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Slaine – Morgendämmerung

Es hat schon mehrere Anläufe gegeben, die britische Barbaren-Serie Slaine bei uns bekannt zu machen; der derzeitige Ansatz des neuen Dantes Verlag ist jedoch der erste, der die Serie chronologisch vom ersten Kapitel an startet. Das ist einerseits gewagt, weil die besten Kapitel der Reihe erst mal auf sich warten lassen (– und schlimm wäre es, wenn‘s anders wäre; wer braucht schon eine Serie, die ihre Höhepunkte bereits zum Anfang verbrennt), andererseits ist es vernünftig: Erstens ist der epische Höhepunkt der Reihe, Der Gehörnte Gott, bereits in den 90ern in Deutschland erschienen (Feest Comics) und zweitens wird Chronologie in einer Gesamtausgabe heutzutage von den Lesern geschätzt. Daher stellt sich nur eine Frage: Muss man diese Serie kennen?

Alle Bilder © Dantes Verlag

Die ersten Episoden von Slaine, die jetzt im Band Morgendämmerung abgedruckt sind, erschienen erstmals 1983 in wöchentlichen Fortsetzungen im britischen Comicmagazin 2000 AD, damals ein Magazin für heranwachsende Jungs, wie man es sich heutzutage fast nicht mehr vorstellen kann. Alle Comics in 2000 AD erfüllten in etwa die gleichen Kriterien: Ein mehr oder weniger kriegerischer Hintergrund oder Endzeitszenario, martialische Helden und Kampfroboter jeder Couleur. Die bekannteste Figur ist bis heute ohne jeden Zweifel Judge Dredd, andere Figuren haben Namen wie Nemesis the Warlock, Strontium Dog, A.B.C.-Warriors oder Rogue Trooper. (Nomen ist in jedem der genannten Fälle Omen.)

1983 war 2000 AD in einer lang andauernden kreativen Hochphase. Auch wenn die Stories leicht zu konsumieren waren und die Action stets das wichtigste Element, so hatten sie doch immer auch eine zweite, oft sehr ironische Ebene, am prominentesten natürlich bei Judge Dredd, der als Polizist und Richter in Personalunion die perfekte Parodie auf eine über die Stränge schlagende Staatsgewalt darstellt. (Eine Parodie, die jedoch schnell in sich zusammenfällt, wenn durchscheint, dass in der chaotischen, atomverseuchten Welt der Zukunft genau diese – keine andere – Art von Autorität notwendig ist.) Ambivalenter Stoff also, aber nie manipulativ, eher im Gegenteil den jugendlichen Leser fordernd. Glücklich die Kids, die mit solchen Comics aufwachsen durften. Auch berühmte Autoren wie Garth Ennis, Alan Moore und Grant Morrison schrieben, bevor sie nach Amerika abwanderten, Stories für 2000 AD.

Geschrieben wurde Slaine von Pat Mills, damals bereits erfahrener Comicveteran, der mit der Kriegsserie Charleys War eine der wichtigsten britischen Comicserien geschrieben hatte. Slaine passte mit seiner Grundprämisse perfekt in das Schema von 2000 AD. Ein Krieger mit einer Axt, ein durchtriebener Zwerg als Sidekick (als Ersatz für den kleinen Roboter, der die 2000 AD-Zukunftshelden in der Regel begleitet) und eine Welt in Anarchie voll mit Monstern, Hexen und Zauberern. Als Äquivalent für atomverseuchte Wastelands gib es das „Sauerland“, eine magieverseuchte Gegend, in der es von Zombies und böser Magie nur so wimmelt. Die Stories lehnen sich an keltische Sagas an und geben einem durchaus das Gefühl, dass sich Mills in der Welt dieser alten Geschichten eingearbeitet hat, bevor er sein Wissen in überdrehte und in Teilen auch humorvolle Comics einfließen ließ. Herausgekommen ist eine Serie, die mehr Tiefgang bietet als das weitaus bekanntere amerikanische Äquivalent, Conan der Barbar. Pat Mills ist als Autor aber auch ein anderes Kaliber als Robert E. Howard und die meisten der zahllosen Conan-Autoren, die es seit den 70er Jahren gab. Um es kurz zu fassen: Slaine ist politischer.

Davon ist in den frühen Stories noch nicht so viel zu erkennen, doch viele der Konflikte, die in späteren Folgen, vor allem im Meisterwerk The Horned God, ausgetragen werden, sind in Morgendämmerung bereits angedeutet. Vielleicht war sich Mills selbst noch nicht so im Klaren darüber, wohin Slaine sich entwickeln würde, eines jedoch dürfte damals schon klar gewesen sein: Es würde interessant werden.

Bei der deutschen Ausgabe möchte ich noch die Übersetzung von Jens R. Nielsen loben, die sehr gelungen auch für manche eigenartige Idee angemessene deutsche Formulierungen gefunden hat. So wurden aus Slaines „Warp Spasms“ (einer Art extremer Berserkerrausch) im Deutschen „Verwindungskrämpfe“, und Slaines unheimlicher Widersacher „The Lord Weird Slough Feg“  ist im Deutschen „Der verworfene und gehäutete Lord Feg“. Sprachlich ist das immer aus einem Guss. Etwas schade ist allerdings, dass die Tuschelinien einiger der beteiligten Zeichner sehr dünn reproduziert wurden, wodurch die eine oder andere Linie leider verloren ging. Dieses Problem hatte aber bereits die englische Reprint-Version. Wer den direkten Vergleich mit den ersten Originalheften von 1983 nicht vor Augen hat, wird auch am vorliegenden Band seine Freude haben.

Slaine McRoth ist zu Recht ein britischer Klassiker. Die Serie gilt als „The Thinking Man’s Conan“.

7von10Slaine – Morgendämmerung
Dantes Verlag, 2017
Text: Pat Mills
Zeichnungen: Angie Kincaid, Massimo Belardinelli, Mike McMahon
Übersetzung: Jens R. Nielsen
128 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-946952-02-2
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