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The Divine

Ende der 1990er Jahre führten die 12-jährigen Zwillinge Johnny und Luther Htoo in Burma die „Armee Gottes“ und kämpften gegen das thailändische Militär. Den Schlusspunkt bildete eine Geiselnahme von 800 Menschen durch die beiden Kinder, in deren Folge eine legendäres Foto der beiden entstanden ist.

Alle Abbildungen: © Cross Cult

Alle Abbildungen: © Cross Cult

Von diesem Foto aus dem Jahr 2000 waren die beiden isralischen Zeichner Asaf und Tomer Hanuka (ebenfalls Zwillingsbrüder) derart fasziniert, dass sie die Geschichte Jonnys und Luthers, um die sich Legenden über magische Kräfte und Unverwundbarkeit rankten, nicht mehr loslassen wollte. Zusammen mit dem Filmemacher und Spieledesigner Boaz Lavie haben sie den Comic The Divine konzipiert, der lose auf den realen Figuren basiert und versucht, sich von diesen inspirieren zu lassen.

Im Zentrum steht Mark, ein ehemaliger Soldat und Sprengstoffexperte. Um sich und seine schwangere Freundin finanziell abzusichern, lässt er sich von einem alten Armeefreund zu einer gefährlichen Mission in dem vom Bürgerkreig geplagten (fiktiven) Land Quanlom überreden. In dem südostasiatischen Territorium, über das sowohl Mark als auch sonstwer relativ wenig zu wissen scheint, soll er staatliche Kräfte gegen die Rebellen untertstützen und letztlich einen Berg sprengen. Doch vor Ort wird Mark mit Kindersoldaten konfrontiert, die einen Drachen anbeten und übersinnliche, uralte Kreaturen heraufbeschwören können. Schnell wird der Einsatz in dem fremden Land zum Albtraum, Mark zur Geisel und die Frontlinien verschieben sich.

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Boaz Lavie hat sich hier eine unkonventionelle, kleine Erzählung ausgedacht. Wenn man mit dem Hauptprotagonisten zum ersten Mal in den Dschungel Quanloms eintaucht, ist man zuerst einmal berauscht von dessen Schönheit und Anmut. Kurz danach wird man mit dem Krieg konfrontiert und bekommt ein ungutes Gefühl vermittelt, dass man besser nicht zu lange an diesem verwunschenen Ort verbleiben sollte. Die Spirale aus Gewalt und Zerstörung in Quanlom läuft zuehmend schneller und wirkt beinahe paralysierend. Bewaffnete Kinder tauchen auf und demonstrieren ihre Skrupellosigkeit und Macht, mystische Phänomen kollidieren aus dem Nichts heraus mit modernem Kriegsgerät. Und mittendrin ein baldiger Vater, der nicht genau wusste worauf er sich einlässt und eigentlich nur schnellstens zurück zu seiner Familie will.

Die Handlung ist deshalb als unkonventionell einzustufen, weil sie starke Kontraste bietet, verschwimmende Moralgrenzen und Bezüge zu Realpolitik. Richtig lebendig wird all das aber  erst durch das herausstechende Artwork. Bereits im Comic Der Realist waren Asaf Hanukas Bilder eine Augenweide. Dass er die Chance nutzt, bei The Divine, im Vergleich zu seinem autobiografischen Werk, zusammen mit seinem Bruder Tomer nochmal deutlich fantasievoller zu fabulieren, ist erkennbar. Die Linienführung der beiden ist zerbrechlich dünn, wodurch die ausdrucksstarke Kolorierung umso mehr glänzen kann. Insgesamt ein Stil, der in der Geschichte ab der Ankunft in Quanlom einfach beeindruckend wirkt und spätestens beim reißerischen Showdown offene Münder zurücklässt. Die dichte Atmosphäre dieses Comicalbums wird man nach der Lektüre nicht so schnell vergessen.

Unkonventionelle Story und beindruckende Zeichnungen: The Divine ist nachdrücklich zu empfehlen

The Divine
Cross Cult, 2016
Text: Boaz Lavie
Zeichnungen: Asaf Hanuka, Tomer Hanuka
Übersetzung: Frank Neubauer
160 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 28 Euro
ISBN: 978-3-86425-837-4
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