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Vaterland

Nina Bunjevacs Comicgeschichte Vaterland kommt auf über 150 stolze Seiten, die sie nutzt, um auf verschiedenen Zeitebenen ihre autobiografische Familiensaga mit derjenigen des Landes Jugoslawien zu verknüpfen. Das ist nicht außergewöhnlich. Schließlich werden Familiengeschichten gerne gewählt, um geschichtliche Ereignisse oder historische Umwälzungen greifbar zu machen, indem sie große Entwicklungen in einem Mikrokosmos spiegeln. Dasselbe Prinzip ist auch hier zu finden, wobei das Erstaunlichste daran ist, dass alles wahr ist.

© Nina Bunjevac/Avant-Verlag

© Nina Bunjevac/avant-verlag

Es beginnt mit einer Flucht. Ninas Mutter verlässt mit ihren zwei Töchtern Mann und Sohn, um aus Kanada in die Heimat, das kommunistische Jugoslawien, zurückzukehren. Und das obwohl sie eigentlich den Repressalien unter Tito entkommen wollte. Doch Ninas Vater Peter ist ein gefühlskalter Terrorist, der Einrichtungen des jugoslawischen Staates auf amerikanischem und kanadischem Boden angreift. Mit diesem dramatischen Einstieg wird die Geschichte der Familie erzählt, die von vornherein zwischen Amerika und Jugoslawien zerrissen war und deren Mitglieder sich oft auf gegnerischen Seiten gegenüber standen.

Die Geschichte des Vielvölkerstaates Jugoslawien war immer schon ziemlich kompliziert. Der Staat, den man unter diesem Namen kannte, existierte im Grunde erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurden zur Staatsgründung Gebiete zusammengefasst, deren Einwohner nicht unbedingt viel gemeinsam hatten, was die Kriege der 1990er schmerzhaft deutlich machten.

Bunjevac weist in ihrer Erzählung auf einiges hin, was die Ethnien im Vielvölkerstaat trennte und einte, und kann so erstaunliche Fakten offenbaren. Auch die Entwicklungen während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre mit all den verschiedenen Fraktionen und Allianzen werden prägnant und verständlich aufbereitet. Dabei wird die Erzählung jedoch nicht zur Geschichtsstunde, sondern nutzt die Autorin eben die Geschichte des Landes zum besseren Verständnis der Geschichte ihrer Familie. Ninas Oma war Partisanin unter Tito und bekämpfte die Deutschen sowie die Tschetniks (antikommunistische serbische Milizen), wohingegen Peter später aus der kommunistischen Armee desertierte und einen Krieg gegen die Kommunisten führte. Somit war die Familie zutiefst gespalten.

© Nina Bunjevac/Avant-Verlag

© Nina Bunjevac/avant-verlag

Angesichts dieses ganzen Potenzials, das man kaum hätte erfinden können, ist es erstaunlich, dass manche Dramatik etwas zu kurz kommt und manches allzu nüchtern erzählt wird. Etwa, dass das Bunjevacs Vater Peter als Junge Tiere quälte und eine psychopathische Ader erkennen ließ. Aber psychologisiert wird hier nicht, und auch der Zusammenhang, warum das erzählt wird, wird nicht klar. Diese wenigen kurzen Szenen schaffen Vorurteile gegenüber dem Mann und verhindern Perspektivwechsel. Man fragt sich zudem, wie das genaue Verhältnis von Vater und Tochter gewesen ist. Liebte sie ihn? Fürchtete sie ihn? Oder war er ihr einfach fremd? Steckte in ihm ein verkappter Serienmörder? Viel zu viele dieser persönlichen Fragen bleiben offen, hier sind zu deutlich der Respekt und die Zurückhaltung der Künstlerin gegenüber Familienmitgliedern zu spüren, die geschont werden sollen.

Ist also manches etwas zu nüchtern und sachlich ausgefallen, so kann das die grafische Umsetzung stellenweise wettmachen. Oft ist sie symbolisch gestaltet, ohne dass es zum Selbstzweck wird. Bunjevac spielt nicht mit Symbolen um des Spieles willen oder um eine Geschichte künstlich aufzuwerten, sondern nutzt sie immer, um komplexe Verhältnisse kompakt zusammenzufassen. Zu Beginn sieht man etwa ein Vogelnest. Man assoziiert sofort die Nestwärme, da man weiß, dass dies eine Familiengeschichte ist, aber das wird mit einem Off-Kommentar aus dem Fernseher konterkariert, in dem es um im Stich gelassene und verhungernde Jungvögel geht. Allein in dieser Sequenz ist schon die ganze Dramatik des Folgenden zusammengefasst. Später wird das Symbol noch mal aufgegriffen, um anschließend die komplette Kernfamilie in Kanada zu zeigen. Weil man die vorherige Episode noch im Kopf hat, wird nun das Bild der Nestwärme mit einer erbarmungslosen emotionalen und psychischen Kälte verbunden. Somit ist schon vom ersten Bild an klar, dass die Familienstruktur dysfunktional ist.

Aber auch an anderen Stellen finden sich gute künstlerische Einfälle. Es werden etwa nachgezeichnete Fotos gezeigt und in einem Panel taucht auf einmal eine Hand auf, die in ihnen blättert. Die Familienfotos gelten hier zunächst als historische Dokumente. Durch die gezeigte Hand wird diese geschichtliche Ebene aufgebrochen und wieder in den gestaltenden Bereich überführt. Die Erinnerung, durch die Fotos ausgelöst, geht in einen Traum über, der dann wiederum als Überleitung zur Erzählung fungiert. Was sehr geschickt gemacht ist und auf wunderbare Art und Weise die symbolhafte Faktentreue verdeutlicht. Alle drei Ebenen des Bandes, die Staatsgeschichte, die Familiengeschichte und das persönliche Drama um die Eltern von Bunjevac, werden durch drei Kapitel deutlich voneinander getrennt. Das macht zwar die Geschichte Jugoslawiens verständlicher, bricht aber die Familientragödie strukturell auf und verhindert so eine größere Empathie.

Eine wahre Geschichte mit viel dramatischem Potenzial, die teils leider zu sachlich erzählt wird.

6von10Vaterland
avant-verlag, 2015
Text und Zeichnungen: Nina Bunjevac
Übersetzung: Axel Halling
156 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 24,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-16-3
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