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Weiß wie der Mond

Es mag viele überraschen, dass in den letzten Jahren ab und zu Reiseliteratur in Comicform erscheint. Dabei ist dieses Medium im Grunde prädestiniert dafür. Romane oder rein schriftliche Reiseberichte können „nur“ die Fantasie des Lesers anregen, dieser muss sich anhand der Beschreibungen selbst ein Bild von den Örtlichkeiten machen. Dokumentarfilme, filmische Reiseberichte und Fotobücher können die Ansichten zwar optisch vermitteln, aber für die subjektiven Eindrücke der Autoren braucht es zusätzliche Beschreibungen. Man muss sich also wieder auf das Wort verlassen, welches die Bilder anreichert. Womit man direkt beim Comic wäre: Denn bereits die Art der Gestaltung der Bilder ist eine Interpretation und gibt die Wirklichkeit nicht eins zu eins wieder, wie es etwa Filme und Fotos suggerieren, sondern so, wie sie der Maler bzw. Zeichner empfunden hat. So besitzen sie von vornherein gar nicht den Anspruch der Objektivität. Natürlich kommt man auch hier nicht ohne beschreibende Worte aus, aber sie betreffen weniger den Gegenstand an sich, sondern die von ihm ausgehende Impression.

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© Splitter Verlag

Einer, der in den letzten Jahren regelmäßig solche Comics gestaltet hat, ist der Franzose Emmanuel Lepage. Schon vorher ist er mit einigen hervorragenden Comics aufgefallen, von denen vor allem Oh, diese Mädchen von einer genauen Beobachtungsgabe und großer Sensibilität zeugte. Diese Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit der Beobachtung spürte man auch in den Reiseberichten Reise zum Kerguelen-Archipel und Ein Frühling in Tschernobyl. Lepage zeigt nicht einfach nur Bilder von ungewöhnlichen Landschaften und schreibt dazu, wie toll er sie findet. Er thematisiert auch, wie es überhaupt dazu kam, dorthin zu fahren, und berichtet über die Reise an sich, wobei er streng aus seiner persönlichen Perspektive erzählt. Dabei kann er es, vor allem durch Ehrlichkeit und Selbstironie, vermeiden, dass der Bericht zu einer Nabelschau verkommt und sich der teilnehmende Beobachter in den Vordergrund drängt.

Schon auf seiner Reise zum Kerguelen-Archipel am Rande der Antarktis wurde Lepage von seinem Bruder François begleitet, der als Fotograf tätig ist. Diesmal allerdings, auf der Reise zum Kontinent Antarktika, hatten sie sich vorgenommen, zusammen ein Buch zu gestalten, und so verbinden sich hier Zeichnungen mit Fotos auf eine sehr harmonische Art und Weise. Manchmal muss man schon genauer hinsehen, ob es hier gerade ein Aquarell oder eine Fotografie ist, welche den Betrachter in ihren Bann zieht. Emmanuel und François bekommen aufgrund des Erfolges des Vorläuferbandes die Möglichkeit, in die Antarktis zu reisen, um dort für einige Wochen die Polarforscher zu begleiten und zu beobachten. Vor allem aber wollen die Brüder den sogenannten „Raid“ mitmachen. Das ist ein langer Treck, auf dem Versorgungsgüter mit Spezialfahrzeugen von der Küste ins Innere des Eiskontinents transportiert werden – eine gefährliche und strapaziöse Reise. Doch vieles läuft nicht so wie geplant.

© Splitter Verlag

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Es gibt es viel Informatives über die Antarktis, die Geschichte ihrer Erforschung und die wissenschaftlichen Aspekte zu erfahren. Dabei ist Weiß wie der Mond beileibe kein purer Sachcomic. Lepage bettet die Informationen inhaltlich ein und zeigt insbesondere bei den historischen Aspekten auf, was für ihn den Reiz ausmacht, ausgerechnet dorthin zu fahren: die romantische Sehnsucht nach Abenteuer. Allerdings gibt es hier keine Handlung im klassischen Sinn. So werden die Brüder auch einmal von einem der Fahrer gefragt, warum sie eigentlich da sind, es gebe schließlich nichts zu erleben. Aus welchem Stoff sollen die beiden einen Comic machen? Die Antwort ist einfach: Sie schildern Eindrücke und Charaktere der Wissenschaftler, Techniker und Mechaniker, welche in dieser unwirtlichen Region arbeiten und zeitweise leben. Man braucht nicht immer eine Handlung, hier geht es vielmehr um sehr Ursprüngliches. Nämlich um das Überleben in einer feindlichen Umwelt. Vor allem lernen alle Menschen hier Demut vor der Natur, und den ganzen Band durchzieht eine starke Liebeserklärung an die Welt und die Menschen. Faszinierend.

Ein faszinierender und beeindruckender Reisebericht mit wunderschönen Zeichnungen und Fotos

 Weiß wie der Mond
Splitter Verlag, 2015
Text: Emmanuel und François Lepage
Zeichnungen: Emmanuel Lepage
Fotos: François Lepage
Übersetzung: Tanja Krämling
256 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-146-8
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