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When I Am King

Scott McCloud („web-native comics at its best“) und Joscha Sauer („ein bisschen verknallt“) lieben When I am King. Ich bin nicht Scott McCloud. Ich bin nicht Joscha Sauer. Kann ich diesen Comic dennoch mögen?

© Jaja Verlag

Diese Buchausgabe des Webcomics aus dem Jahr 2000, als die Welt noch in Ordnung und fast noch schwarz-weiß war, versammelt die (Augenzwinker) historischen Dokumente des verschollen geglaubten 93-jährigen Demian II, der 1912 unvermutet wieder in Zürich auftauchte und allerlei verrücktes Zeug mitbrachte. Dieses Zeug hat der Jaja-Verlag nun als Old-School-Print-Buch herausgebracht, wie ein Tablet, aber ohne USB-Ausgang. Bei den Bildern dieser fingierten Herausgeberschaft à la Eco handele sich um Hieroglyphen, so der Klappentext, wobei in diesem Fall natürlich eine reine Bilderschrift vorliegt: Semiotiker wissen, dass demian 5 nur ikonische (Ähnlichkeitsprinzip) und symbolische Zeichen (völlig abstrakt) verwendet. Mit anderen Worten: Der Pharao ist ein Pharao (ikonisch), der Pfeil ist aber kein Pfeil (symbolisch). Alles klar? Dann kommen wir mal zum Inhalt.

Die erste der fünf wortlosen Geschichten erzählt von einem Pharao, dessen Leben so sorglos ist, dass seine Nachtphantasien von gänseblümchenbewachsenen Wiesen beherrscht werden. Nun wissen wir, wovon Pharaonen nachts träumen. Ganz eins mit der sehr sandigen Welt streichelt er am Wegesrand ein Kamel, das unschuldig dreinschaut, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Es frisst seinen Lendenschurz, kotzt den ehrwürdigen Potentaten voll und leckt ihm grundlos-genussvoll die Genitalien. Absurd? Ja, klar. Herrlich absurd. Die Würde des Amtsträgers und die Bedürfnisse eines Kamels in love treffen aufeinander und sind im Kontrast so komisch, dass man sich fühlt wie Scott McCloud, der Joscha Sauer liest (oder vielleicht andersherum).

© demian 5

Die Episoden um den tollpatschigen Pharao, der ziellos durch sein Reich irrt, das verliebt-frivole Kamel und zwei Palastwächter, deren Männlichkeit (ganz typische Türsteher) stets aufs Neue bewiesen werden muss, entsprechen im Großen und Ganzen dem Web-Comic, der 2002 den Web Cartoonist’s Choice Award für „Best Use of the Digital Medium“ erhielt. Demian 5 publiziert aber gar nicht ausschließlich für das Web, sondern oft für Zeitschriften. Aus seiner sehr digitalen Feder stammen auch The Truth about Elephants und Life-Code o:0. Der Stil ist stets ähnlich, wobei sich die grafischen Elemente seit When I Am King durchaus entwickelt haben und abwechslungsreicher geworden sind, sowohl in der Seitengestaltung als auch in den Zeichnungen selbst.

Gerade dieser Comic erinnert in seiner reduzierten PC-Ästhetik an die Grafik alter Videospiele, deren Spielprinzip ebenso schlicht wie dieser Comic ist. Das nimmt aber der Lektüre nicht ihren Reiz, denn der Witz entsteht oft in der Kombination verschiedener Zeichentypen und dem Überschreiten von Geschmacksgrenzen. Die kleinen Geschichten um den wütend-hilflosen Pharao und das verliebte Kamel machen Spaß, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Dennoch ist die Printausgabe nur Ersatzmedium für einen Comic, der von den Unterbrechungen im Lesefluss lebt und nicht im Ganzen gelesen werden muss. Einige Panels sind in der Buchausgabe hinzugekommen, und die Farben wurden etwas verändert, ansonsten ist die Homepage des Künstlers natürlich eine gute Lesealternative zu diesem Printprodukt, das der Verlag mit einigem Aufwand zu einer ansprechenden Ausgabe gemacht hat. Und das sage ich, ohne mit dem Webcomic großgeworden zu sein (McCloud) und ohne nun in nostalgischer Ekstase zu schreiben. Ich bin nicht Joscha Sauer, aber When I Am King mag ich dennoch.

Ein Kamel zum König

7von10When I Am King
Jaja Verlag, 2018
Zeichnungen: demian 5 (Demian Vogler)
132 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 23,00 Euro
ISBN: 978-3-946642-39-8
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