sich plötzlich als Whistleblower erweisende Cole. Überhaupt wird die Gesamtsituation kaum plausibilisiert (eine irre Deportation!), die Figuren kaum greifbar, weil sie reine Handlungsträger bleiben und Gefühlsregungen fast durchweg fehlen. Und überhaupt: Worin genau besteht das Interesse der Regierung an dieser obskuren Umweltverschwörung? Dieser Teil des World-Building scheint etwas vernachlässigt worden zu sein, und so fällt dieses Debüt, das bei Zwerchfell eine schöne Heimat, eine regelrechte Kaderschmiede erfolgreicher Debüts, gefunden hat, dann doch hinter anderen deutschen Erstpublikationen der letzten Jahre zurück.

Schöner Schein

6von10Yellowstone
Zwerchfell, 2020
Text: Philipp Spreckels
Zeichnungen: David Scheffel-Runte
144 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-9435475-3-5
Leseprobe

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