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Otto

Ist man als Leser mit den bisherigen Werken des Franzosen Marc-Antoine Mathieu vertraut, dann muss einem zwangsläufig sofort eine Sache ins Auge springen: Der Titel seines neuen Buches, Otto, ist nicht zufällig ein Palindrom.

Alle Abbildungen: © Reprodukt

Natürlich handelt es sich hierbei vordergründig um den Namen der zentralen – und im Grunde einzigen – Figur in dem Comic. Dass man ihn gleichermaßen vorwärts wie rückwärts lesen kann, ist allerdings vielmehr ein erster dezenter Hinweis auf das Thema der Spiegelung, welches von Mathieu auf seine typische Weise grafisch und erzählerisch zelebriert wird. In der Tat ist sein Otto ein gefeierter Performancekünstler, der unter Verwendung realer Spiegel und durch seine öffentlichen Darbietungen die Imagination des Zusehers anregt. So beackert er auf kreative Weise die großen Fragen über die Identität und das Selbst des Individuums und stellt die Existenz des eigenen Ich auf den Prüfstand. Alles in allem eine überhöhte, verquere Form der Performance, die auch schon mal damit endet, dass Otto völlig nackt einen großen Spiegel über sich hält, sich selbst – oder besser gesagt sein Spiegel-Ich – betrachtet und anschließend eben jenen Spiegel auf dem Boden zertrümmert. Selbstredend haben auch die so entstandenen Scherben in ihrer Gesamtform eine philosophische geladene Bedeutung für das Künstlerauge.

Die eigentliche Geschichte, die Mathieu erzählen will, beginnt jedoch erst nach dieser Einführung Ottos und seiner Tätigkeit. Denn seine Kunst, die Beschäftgung mit sich selbst, hat ihn über die Jahre völlig ausgezehrt. An diesem Punkt erhält er die Nachricht über den Tod seiner Eltern. Im Nachlass findet er schließlich eine Truhe, die sie ihm hinterlassen haben. Deren Inhalt besteht aus einer extrem aufwändigen Dokumentation der ersten sieben Lebensjahre Ottos. Als Teil einer Studie wurde jeder einzelne Tag von Geburt an minutiös festgehalten, ob schriftlich oder in Form von Bild- oder Tonaufnahmen. Für Otto, der sich an seine Kindheit nicht erinnern kann, ist die Konfrontation mit dem vergangenen Otto eine unwiderstehliche Zuflucht, eine Art letzte, ultimative Spiegelung, der er sich widmen möchte.

Spätestens an diesem Punkt wird die Lektüre kompliziert und – selbst für Mathieu-Verhältnisse – verschroben. Otto verstrickt sich in sein Projekt und verliert sich zunehmend darin. Beinahe so, als er wäre es ihm möglich sein eigenes Leben ein zweites mal in Echtzeit zu durchleben. Daraus konstruiert Mathieu eine zunehmende Auflösung des ursprünglichen Otto, der zum universellen Wesen transzendiert. Ob in dessen Vorstellung oder in der Realität ist unklar und für die Aussage des Comics auch unerheblich.

Anders als in den meisten seiner vorherigen Werke verarbeitet der französische Zeichner in seinem neuesten, querformatigen Buch mehr als eine einzige experimentelle Idee, die er konsequent und bis zum Ende durchdenkt. Und er geht weiter als jemals zuvor über die grafische Verspieltheit und das alleinige Durchbrechen der optischen Grenzen des Mediums hinaus. Natürlich gibt es auch in Otto unzählige Sequenzen, die auf grafischer Ebene funktionieren sollen, z.B. Einzelteile, die aus einem anderen Blickwinkel eine größere Form bilden. Genauso wie natürlich größere Gebilde, deren kleinste gemeinsame Einheiten herausdestilliert werden. Was in einer Richtung abläuft, muss bei Mathieu auch umgekehrt gelten. Erst recht bei einem Comic mit einer Spiegelung als geistigem Überbau.

Weniger gewohnt ist man hingegen die tiefphilosophischen Texte, die das Geschehen untertiteln. Bei Mathieu-Arbeiten wird man nach der bisherigen Erfahrung mit dem Künstler keine einfache Lektüre erwarten dürfen. Trotzdem fällt es auf, dass sich die zweite Hälfte dann doch recht zäh und abstrakt gestaltet. Beinahe bekommt man den Eindruck, der Franzose hätte sich, ebenso wie sein Protagonist, beim Schreiben ein wenig in seinem Projekt verloren. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass genau jener Eindruck beabsichtigt ist. Denn was wäre die die Parallelität zwischen dem Autor und seinem Werk, während er eben jenes verfasst, nicht für eine wunderbare Spiegelung?

Vielschichtiger, philosophischer Comic, der dem Schaffen Marc-Antoine Mathieus eine weitere Facette hinzufügt

Otto
Reprodukt, 2017
Text/Zeichnungen: Marc-Antoine Mathieu
Übersetzung: Norma Cassau
88 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-95640-131-2
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