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Telaya & Dioman: Diesseits der Nacht (Filmversion)

Seit Anfang 2014 veröffentlicht Helmut Schulz Folgen seiner Fantasy-Saga Telaya & Dioman kostenlos auf seiner Website. Inzwischen sind bereits neun von elf Kapiteln des ersten Zyklus in englischer Sprache abrufbar. Daneben liegt der komplette erste Handlungsbogen mit dem Titel „Diesseits der Nacht“ beim Epsilon Verlag als deutschsprachige Printausgabe vor. Und weil aller guten Dinge drei sind, existiert obendrein noch eine als Download zu erwerbende Filmversion auf Englisch und Deutsch. Was man sich darunter vorzustellen hat und wie dieses Projekt qualitativ zu bewerten ist, erörtern im Folgenden Benjamin Vogt und Frauke Pfeiffer.

© Helmut Schulz

© Helmut Schulz

Benjamin: Bevor wir über die Besonderheiten der Filmversion eingehen, die im Zentrum dieser Besprechung steht, sollte ich vielleicht erst einmal die Handlung von „Diesseits der Nacht“ kurz rekapitulieren: Eine junge, schwarzhaarige Frau, offenbar eine Art Elbin (an den spitzen Ohren zu erkennen), erwacht mitten in der Natur, völlig unbekleidet und ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit. Später wird man als Leser wissen, dass sie Cin’Thele heißt. Parallel dazu sehen wir an einem anderen Ort dieser fremdartigen Welt Ulog, den Krieger eines einheimischen Stammes, der an die indianischen Ureinwohner der Erde erinnert. Als dessen Volk von einer Barbarenhorde überfallen wird und die Frauen verschleppt werden, verfolgt Ulog die Spuren der Peiniger. Die Story ist als Vorgeschichte zu einer breiter angelegten Handlung zu verstehen und erzählt vom ersten Aufeinandertreffen der beiden zentralen Figuren. Dabei ist Cin’Thele in Begleitung eines sprechenden Tiers, das wie eine Art Wiesel anmutet, und Ulog hat einen Wolf an seiner Seite. Soweit ist also der Plot im Groben und Ganzen umrissen. Eine Frage lässt mich dabei aber nicht los: Wer zum Geier sind Telaya und Dioman, nach denen zwar die ganze Reihe benannt ist, die aber nicht ein einziges Mal namentlich im Comic genannt werden? Irgendein Hinweis wäre da doch hilfreich gewesen. Oder hab ich etwas übersehen?

Frauke: Das beschäftigte mich tatsächlich auch die ganze Zeit – was sehr unschön ist, habe ich doch während der 30 Minuten immer drauf gewartet, dass die Namensgeber auftauchen. Da ich den Webcomic nicht kenne, kann ich nur mutmaßen, dass zwei der vorgestellten Figuren Telaya und Dioman sind, hier aber zuerst unter anderem Namen auftreten …? Da es sich bei „Diesseits der Nacht“ um eine Vorgeschichte handelt, können natürlich noch viele andere Erklärungen auftauchen.

Ich erinnere mich noch an Zeichnungen von Helmut im Comicforum vor vielen Jahren, und es ist toll zu sehen, dass er drangeblieben ist und nach all der Zeit so viel Material für seine Fantasygeschichte erstellt hat. Wobei ich mich an diversen Stellen an Herr der Ringe erinnert fühlte – die Barbaren wirken wie Orks, und zwischendurch tauchen Wesen auf, die man mit bogenschießenden Elben schon ganz gut beschreiben kann.

Screenshot aus Telaya und Dioman

© Helmut Schulz

Die dritte Storyline hast Du noch nicht erwähnt: die, in der die Quelle des Bösen ein wenig erläutert wird; ein eigentlich lebensfeindlicher Planet im Weltall, auf dem sich trotz allem ein Palast befindet, von dem anscheinend die Barbarenhorden gesteuert werden (wenn ich es richtig verstanden habe). Mehr erfahren wir aber noch nicht dazu.

Benjamin: Mit deiner Interpretation des dritten Handlungsstrangs, der ja eher im Hintergrund abläuft und eine Art mythologischen Überbau darstellt, traust du dir schon mehr zu als ich. Denn, wenn ich ehrlich bin, hab ich nicht wirklich durchgeblickt, was es mit dem „bösen“ Planeten und dem kosmischen Wesen, das vom Himmel herabsteigt, auf sich hat. Meines Erachtens verrennt sich Schulz in seiner Idee, eine epische Story zu etablieren und sie mit bedeutungsschwangeren, pathetischen Texten aufzuladen. Von dem verschwurbelten Ergebnis bin ich kein großer Fan. Da hätte es dem Lesefluss gut getan, plotmäßig kleinere Brötchen zu backen.

© Helmut Schulz

© Helmut Schulz

Frauke: Die Übergänge zwischen den drei Plotlines, von denen sich später zwei vermischen, fand ich recht abrupt. Ich denke, das kommt im Comic nicht so hart rüber wie in dieser Filmversion – die ja eigentlich kein Film ist, sondern ein Animated Comic; also hintereinandergeschnittene Panels und Seiten. Die Technik an sich war für mein Empfinden ordentlich ausgeführt. Die Seiten werden zumeist Panel für Panel aufgebaut, so dass das Auge geleitet wird, manchmal sogar von rechts nach links, also entgegen der eigentlichen Leserichtung. Das kann natürlich in die Hose gehen, das Timing empfand ich hier aber genau richtig: nicht zu lang, nicht zu kurz. Wie ging es Dir damit?

Benjamin: Handwerklich in Ordnung, künstlerisch überflüssig; so würde ich die slideshowartige Präsentation am ehesten beschreiben. Man kann nicht erwarten, dass, wenn man einen Comic in einzelne Panel zerlegt und diese nacheinander am Bildschirm aufploppen lässt, daraus automatisch ein kohärentes filmisches Werk entsteht. Was bei der Adaption von „Diesseits des Nacht“ geschieht, ist für meine Begriffe größtenteils nicht viel mehr als eine Aneinanderreihung von Bildern. Dass kleine Panels, zum Beispiel von Nahaufnahmen oder Randaspekten bestimmter Szenen, innerhalb großer Panels erst sukzessive auftauchen, ist ja ganz nett umgesetzt, hat mich letztlich aber nur verwirrt. Denn da Bilder und auch Texte unkontrolliert in immer neuen Reihenfolgen und an verschiedenen Stellen pro Seite auftauchen, gibt es das klassische Lesemuster (von oben nach unten, von links nach rechts) nicht mehr. Und Zeit, sich seinen eigenen Leserhythmus zu suchen und auch mal bei einer sich ergebenden Bildstruktur zu verweilen, bleibt auch nicht. Die Geschwindigkeit der Slideshow empfand ich in dieser Hinsicht als viel zu schnell, gerade wenn es mal ein bisschen mehr Text gab.

© Helmut Schulz

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Frauke: Das ist ein veritabler Kritikpunkt – eine vorgegebene Lesegeschwindigkeit bringt die Form des Animated Comics aber immer von Haus aus mit. Natürlich kann man auf Pause klicken, versaut sich dann aber eventuell die Stimmung, die wie in diesem Fall durch musikalische Unterlegung erzeugt wird. Würdest Du für Dich dann generell diese Präsentationsform eines Comics ausschließen und bei der bewährten Form des Blätterns im eigenen Tempo bleiben?

Benjamin: Für mich ausschließen möchte ich diese Form der Darstellung nicht. Die vielen kleineren Kritikpunkte, die ich im speziellen Fall gegenüber „Diesseits der Nacht“ hege, lassen sich letzten Endes zu einem Punkt zusammenfassen: Für die Konvertierung eines konventionellen Comics in mehr oder weniger bewegte Bilder muss eine gewisse Kompatibilität a priori vorhanden sein. Helmut Schulz liefert zwei Beispiele gleich selbst mit, an denen deutlich wird, worauf ich damit hinaus möchte: Ab Minute 18 sieht man einen der Barbaren, der von einem Stein niedergeschlagen wird. Der Moment vor dem Einschlag ist dabei grafisch getrennt vom Einschlag und der Auswirkung. Auch in Minute 21 gibt es ein ähnliches Schema, das Abwurf, Flug und Landung eines Speeres in drei entkoppelten Schritten zeigt, die mit entsprechenden Pausen versehen sind. Gerade an diesen beiden Beispielen zeigt sich, dass eine solche Slideshow-Adaption funktionieren kann, wenn man eine dynamische Szene adäquat wirken lässt. Der Grund, warum es hier gelang, mich zu verzücken, aber beim Rest des Filmes nicht, liegt in der Vorlage. Vergleicht man die Seiten der englischen Version auf der Website (Kapitel 6+8), fällt auf, dass die Panels bereits dort so arrangiert sind, dass sie sich perfekt animieren lassen. Es scheint mir also, als würde sich nicht jeder Comic vorbehaltlos  für eine Adaption anbieten. Bei der vorliegenden Filmversion muss man aber auch noch die Begleitmusik als integralen Bestandteil der Präsentation bewerten. War sie für dich ein Gewinn oder gereichte sie dem Endprodukt eher zum Nachteil?

Frauke: Auf die Musik schien viel Wert gelegt worden zu sein, und ich fand sie für einen Fantasycomic und die entsprechenden Szenen stimmig (mal dynamisch, mal ruhiger) – wenn auch beliebig stereotypisch. Zwischendurch gab es kleine Brüche durch Aus-/Einblendungen; hier hätte für mein Gefühl noch mehr zwischen den Stücken überblendet werden können. Alles in allem empfand ich die musikalische Untermalung als Stimmungsbildner tatsächlich effektiv. Auch bei diesem Aspekt kann ich mir aber gut vorstellen, dass es manche Personen eher als Ablenkung werten.

Alles in allem ist das Experiment Animated Comic spannend und kann der Geschichte über Musik und gezielte Leserichtung eine zusätzliche, dynamische Ebene geben. Wer aber Comics (und Bücher) gerade wegen des eigenen Lesetempos schätzt, wird hierbei generell nicht glücklich werden. Ich empfand diese Aspekte bei „Diesseits der Nacht“ gut umgesetzt, mich haben aber die verschiedenen Handlungsstränge zum Teil ratlos zurückgelassen und zu den vorgestellten Figuren konnte ich kaum eine emotionale Bindung aufbauen. Dies hat aber natürlich nichts mit der Filmversion zu tun, sondern mit der Geschichte an sich. Wie lautet Dein Fazit? Was war gut, was hätte man Deiner Meinung nach anders/besser machen können?

© Helmut Schulz

© Helmut Schulz

Benjamin: Meine wichtigsten Kritikpunkte habe ich ja bereits in Teilen ausgeführt. Der Comic an und für sich kann mich inhaltlich nicht überzeugen. Auch ich sehe die Handlung als zu konfus an und kann mit den Figuren wenig anfangen. Dazu kommt noch, dass die Designs nicht gerade originell und die Zeichnungen von ziemlich unbeständiger Natur sind. Mal sind die Bilder ganz okay, mal sind sie unterdurchschnittlich. In der animierten Version stößt die Geschwindigkeit bei mir auf wenig Gegenliebe, ebenso wie die Tatsache, dass die Vorlage für das unvorhersehbare Auftauchen von Panels und Texten so nicht optimiert ist.

Die musikalische Untermalung, die von der Firma audiomachine stammt, empfinde ich als völlig deplatziert. Die orchestralen Stücke, die abwechselnd genau zwei Komponenten enthalten, Emotion und Spannung, wurde unbeholfen einfach ohne Pausen und ordentliche Übergänge über die komplette Präsentation gelegt. Dazu muss man wissen, dass audiomachine bevorzugt die Grundthemen für Kinotrailer liefert. Das heißt, die Musik muss in kurzer Zeit versuchen, den Zuhörer zu packen, ihm Lust machen. Es ist mir unbegreiflich, wie man aus diesen, gefühlt immer gleichen Songs einen kompletten Film dauerbeschallen lassen kann. Sorry, aber das klingt eben dann wie ein 30-minütiger Trailer in Dauerschleife. Und das ist nervtötend.

Grundsätzlich stimme ich mit dir überein, dass so eine Filmversion ein spannendes Experiment sein kann. Aber dann muss alles gut ineinander greifen (Qualität von Story und Zeichnung, Animation, Musik). „Diesseits der Nacht“ ist aus meiner Sicht weit davon entfernt. Oder meine Toleranzgrenze liegt da einfach niedriger als bei dir…

Frauke: Deinem harschen Urteil kann ich mich nicht anschließen; für mich ist „Diesseits der Nacht“ in der Filmversion ein interessantes Experiment mit deutlicher Luft nach oben. Wer reinschnuppern möchte, für den lohnt sich gerade die Rabattaktion für 2,95 Euro.


Telaya & Dioman: Diesseits der Nacht (Filmversion)

Eigenverlag, 2015 (Website)
Text/Zeichnungen: Helmut Schulz
Sprachen: Deutsch oder Englisch
Musik: audiomachine
Preis: 5,90 Euro (regulärer Preis); hier erhältlich
Benjamin: Frauke: