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Survivor Girl

Ein Genre braucht Konventionen, um sich als ein solches zu etablieren. Wiederkehrende Elemente bilden in der Zusammenschau erst ein Genre heraus, erlauben damit eine Erwartbarkeit von inhaltlichen und gestalterischen Elementen und bieten dem potentiellen Leser eine Einordnung. Wobei die Grenze,  an der die genrebildenden Elemente zu reinen Klischees verkommen, dünn ist. Der Wiedererkennungswert eröffnet jedoch auch die Möglichkeit zur Parodie, da man eben davon ausgehen kann, dass jeder und jede mit den durch den Kakao gezogenen Elementen vertraut ist.

Alle Abbildungen: ©Zwerchfell Verlag/Tauber/Römling/Liersch

So ist es auch mit Survivor Girl, dessen Cover im besten abgegriffenen Videokassetten-Vintage-Design gestaltet ist. Da gibt es den Videothekenaufkleber, der besagt, dass das unterlassene Zurückspielen der Kassette eine Strafgebühr kostet, eine FSK-Kennzeichnung, einen Hinweis auf Bonusmaterial etc. Das lässt die Zeiten der VHS-Epidemie in den 1980ern wieder aufleben. Damals erlebte der Horror mit seinen Direct-to-video-Veröffentlichungen einen wahren Boom, von dem vor allem das Slashergenre profitierte, welches hier zusammen mit dem modernen Horrorfilm seine Parodie erfährt.

Schon der Titel der Sammlung von Comic-Strips, welche ursprünglich als Webcomics veröffentlicht wurden, spielt auf die Überlebenden der Horrorfilm-Gemetzel an. Denn meist ist es eine jungfräuliche, unschuldige junge Frau, die es schafft, den Messern von Michael Myers zu Halloween oder der Machete von Jason am Freitag dem 13. zu entgehen. Diese Überlebenden wurden die Final Girls oder eben Survivor Girls getauft und ihre Typologie zeigt oft auf, wie reaktionär gerade das Slashergenre sein kann. Denn die Heldin ist meist die einzige, die keinen vorehelichen Sex praktizierte, Drogen nahm oder Alkohol trank. In der vorliegenden wunderbaren Parodie wird nun gezeigt, wie sich Phoebe, das Survival Girl eines Gemetzels, mit dem Killer anfreundet. Erst entkommt sie dem Serienkiller Helmut, später zieht dieser als geläuterter(?) Mitbewohner bei ihr ein. Aber sein Ordnungsfimmel bringt Phoebe zur Verzweiflung. Auch der Zombie als sein Haustier ist nicht gerade dazu geeignet, den Hausfrieden zu stabilisieren. Und kann ein Filmkritiker als Psychotherapeuten-Ersatz verhindern, dass Helmut wieder Menschen tötet?

Eine Genreaffinität ist bei der Lektüre auf jeden Fall empfehlenswert, da man sonst einige der Anspielungen nicht verstehen wird. So heißt z.B. das Camp, wohin anfänglich die Jugendlichen reisen, Camp Haddon Lake, was sich auf den Ort Haddonfield in dem Halloween spielt und das Camp Crystal Lake, dem Schauplatz von Freitag der 13. bezieht. Der Filmkritiker sieht aus wie der Regisseur George A. Romero (der Erfinder des modernen Zombiefilms mit Die Nacht der lebenden Toten), ein weiterer Serienkiller ist Freddy Krueger aus den Nightmare on Elm Street-Filmen nachempfunden. Aber es gibt auch neuere Bezugnahmen, wie etwa auf die Filmreihe Paranormal Activity oder auf den, mittlerweile bei uns etwas abgeebbten Boom des Japan-Horrors a la The Ring. Für diejenigen, die sich nicht so gut in dem Genre auskennen, gibt es aber als Hilfestellung eine Art „Audiokommentar“, der diese Anspielungen erklärt. Zusätzlich gibt es außerdem Skizzen und „entfallene Szenen“.

Zeichnerisch ist das alles vom genreerfahrenen Ingo Römling (Malcolm Max, Die Toten) detailliert und gekonnt cartoonesk umgesetzt, inklusive Aussparungen, welche die Pointen im letzten Panel vorbereiten. In den letzten Strips übernimmt Kim Liersch (die unter dem Künstlernamen Tamasaburo Manga wie Das Liberi-Projekt zeichnet), deren eigener Stil wiederum gut zur abschließenden Storyline passt. Genregerecht wird es mitunter auch mal recht blutig, wobei die Künstler sich nie in der Gewalt suhlen, sondern sie als satirisches Mittel nutzen. Insgesamt ist dabei eine herrlich schräge Comic-Strip-Sammlung für Horror-Fans herausgekommen.

Eine schräge Parodie auf das Horrorgenre, die mit all ihren Anspielungen vornehmlich Fans ansprechen dürfte.

Survivor Girl
Zwerchfell Verlag, 2016
Text: Christopher Tauber
Zeichnungen: Ingo Römling, Kim Liersch
100 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-943547-29-0
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