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Rocky Beach

Rocky Beach ist auch nicht mehr das, was es mal war. Vor 20 Jahren noch haben hier die drei jungendlichen Detektive Justus, Peter und Bob die schönsten Kriminalfälle gelöst, heute ist es ein ödes Nest, in dem man nachts besser nicht alleine auf die Straße geht. Auf dem ehemaligen Schrottplatz vom alten Titus Jonas, auf dem die drei Detektive in einem Wohnwagen ihre Zentrale hatten, hat sich längst eine Drogengang eingerichtet und trotzdem trägt die Polizeipräsenz nicht dazu bei, dass man sich sicher fühlt. Zu Fuß auf der Straße unterwegs zu sein, kann bereits ausreichen, um verdächtig auszusehen.

Alle Abbildungen © Kosmos Verlag, Hanna Wenzel, Christopher Tauber

Aus beruflichen Gründen kehrt Detektiv Nummer Zwei, Peter Shaw, der inzwischen für eine Versicherung arbeitet, an den Ort seiner Jugend zurück, um einen Lagerhausbrand zu dokumentieren. Es geht um die Entscheidung, ob der betroffene Besitzer seine Versicherungsprämie ausbezahlt bekommen soll oder ob es sich um Brandstiftung handelt. Verdächtig nervös, wie sich jener gibt, ist es durchaus denkbar, dass ein Versicherungsbetrug im Busch ist – tatsächlich schlummert hinter dieser Frage ein viel umfassenderer Fall von Korruption und Rassismus. Die Realität hat Einzug gefunden in den ehemaligen Traumort, in dem in unschuldigeren Zeiten Rätsel um Superpapageien, flüsternde Mumien und seltsame Wecker zu lösen waren. Oder war es doch nur ein einziger Sommer, in dem die drei Freunde mal eine Katze gerettet haben, wie der zynische Stadtrat Skinny Norris süffisant ätzt?

Typische Noir-Situation: Bob hat im Auto geschlafen. Der Polizei gefällt das nicht.

Nach und nach finden sich auch die anderen beiden Fragezeichen in der Story ein. Bob Andrews, inzwischen ein erfolgreicher Drehbuchschreiber in Hollywood, kehrt zurück, weil er der Idee nachhängt, eine Fernsehserie über die drei jugendlichen Detektive von damals zu schreiben. Justus hingegen ist stets vor Ort geblieben und betreibt inzwischen eine Buchhandlung. Alle drei sind längst im Leben angekommen, doch ist es ein Leben, das die Erwartungen, die man hieingesteckt hat, nicht einlöst. Statt der idealisierten Romanwelt der klassischen Bücher von Robert Arthur, die vor allem im deutschsprachigen Raum unter dem Titel Die Drei ??? irre erfolgreich waren und seit den 1990ern Jahren exklusiv unter deutscher Autorenschaft bis heute fortgesetzt werden, ist die reale Welt nur ein Skelett dieser Idylle. Träume von Familienglück können hier nur verdampfen. So ist Peter Shaw längst geschieden, während Bob Andrews in Hollywood stets an der Schwelle zum Burn-Out lebt. Justus wiederum wirkt einsam und nimmt Tabletten – sind es Psychopharmaka? Auch das wäre alles andere als dramatisch, und doch ist es Lichtjahre entfernt von den Vorstellungen, die man als Jugendlicher mal von einem gelungenen Leben hatte. Als sie sich jedoch wieder treffen, stellt sich nach und nach die alte Dynamik wieder ein und man beschließt, die Wahrheit hinter einem vermeintlichen Selbstmord zu suchen. Die spannende Geschichte festigt die alte Freundschaft aufs Neue und stimmt hoffnungsvoll. Die Welt der Kindheit dagegen bleibt unwiederbringlich verloren. Hat es sie je gegeben?

Autor Christopher Tauber hat mit seinem Skript für Rocky Beach viel gewagt, denn die Gefahr, dass sich Fans der originalen Drei ??? dieser Modernisierung verweigern, ist groß. Tauber selbst ist schon lange aktiver Teil der Fragezeichen-Retromania. Gemeinsam mit den Autoren Ivar Leon Menger und John Beckman hat er bereits als Zeichner zwei Comicbände gestaltet, einen weiteren in Zusammenarbeit mit Calle Claus auch als Autor. Irgendwann jedoch hat es ihn gejuckt, der Diskrepanz zwischen Fantasiewelt und Realität etwas entgegenzusetzen und seine Figuren in die reale Welt überzuführen. Einen erheblichen Anteil am Gelingen von Rocky Beach muss man aber unbedingt auch der Künstlerin Hanna Wenzel zuschreiben, die mit stimmungsvollen Schwarzweißkontrasten und Grautönen das reale Rocky Beach zum Leben erweckt. Die einprägsamen Schauplätze werden mit großer Sorgfalt entwickelt, so dass der Charakter des Orts Rocky Beach, Innenräume ebenso wie die Straßen und die umgebende Landschaft, tatsächlich greifbar wird.

Der alte Wohnwagen vom Schrottplatz.

Rocky Beach funktioniert hervorragend als eigenständige Noir-Erzählung, die mit szenischer Gestaltung und erzählerischer Dichte überzeugt. Darüberhinaus ist es aber eine ernsthafte und liebevolle Annäherung an die Helden der Kindheit und eine kluge Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden. Dem Kosmos Verlag ist hoch anzuerkennen, dass er sich auf dieses Experiment eingelassen hat.

Wer wagt, gewinnt. Mutige Neuerfindung eines Jugendbuchklassikers.

9von10Rocky Beach. Eine Interpretation
Kosmos, 2020
Text: Christopher Tauber
Zeichnungen: Hanna Wenzel
200 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 25 Euro
ISBN: 978-3440165621
Leseprobe

 

 

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