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Kleine Satelliten

Ist das noch Comic? Bei der vorliegenden Gemeinschaftsproduktion des  amerikanischen Underground-Comiczeichners Warren Craghead III und der deutschen Lyrikerin Lydia Daher ist die Frage berechtigt, denn Kleine Satelliten ist weniger ein Comic als vielmehr ein Lyrikband, der sich im Grenzereich dessen, was Comic sein kann, anlagert. Er enthält anteilig Spuren von illustrierter Literatur als auch Anteile konkreter Lyrik, gleichzeitig ist aber durchaus auch eine Nähe zum Indie-Comic zu erkennen.

titel-2Illustrierte Literatur ist das Buch insofern, weil zunächst Lydia Dahers Gedichte vorlagen, die ohne weiteres ohne Warren Cragheads Zeichnungen rezipiert werden könnten – was auch durchaus gewünscht ist, denn dem Buch liegt ein Beiheft mit den Ursprungstexten bei. Tatsächlich sind die reinen Verse ohne grafische Unterstützung sogar zugänglicher als in der endgültigen, durch Cragheads Grafik künstlerisch angereicherten Version. Erinnert sei hier nur an Peter Kupers Kafka-Adaptionen im Buch Gibs auf, das 1997 bei Carlsen erschien. Auch hier erleichterte die zeichnerische Doppelung der Texte keineswegs das Verständnis der sperrigen Kafka-Erzählungen, im Gegenteil verstellte Kupers holzschnittartiger Stil den individuellen Zugang und eine individuelle Interpretation für den einzelnen Leser. Die Zeichnung überlagerte nahezu monolithisch das Wort. Ähnlich ist es mit Robert Crumbs Annäherungen an Kafkas Texte sowie dessen Adaptionen der Geschichten des Alten Testaments. Die Sichtweise des Künstlers überstrahlt die Ursprungstexte in allen drei Fällen nahezu völlig. Von daher sind gerade die Comic-Adaptionen poetischer Werke oft gar nicht so sehr für den Neuling geeignet, wie man eigentlich glauben möchte, sondern vielmehr für den fortgeschrittenen Leser und Kenner, der seine Erfahrungen mit der Sichtweise eines von ihm geschätzten Künstlers messen möchte.

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„Vor dem Gesetz waren wir Fahrende.“ – Die beiliegende Transkription ist hilfreich. Man kann sich aber auch ohne Hilfestellung in die Darstellungen versenken. (© Lydia Daher, Warren Craghead III, Maro Verlag).

Bei Warren Craghead und Lydia Daher ist der Fall allerdings noch einmal anders, denn Lydia Daher hat ihre Verse nur verfasst, damit sie anschließend den Wahrnehmungsfilter des von ihr geschätzten Warren Craghead durchlaufen können. Tatsächlich illustriert Craghead weniger, als dass er die Verse vielmehr demontiert. Er zerlegt sie in einzelne Worte, teilweise auch in die einzelnen Buchstaben und baut sie neu auf, allerdings ohne die Reihenfolge zu verändern. Gleichwohl setzt er individuelle und sehr deutliche Akzente. Die Verse wirken dadurch, als würden die Buchstaben fließen, sich an einigen Stellen sammeln und dann wieder verstreuen. Teilweise wirken die Texte zerschossen, dann wieder akkumulieren sich einzelne Elemente, garniert von skizzenhaften Einsprengseln, die zusätzliche Assoziationen evozieren, gleichzeitig aber, wie eingangs schon erwähnt, andere Assoziationen verdrängen. Kurzum, das Ergebnis muss für Lydia Daher überraschend gewesen sein, ließ sie Craghead doch völlig freie Hand. Die Lesbarkeit der Verse wird dabei nicht vereinfacht. Im Gegenteil macht es bisweilen durchaus Mühe, Cragheads Darstellung zu entschlüsseln.

5Für beide Künstler ist eine solche Zusammenarbeit programmatisch. So schwärmt Lydia Daher von Begegnungen auf fremdem Terrain, beispielsweise mit unbekannten Musikern, mit denen sie bereits Projekte gestaltete. Die Zusammenarbeit mit Warren Craghead hat sie gezielt gesucht, weil sie ihn für einen der spannendsten Künstler auf dem Gebiet der experimentellen Comics bzw. der experimentellen Zeichnung hält. Über Comickunst selbst sagt sie: „Comickunst und Lyrik haben viele Gemeinsamkeiten, das ist nicht offensichtlich, aber es ist so. Stichworte: Reduktion, Rhythmus, Komposition und Leerstellen. Bilder die sich gegenseitig beschwören und gegenüberstehen, um etwas Neues zu evozieren, oder etwas schwer zu Fassendem näher zu kommen.“ Ich freue mich sehr über diese Aussage, weil Lydia damit etwas bestätigt, das ich selbst oft bei modernen Graphic Novels empfunden habe. (Siehe dazu die Rezensionen hier und hier.) Gerade wo Comic den Anspruch erhebt, literarisch zu sein, gleichzeitig aber an die Grenzen seiner Darstellungsmöglichkeit stößt, sind kompositorische Fähigkeiten erforderlich, die den Anforderungen an Lyrik nahe kommen.

6Und auch Warren Craghead ist ein Künstler, der gerne mit anderen zusammenarbeitet und keine Angst davor hat, ergebnisoffen zu arbeiten. Bei ihm hat man das Gefühl, dass der Prozess mindestens so wichtig ist wie das Ergebnis, wie man unter anderem auch bei einer seiner letzten Projekte erleben konnte: Jeden Tag ein Portrait von Donald Trump online zu stellen „until this nightmare is over“; und unbedingt sehenswert sind auch seine Beiträge zu der alljährlich stattfindenden Challenge 30 Days of Comics, in welchem er dieses Jahr Stationen im Tagebuch eines Sanitäters während des Ersten Weltkriegs interpretiert (zu sehen hier). Professionalität im Sinne von Perfektion ist Craghead bei solchen Arbeiten weniger wichtig als vielmehr Leidenschaft und Hingabe. Entsprechend sagte er in einem Interview von 2013„Ich habe mal ein Interview mit dem Gitarristen von R.E.M. gelesen. Darin wurde er gefragt, 3weshalb er angefangen habe, Mandoline zu spielen. Seine Antwort war: ‚Weil ich das noch nicht so gut kann. Mein Gitarrenspiel ist zu gut geworden. Ich habe nicht mehr rumprobieren und ausprobieren können.‘“

Der vorliegenden, beim MaroVerlag erschienenen Ausgabe von Kleine Satelliten gelingt es, den Entstehungsprozess transparent zu machen, indem sowohl Schnipsel der Korrespondenz zwischen den Künstlern als auch die ursprünglichen Texte vor ihrer Verwandlung in grafische Lyrik mit abgedruckt werden. Das ist gut, denn Cragheads Anverwandlungen sind sehr eigenwillig und zählen nicht zu seinen zugänglicheren Arbeiten. Aber auch wenn Warren Cragheads Interpretation und Darstellungsweise sich weitestgehend den Kriterien entzieht, nach denen man einen traditionellen Comic bewerten würde: Es hat eine gewisse Schönheit, diesen beiden kompromisslosen Künstlern dabei zusehen zu können, wie sie aufeinander eingehen und sich gegenseitig inspirieren. Das ist tatsächlich ziemlich romantisch.

1Darüber hinaus bietet Kleine Satelliten auch die Gelegenheit, Lydia Dahers Originalgedichte mit zwei unterschiedlichen Übersetzungen ins Englische zu vergleichen, die sie selbst in Auftrag gegeben hat. Das ist insofern spannend, weil Craghead – unfähig, sich für eine Version zu entscheiden – tatsächlich jede Version visuell gestaltet hat. Dabei wird evident, dass so etwas wie eine definitive Version nicht möglich sein kann: Jede Version wirkt wie eine spontane Momentaufnahme, als wäre das Resultat nur für einen flüchtigen Augenblick greifbar. Inwiefern im Nebeneinader der unterschiedlichen Versionen jedoch ein tieferer Erkenntnisgewinn schlummert, mag jeder Leser mit sich selbst ausmachen. Ich werde aus keiner Version schlau und kann doch nicht aufhören zu vergleichen.

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Sperrig, rätselhaft, romantisch: Eine deutsche Lyrikerin und ein amerikanischer Underground-Künstler lassen die Worte tanzen. 

Kleine Satelliten
MaroVerlag, 2016
Text: Lydia Daher
Zeichnungen: Warren Craghead III
216 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-87512-470-5
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