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Will Eisners The Spirit Archive 22

Man kann dem Verlag Salleck Publications nicht genug dafür loben, dass er seit inzwischen 13 Jahren eine Gesamtausgabe des großen Klassikers The Spirit auf Deutsch veröffentlicht. Mittlerweile ist man schon bei der 22. Ausgabe angekommen. Die Geschichten präsentieren sich in edlem Hardcover und auf einem Papier, das entfernt an die damaligen groben Strukturen der Zeitungsbeilagen erinnert. Der happige Preis ist es wert, denn schließlich sind nicht alle Abenteuer des Spirit komplett auf Deutsch erschienen, sondern immer nur ausgewählte. Erst für die Archive sind alle Strips zusammengetragen, chronologisch sortiert und zum größten Teil auch neu oder erstmals übersetzt worden. Wer das zu schätzen weiß und einen großen Wegbereiter der Comickunst komplettieren will, der nimmt die knapp 50 Euro also im wahrsten Sinne des Wortes in Kauf. Jeder Band der Archive umreißt ein halbes Jahr der Originalveröffentlichungen, der aktuelle Band deckt die erste Hälfte des Jahres 1951 ab.

© Salleck Publiations

© Salleck Publiations

Will Eisner, Schöpfer des Spirit, war nicht nur erzählerisch und graphisch äußerst innovativ. Er wollte keinen täglichen Zeitungsstrip zeichnen, war aber auch mit der Vertriebsform der Comichefte unzufrieden. Und so wählte er einen gänzlich neuen Weg: Er zeichnete Geschichten mit einer Länge von sieben Seiten, die als eigene Beilage in Sonntagszeitungen erschienen. Natürlich waren in einem Siebenseiter die dramaturgischen Möglichkeiten beschränkt, für ausgefeilte Charakterisierungen oder einen komplexen dramaturgischen Aufbau war nur wenig Platz. Könnte man jedenfalls meinen, denn trotz ihrer Kürze sind alle hier abgedruckten Spirit-Episoden relativ komplex und spannend. Es ist nachgerade erschreckend, dass hier kein einziger Ausreißer nach unten zu finden ist, es gibt einfach keine schlechte Geschichte. Natürlich sind hier und da Elemente zu finden, die heutzutage befremden. So könnten Anhänger der politischen Korrektheit Schnappatmung bekommen angesichts dessen, wie in einer Story Schwarze gezeichnet sind – was man allerdings vor dem zeitlichen Hintergrund sehen muss.

1951 war ein großes Krisenjahr der Comics. Die Anti-Kommunismus-Kampagne unter McCarthy setzte der Branche zu, doch vor allem lief bereits der moralische Feldzug des Dr. Frederic Wertham gegen Comics, der drei Jahre später in seinem Buch Seduction of the Innocent gipfelte, was unter anderem die Einführung des Comics Code und den Untergang des legendären Verlages EC zur Folge hatte. Die Branche war verunsichert und musste sich umstellen. Sie hatte mit wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen, musste sich neu legitimieren und gleichzeitig deutlich machen, dass Comics nicht nur für Kinder gedacht sind, sondern auch durchaus für ältere Leser. Eisner, dessen Spirit zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren lief, gelingt diese Umstellung genial. Dabei wirkt alles so leicht und frisch. Er stellt sich mit Kreativität und Erzähllaune den Widrigkeiten des damaligen Jahres und führt den Spirit von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Inhaltlich wird hier eine breite Palette abgedeckt. Eisner scheut sich nicht, die Grenzen der reinen Krimihandlung zu verlassen, er verarbeitet Elemente des Horror und vor allem der Science-Fiction, um später auch klassische Abenteuergeschichten zu erzählen, wenn der maskierte Held in Asien strandet und den Weg nach Hause sucht. Dass es dem Helden innerhalb von jeweils sieben Seiten gelingt, Tyrannen zu stürzen und Städte von Warlords zu befreien, ist zwar nicht gerade glaubwürdig, aber auf diese unbekümmerte Weise äußerst charmant. Der Spirit ist frei ist von jeder Bevormundung. Er schreitet ein, vermeidet aber jede imperialistische Attitüde, indem er das künftige Schicksal der Gesellschaft in die Hände der neuen Machthaber legt und seines Weges zieht. Manch andere Abenteuer sind schlicht und ergreifend sehr lustig, manche dramatisch bis tragisch, hoch spannend oder selbstironisch (wie etwa die Story, der dieser Band sein Cover verdankt: eine Parodie des Magazins Life, in der noch einmal die wesentlichen Figuren der Serie vorgestellt werden).

Es ist vor allem auch die Graphik, welche exzellent ist. Eisner und die Mitarbeiter seines Studios  hatten auf sieben Seiten nicht viel Raum, aber das beförderte nur ihre Kreativität. Und so treiben auch die Bilder die Story voran, sie verdichten und verzichten auf einen Off-Kommentar, wie er seinerzeit ausufernd in europäischen Comics gebräuchlich war (wie etwa bei Blake und Mortimer). Alles wirkt sehr filmisch, und wenn Eisner in einzelnen Panels nur ein Augenpaar oder einen Handschuh zeigt, so ist das spannender als mancher Filmthriller.

Ein einzelner Band der Archive kann immer nur eine Stichprobe aus dem Werk dieses genialen Comicmachers sein, aber dieser hier ist voller Höhepunkte und ein eindrucksvoller Beleg dafür, warum der renommierteste US-Preis für Comicschaffende nach diesem Mann benannt wurde.

Eine Archiv-Ausgabe, deren Kreativität, Fabulierlust und graphische Erzählkunst einen ehrfürchtig erschauern lässt.

Will Eisners The Spirit Archive 22 – Januar bis Juni 1951
Salleck Publications, 2015
Text: Jules Feiffer, Will Eisner, Klaus Nordling
Zeichnungen: Will Eisner, Klaus Nordling
Übersetzung: Eckart Schott
190 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 49,- Euro
ISBN: 978-3-89908-564-8