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West, West Texas

Mit zwei Ignatz Awards und einem Eisner Award hat Tillie Walden bereits mit Nachdruck auf sich aufmerksam gemacht. Nach Spinning (2017) und On a Sunbeam (2018) hat sie mit West, West Texas nun bereits ihren dritten Comic vorgelegt. Einer besser als der andere.

Alle Abbildungen: © Reprodukt

Mit Spinning, ihrem Comic-Debüt in Buchlänge, hat die 22-jährige Tillie Walden ihre eigenen Erfahrungen als Eiskunstläuferin in Szene gesetzt, in On a Sunbeam, das zunächst als Webcomic erschien, hat sie sich am Science-Fiction-Genre versucht. West, West Texas ist nun eine Roadnovel durch die texanische Provinz Amerikas.

Zwei junge Frauen, die nicht wissen, wo sie hinwollen, fahren einen Weg, von dem sie nicht wissen, wohin er sie führt. Lou, eine weibliche Automobilnerdin, begegnet Nestflüchterin Bea, und zusammen fahren sie über einsame Highways Richtung Westen. Die Provinz ist dabei so einladend wie die ländlichen Idyllen in Twin Peaks oder True Detectives – also gar nicht.

Lou und Bea sammeln Diamond, eine schneeweiße Katze ein, die ihrem Halsband zufolge in „West, West Texas“ wohne, woraufhin die beiden dies zu ihrem nächsten Ziel erklären. Gesagt, aber nicht leicht getan, denn dieses „West“ ist auf keiner Karte verzeichnet. Der Road Trip wird von Anfang an von Zeichen des Fantastischen begleitet: mysteriöse Passagiere im Linienbus, dubiose Gestalten auf dem Highway, maximal-groteske Dunkelmänner vom Verkehrsamt für Fernstraßenüberwachung. Soweit noch glaubhaft, bis die beiden den Pecos River über eine der Hochbrücken überqueren und diese unter ihnen einstürzt. An diesem Punkt bestehen keine Zweifel mehr: Wir begleiten die beiden nicht durch Texas, sondern durch ein fantastisches Pendant: „Hier gibt’s keine Schilder!“ bemerkt Lou und hat völlig Recht – dieses Land ist ganz und gar nicht kartiert.

In einem verlassenen Pool erfahren beide ein kathartisches Erlebnis: Bea erzählt, wie ihr Cousin sie wieder und wieder missbraucht und sie damit in die Flucht aus dem Elternhaus getrieben habe. Passenderweise sind alle Bedrohungsinstanzen der Story Männer, deren Absichten unklar, stets aber bedrohlich sind. Als besonders verstörend erweisen sich die Angestellten des Verkehrsamtes für Fernstraßenüberwachung (klingt auch gruselig), die ausgerechnet die weiße und grund-unschuldige Katze Diamond verfolgen. Während die schneeweiße Katze ganz und gar ihre eigene Herrin ist, die sich, wie wir schlussendlich erfahren, ihre eigenen ‚Straßen baut‘, repräsentieren die Dunkelmänner der Verkehrsüberwachung das (männlich-)autoritäre Herrschaftsgebahren, gegen das Lou und Bea sich zur Wehr setzen müssen. Sich selbst zu finden und eine Heimat zu finden, werden als ein gemeinsames Ziel inszeniert: „Das Potenzial für Magie steckt in allem und in uns allen. Man muss nur an einem Ort der Welt und in einem Körper sein, der einen das sehen lässt.“

Beeindruckend ist Tillie Waldens Eigenheit, die Panels miteinander zu verschmelzen und die Landschaft so dominant in Szene zu setzen, dass man Gesichter in den Wolken, Zeichen in den Bergen und Muster in den Flüssen zu lesen versucht ist. Wo beobachten wir eine geografische Reise von A nach B – und wo beginnt die metaphorische Reise, auf die sich Bea und Lou aufgemacht haben und die zugleich in die biografische Vergangenheit und Zukunft der beiden Frauen führt?

Tillie Waldens dunkeldüsterlilafarbene Coming-of-Age-Geschichte über zwei Außenseiterinnen ist unglaublich gut: Unglaublich gut gezeichnet. Unglaublich gut erzählt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Tillie Walden eine unglaublich gute Künstlerin ist.

Unglaublich

10von10West, West Texas
Reprodukt, 2019
Text und Zeichnungen: Tillie Walden
Übersetzung: Barbara König
320 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 29 Euro
ISBN: 978-3-95640-195-4
Leseprobe

 

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