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Mister Wonderful

Aufgeregt sitzt Marshall – mittleren Alters, geschieden, arbeitslos – in einem Café und wartet auf seine Verabredung. Wie die Dame aussieht, weiß er nicht, da sich der unsichere Midlife-Marshall nach längerer Abstinenz auf ein Blind Date eingelassen hat.

Alle Abbildungen: © Reprodukt

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Daniel Clowes, Urheber von Comics wie Ghost World, Wilson oder David Boring, hat mit seinem Mister Wonderful eine alltägliche Momentaufnahme in Zeichnungen gebannt: Ein Date, ein Kennenlernen, ein Gespräch, ein Abend. Damit ist dem US-Künstler – ohne die Schrulligkeiten und Eigenarten und deren inhärenten Humor, die Clowes‘ Figuren für gewöhnlich auszeichnen, auszusparen – seine vielleicht realistischste Arbeit gelungen. Allein die ersten paar Seiten, in der Marshall über die Verspätung seines Dates langsam in Panik gerät, über die Sinnhaftigkeit und die Erfolgschancen des Treffens grübelt oder in Selbstzweifel zu versinken droht, sind mit ihren nachvollziehbaren, lebendigen inneren Monologen äußerst eindringlich geschrieben. Dazu kommt die ausgeprägte Mimik Marshalls, dem man seine Aufgeregtheit, seine Lebenssituation, womöglich gar seine Persönlichkeit beinahe am Gesicht ablesen kann.

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Auf filmische Art und Weise schwankt Clowes gekonnt zwischen den Einstellungen, fährt einerseits grobe Nahaufnahmen, aber auch weitwinklige Bilder. Genauso rangieren die Panels von ganzseitigen Zeichnungen, bei denen die Zeit stehen zu bleiben scheint, bis zu vielen kleinsten Panels auf einer Seite, die eine reguläre Erzähldynamik ermöglichen. Überhaupt scheint sich Clowes den extravaganten Maßen seiner Comicerzählung (extremes Querformat) – die vor der Buchausgabe vorab im The New York Times Magazine kapitelweise abgedruckt wurde – an jeder Stelle sehr bewusst gewesen zu sein, als er sie so konzipierte, wie sie jetzt erscheint. Denn wie selten in seinen Comics zuvor nutzt er den verbreiterten Rahmen zu wunderschönen Panoramen, die einen Teil der genüsslichen Stimmung ausmachen. Ein anderer Teil liegt in der Story selbst, die sich durch Realismus und Emotionen hervortut.

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Natürlich ist man als Leser gespannt darauf, zu erfahren, wie es nach dem beschrieben Warten, das sich wie unendlich anfühlt, mit Marshalls Suche nach der Liebe weitergeht. Es ist sicher nicht zu viel verraten, dass es trotz Verspätung doch noch zu einem Aufeinandertreffen kommt. Und auch wenn er sein Glück kaum fassen kann und voller Angst ist, dieses zu verspielen, sitzt seine Traumfrau Natalie plötzlich vor ihm. Die von Freunden der beiden eingefädelte Romanze durchläuft dann gleich in den folgenden Stunden diverse Stadien, bei der die Vergangenheit, der Humor und die Macken des jeweils anderen abgeklopft werden. Daniel Clowes ist die Inszenierung dieser Beziehung überaus geglückt. Am Ende ist Marshall noch immer nicht der soziale Überflieger mit großem Selbstbewusstsein, aber dem ironisch gewählten Titel Mister Wonderful ist er am Ende des Bandes – zumindest in den Augen von Natalie und uns, die wir ihn die Lektüre über näher kennenlernen durften – ein Stückchen näher.

Herrliche Midlife-Romanze im unkonventionellen Format; ein typischer Clowes-Comic, aber dennoch überraschend

Mister Wonderful
Reprodukt, 2015
Text/Zeichnungen: Daniel Clowes
Übersetzung: Heinrich Anders
80 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-95640-036-0
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