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Moby Dick

„Ich heiße Ismael“. – Mit diesen ersten Worten des Erzählers beginnen wohl die meisten Versionen von Hermann Melvilles Erzählung Moby Dick. Angeödet von seiner zivilen Existenz als Lehrer und Angestellter heuert Ismael, der unschwer als idealisierte Version Hermann Melvilles zu erkennen ist, auf dem Walfänger Pequod an. Auf diese Weise will er das zivile Korsett abstreifen und endlich Mensch sein, am äußeren Ende der Welt, auf der Jagd nach dem Stoff, der die Welt der Industrialisierung in ihrem Innersten zusammen hält, dem Walöl. (Hätte man nicht Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika in großem Umfang Erdöl gefunden, der Wal wäre wohl ausgerottet worden, so bedeutend war er als Rohstofflieferant.)

Moby Dick Bild 1

© Splitter-Verlag

Anders als Hermann Melville erzählen Jouvray und Alary in ihrer modernen Comic-Adaption wenig von den Hintergründen des Walfangs und verzichten verständlicherweise auch auf die ausufernden essayistischen Abschweifungen der Romanfassung. Sie konzentrieren sich – wie bei den meisten Bearbeitungen des Stoffs – auf den bekannten Hauptplot um den besessenen Kapitän Ahab und seinen grenzenlosen Hass auf den weißen Wal Moby Dick; ein Hass, der ihn und die Besatzung der Pequod zur Schicksalsgemeinschaft bis zum Untergang zusammenschweißt.

Die Autoren des Comics richten das Hauptaugenmerk auf vier Schlüsselfiguren des Romans, die als Handlungsträger gleichberechtigt nebeneinander stehen: Da wären zum einen der Erzähler Ismael und sein Begleiter Quequeg, ein Kannibale, der immer eine Harpune mit sich herumträgt. Die Szene ihres Kennenlernens und ihrer ersten gemeinsamen Nacht im selben Lager ist der Stoff, aus dem wohl auch Ralf König seine Fantasien zieht – ich musste beim Lesen des Romans über diese Szene mehrfach laut lachen, und auch Jouvray und Alary haben glücklicherweise den Charme dieser Begegnung erkannt und ihr genügend Platz eingeräumt. Auf der anderen Seite des Personenreigens ist Kapitän Ahab und der grundanständige Steuermann Starbuck, der das gute Gewissen des Schiffs verkörpert und der einen verzweifelten Kampf gegen das vorgesehene und unausweichliche Schicksal führt. Das ist dramatisches Figurenpersonal, das gut in Szene gesetzt und dessen Potenzial voll ausgeschöpft wird.

Die Zeichnungen sind – wie es heutzutage oft zu sehen ist – skizzenhaft und ohne Tusche, die gelungene Farbgebung ist digital mit reduzierter Farbpalette. Dabei wird wenig Wert auf realistische Farben gelegt, dafür aber umso mehr auf Atmosphäre. Die meiste Zeit dominieren gelbliche und bräunliche Sepiatöne. Das Meer spiegelt den ockerfarbenen Himmel wider oder ist blutrot; nur unter Wasser ist es grünlich-blau, was für interessante Kontraste sorgt.

Moby Dick Bild 2

© Splitter-Verlag

Die Adaption erreicht nicht ganz die Intensität oder die philosophische Tiefe der besten Stellen des Romans, erspart einem aber auch dessen ausufernde Beschreibungen, die das Leseerlebnis beim Roman durchaus frustrierend gestalten können. Dagegen bietet der Comic gutes Timing, das sich beileibe nicht nur auf die Action konzentriert, sowie eine äußerst atmosphärische Farbgebung, die zeigt, was digitale Kolorierung leisten kann, wenn sie mit Verstand und Geschmack eingesetzt wird.

Eine gelungene Adaption, die sowohl erzählerisch als auch grafisch alles richtig macht. Vor allem die innovative Farbgebung begeistert.

9von10Moby Dick
Splitter Verlag, 2014
Adaption und Text: Olivier Jouvray
Zeichnungen und Farben: Pierre Alary
Übersetzung: Swantje Baumgart
124 Seiten, vierfarbig, Hardcover
Preis: 19,80€
ISBN: 978-3-95839-043-0
Leseprobe

Unser Autor Christian Muschweck hat sich noch weitere Comicadaptionen von Moby Dick angesehen und darüber geschrieben.

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