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Wet Moon 1

Reisen zum Mond sind doch ein alter Hut – wirklich. Texte, Filme und Comics haben uns schon so oft auf die Reise zu unserem kalten Trabanten geschickt, dass es schon einiger Phantasie und Ausdruckskraft bedarf, damit sich die Reise abermals lohnt. Atsushi Kaneko scheint der richtige Kapitän zu sein, sein Manga Wet Moon das geeignete Gefährt. Einsteigen!

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© Carlsen Manga

Tatort Erde. Die rätselhafte Handlung spielt in einem japanischen Küstenort zur Zeit des Space Race der 1960er Jahre, als die Russen und Amerikaner eher gegeneinander um die wissenschaftliche Erkundung des Weltraums stritten. Und während die wichtigen Dinge im Fernsehen übertragen werden, tötet jemand im Verborgenen und auf grausame Weise. Zunächst stirbt im Oktober 1965 ein Fabrikarbeiter, und die Verdächtigte entkommt unserem Protagonisten, Inspektor Sata, gleich mehrfach. Ab sofort ist der junge Polizist auf der Suche – eher: Jagd – nach ihr, leidenschaftlich spürt er der Unbekannten nach, fahndet erfolglos, ermittelt aber mit umso größerem Fanatismus: Die blonde Frau mit dem Muttermal im Gesicht und dem roten Mantel wird zu einer Obsession, von der ihm jede Spur fehlt. Als sich ein zweiter Mord ereignet, spitzt sich alles zu, dieser ist noch brutaler ins Bild gesetzt als der erste: Eingeweide, Fesseln und Blut, überall Blut. Die Verdächtige flieht, aber ist sie überhaupt die Täterin?

© Carlsen Manga

Die zweite Unbekannte in dieser Story ist die Vergangenheit des jungen Sata, von der wir herzlich wenig erfahren, weil auch er nur wenig weiß. Er trägt seit einem Unfall einen Metallsplitter in seinem Kopf, der seine Gedächtnisleistung stark in Mitleidenschaft zieht. Leider – denn der Leser ahnt, dass Sata über ein geheimes Wissen verfügt, das nicht nur uns neugierig macht, sondern auch dessen korrupte Polizeikollegen, die sein Geheimnis wittern. Es ist zu erwarten, dass im Laufe der dreibändigen Serie noch ein Twist erfolgt, der uns den Helden in einem neuen, und vielleicht dunkleren, Licht erscheinen lassen wird. Seine Kollegen sind auf dubiose Weise in Unterweltangelegenheiten verstrickt, und inwiefern Sata involviert ist, wissen wir noch nicht, weil die Perspektive zwar weitgehend seiner Wahrnehmung folgt, aber nicht durchgehend. Des Öfteren wohnen wir den verschwörerischen Unterhaltungen seiner Kollegen bei, für Sata bleiben diese aber unsichtbar. Diese Spannung zwischen unserem Nichtwissen, der Amnesie Satas und den mysteriösen Kenntnissen der anderen Figuren ist faszinierend. So führt Sata seine forensischen Ermittlungen, die Leser ihre literarischen auf ähnliche Weise.

Die Reise führt den Inspektor dann keineswegs in die Weiten des Weltraums, sondern vielmehr in die Tiefen der Unterwelt, wo ausschweifende Partys in glamourösen Clubs gefeiert, verschwörerische Hinterzimmerdeals abgeschlossen und Leichen im nächtlichen Meer versenkt werden.

© Carlsen Verlag

© Carlsen Manga

Soweit spielt der Mond noch keine Rolle, und tatsächlich ist er für die Handlung zunächst nicht wichtig, umso präsenter aber ist er auf der Bildebene. Besonders prägnant ist ein wiederkehrendes Motiv, das den Mond mit einer Rakete im rechten Auge zeigt, ganz so, wie der Filmpionier Georges Méliès ihn 1902 in Les Voyage dans la Lune inszenierte. Die Rakete steckt im Mondgesicht wie der Splitter in Satas Kopf. Und seine Erinnerung an diesen Film, den er als Kind mit seiner Mutter im Kino sah, bevor sie die Familie verließ, bindet seine fanatische Suche nach der Mörderin an seine Sehnsucht nach der Mutter, die ihn einst verließ. Überhaupt lebt der Comic von den zahlreichen Analogien und Überblendungen, die vage Zusammenhänge erzeugen, aber die Leser doch im Ungewissen lassen: Nine Eleven? Elvis Presley? Dass dabei nicht nur Méliès zitiert wird, sondern man auch Un chien andalou von Luis Bunuel und Salvador Dali (1929) erahnen kann, lenkt den Blick in die richtige Richtung: Denn neben den von Kaneko selbst genannten Regisseuren David Lynch und Stanley Kubrick kann durchaus die verwirrend symbollastige Welt der Surrealisten als rätselhafte Blaupause für Wet Moon gelten.

Mit Wet Moon ist bei Carlsen im Juli 2015 der erste Band einer vielversprechenden Trilogie erschienen: ein düsterer Manga für Krimiliebhaber und eine Achterbahnfahrt für aufmerksame Leser. Im Dezember 2015 ist der zweite Teil gefolgt, und das Ende der Reise ist für April 2016 anvisiert. Wer eine Mondreisestory im Stil von Jules Verne oder Thea von Harbou erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Hingegen belohnt der Manga all jene, die einen anspielungsreichen, verwirrenden und wunderschön gezeichneten Comic erwarten, der die Leser auf eine abenteuerliche Reise einlädt, die viel weiter führt als nur ins Weltall: in die Finsternis der Erinnerung.

Nicht nur etwas für Manga-Fans und viel mehr als nur „another moon-travel“

Wet Moon 1
Carlsen Manga, 2015
Text und Zeichnungen: Atsushi Kaneko
Übersetzung: Yvonne Gerstheimer
278 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-551-76903-9
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