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Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan

Wenn man eine behütete Kindheit in Deutschland hatte, kommt man manchmal auf die schräge Idee, im Rest der Welt sei die Jugend und das Leben härter und chaotischer. Das kommt von den Nachrichtensendungen, die den Fokus auf Krisen richten und den Dokumentationen, deren Schaufenster auf die Welt ebenfalls gerne Dramatisches, zumindest Exotisches zeigen. Da ist es ganz gut, dass aus fremden Ländern auch immer wieder Alltagsgeschichten aus der Mitte der bürgerlichen Mainstreamgesellschaft erscheinen. Das erinnert daran, dass die Menschen im Wesen eben doch alle gleich sind – manchmal so gleich, dass eine nähere Betrachtung fast obsolet ist.

Cover Ausschnitt

© China Books (alle Abbildungen)

Ich habe mit der Lektüre des Buchs Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan bestätigt bekommen, was ich schon immer vermutet hatte – nämlich dass sich weder die Gefühlswelt eines Heranwachsenden in Taiwan groß von der unsrigen unterscheidet, noch dass deren Lebensumfeld groß anders wäre. Hier wie dort gleichermaßen wurden spätestens ab den 80er Jahren auch die ländlichen Gegenden vom Materialismus und der globalen Angleichung der Moden überrollt – und Kinderspielzeug wurde endgültig zum weltweiten Milliardengeschäft. In Sean Chuangs Erinnerung sind es japanische Spielzeug-Roboter, die in den Kindern unerfüllbare Besitzwünsche erzeugten, in meiner persönlichen Erinnerung waren es die Star Wars-Figuren der ersten Welle und natürlich die Spielkonsolen, die diese weltweite Entwicklung immer deutlicher werden ließen.

Aber auch in anderen Aspekten gleichen sich die Welten: Sean Chuang beschreibt schmuddelige Kinos, in denen er sich als Schüler herumdrückte, und die es heute nicht mehr gibt, er erzählt von der Breakdance-Welle der 80er, er berichtet vom Moped-Kult unter Jugendlichen, vom Fußballspiel mit Kumpels, von WGs, von Schul- und Prüfungsstress und – ganz klassisch – von ersten Gehversuchen in der Liebe. Alles das ließe sich ganz ähnlich auch vor deutscher Kulisse erzählen, inhaltlich würde sich wenig ändern.

DateDiese  Jugendanekdoten sind ohne übergeordneten Handlungsbogen erzählt, was Meine 80er Jahre zu einer gefälligen, leicht konsumierbaren Lektüre macht. Größtenteils erzählt Sean Chuang aus dem Off, dennoch degradiert er die Zeichnungen nicht zur bloßen Illustration, sondern füllt die Vorstellungslücken mit dynamischen, äußerst lebendig wirkenden Szenen. Seine Figuren sind einnehmend und ausdrucksstark und häufig erfreut er mit originellen Bildkompositionen, die das Innenleben des Erzählers ideal widerspiegeln.

Selbst wenn die Erlebnisse alltäglich und universal sind, an ihrer Verortung in Taiwan lässt Sean Chuang keinen Zweifel. Dementsprechend sind die Geschichten am spannendsten, die am deutlichsten auf einen unterschiedlichen Erfahrungshintergrund verweisen, beispielsweise in der Episode, in der ein alter traumatisierter Soldat fußballspielenden Kindern nachstellt oder – vielleicht noch deutlicher – in der Episode um Bruce Lee, in der uns Sean Chuang erklärt, weshalb Bruce Lee den Taiwanesen und Chinesen so viel bedeutete. Es macht dem Filminteressierten natürlich große Freude, die tiefere Bedeutung bestimmter Symbole und Gesten erklärt zu bekommen, zumal man in der Regel ja rudimentäres Vorwissen hat, an das sich ideal andocken lässt.

Bruce LeeDas Buch ist im Schweizer Verlag Chinabooks erschienen, ein auf chinesische Publikationen und Lehrmaterialien spezialisierter Verlag, der laut Homepage mit 9000 sofort lieferbaren Titeln das europaweit größte Sortiment an Publikationen chinesischer Verlage bieten kann. Es ist eine Veröffentlichung, die den Lerner der chinesischen Sprache ansprechen soll und enthält den Inhalt daher zweimal, einmal mit deutschem Text und nochmal mit chinesischen Schriftzeichen (simplified Chinese characters, zu deutsch: Kurzzeichen).

Sympathisches Buch zum Thema Landeskunde, das sicher auch außerhalb der Zielgruppe seine Freunde finden wird.

Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan7von10
Chinabooks, 2015
Text und Zeichnungen: Sean Chuang
Übersetzung: Marc Hermann
380 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 16 Euro
ISBN: 978-3-905816-59-4
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