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Rocket Raccoon 1-3

Seit dem Kinoerfolg von Guardians of the Galaxy kann es als allgemein akzeptiert gelten, dass das Marvel-Universum nicht nur von Menschen, Mutanten und Göttern bevölkert ist, sondern auch von der ein oder anderen sprechenden Tierfigur: Der Waschbär namens Rocket Raccoon wurde gemeinsam mit seinem Kumpel Groot, einer Art wandelndem Baum, zum Fanliebling und bekam 2014 seine eigene Comicserie.

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Alle Abbildungen: © Marvel/Panini Comics

Die elf US-Hefte dieser Reihe kamen bei Panini in drei Sammelbänden auf Deutsch heraus. Zugpferd dieser Comics ist neben der Hauptfigur vor allem der Name von Skottie Young, der hier sowohl als Autor als auch als Zeichner fungiert. Bekannt wurde Young vor allem als Illustrator der Comic-Adaptionen von L. Frank Baums Zauberer von Oz-Romanen und durch seine zahlreichen Cover für Marvel, in denen er die Superhelden als niedliche Babies zeichnet. Bei Rocket Raccoon stammen erstmals Skript und Zeichnungen von ihm, und es beginnt äußerst vielversprechend:

Die erste Storyline besteht in erster Linie aus einer Abfolge von Verfolgungsjagden. Rocket ist ständig auf der Flucht – vor der Polizei, vor einem fiesen Widersacher und vor der Allianz aller betrogenen Geliebten, die mal eine Affäre mit dem Schwerenöter hatten. Skottie Young präsentiert das als intergalaktisches Katz-und-Maus-Spiel in schönster Looney Tunes-Manier. Die überdrehte Action passt bestens zu seinem nicht weniger überdrehten, cartoonigen Zeichenstil und erinnert zeitweise an die Zeichentrick-Meilensteine eines Chuck Jones oder Tex Avery.

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Komplett von Young gezeichnet sind allerdings nur die ersten vier Hefte der Serie (praktischerweise ziemlich genau der Inhalt von Paninis Ausgabe 1); anschließend schrieb er nur noch die Skripts, zeichnete die Cover und ein paar Seiten für eine Rahmenhandlung in Heft 5. Es übernahm sein Kollege Jake Parker, der sich in Look und Gestaltung der Figuren eng an das Vorbild Skottie Young hält. Allerdings ist sein Strich deutlich klarer, weniger „ausgefranst“ als der von Young, und auf seinen Seiten wimmelt es weniger von kleinen Details. Das hat zwar den Vorteil, dass Parkers Artwork übersichtlicher und leichter zu lesen ist, allerdings fehlt die Dynamik und überbordende Wuseligkeit, die Young aufs Papier bringt. Besonders deutlich wird das in einer Szene, in der sich ein Moment aus Heft 1 fast identisch wiederholt: Obwohl der Inhalt fast gleich ist, sieht die von Parker gezeichnete Version (Abb. rechts) im Vergleich mit Youngs (Abb. links) deutlich braver, konventioneller und, ja, langweiliger aus.

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Spätestens wenn Parker die Zeichnungen übernimmt, merkt man, dass Young als Autor keine besonders originellen Ideen hat. Seine Plots bewegen sich konventionell von A nach B, große Überraschungen sind selten und eine Figurenentwicklung findet kaum statt: Rocket ist und bleibt ein lässiger, sprücheklopfender Raumpilot, der ständig in Geldnot ist, dauernd Geschäfte mit sehr zwielichtigen Gestalten macht und gerne und oft sein großes Waffenarsenal einsetzt. Jede Ähnlichkeit mit einem gewissen Han Solo ist da sicher rein zufällig.

Eine der Geschichten, ein Zweiteiler, der in Paninis Ausgabe 2 abgedruckt ist, hebt sich immerhin optisch ein wenig ab: Gastzeichner Filipe Andrade lässt Rocket und Groot auf einem Eisplaneten stranden und taucht seine Seiten in eine düstere Stimmung, die stilistisch eher an Bill Sienkiewicz als an Zeichentrickfilme erinnert. Andrade ist inzwischen der reguläre Zeichner der Nachfolgeserie Rocket Raccoon and Groot, die in den USA gerade angelaufen ist und wieder von Skottie Young geschrieben wird.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die drei Paperbacks von einem recht starken Auftaktband, der sich zumindest für die Fans von Skottie Youngs Zeichnungen absolut lohnt, Schritt für Schritt in Richtung Mittelmaß bewegen. Als Autor hat Young noch keine eigene Stimme gefunde, er schreibt ordentliche Abenteuergeschichten mit ein bisschen Humor, die aber in keiner Weise bissig oder subversiv sind. Womöglich hat er sich das für seine erste „creator owned“-Serie bei Image aufgespart: In I Hate Fairyland bürstet er klassische Märchenwelten kräftig gegen den Strich.

Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass Panini neben den elf Heften der Serie auch noch die Rocket Raccoon-Ausgabe zum Free Comic Book Day 2014 und eine Nummer der Serie Guardians Team Up abgedruckt hat. Beides ist klassisches Füller-Material, ganz nett, aber nicht weiter der Rede wert.

Fängt rasant an und lässt dann nach. Skottie Young hat als Autor nicht die Stärken, die er als Zeichner hat.

Rocket Raccoon 1-3
Panini Comics, 2015
Text: Skottie Young u.a.
Zeichnungen: Skottie Young, Jake Parker, Filipe Andrade u.a.
Übersetzung: Alexander Rösch
je 100 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 9,99 Euro (Bd. 1 und 2) bzw. 12,99 Euro (Bd. 3)
ISBN: 978-3-95798-314-5, 978-3-95798-432-6, 978-3-95798-433-3
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