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Hemispheres – Corpus Separatum

Seit vier Jahren arbeiten die Potsdamer Christopher De La Garza und Sascha Grusche, zu denen später noch Simon Pape als dritter Mitstreiter stieß (siehe auch unser Bericht zur Buchpremiere), schon an Hemispheres. Anders als die meisten anderen Comic-Debütanten werkelten sie dazu nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern ließen die Öffentlichkeit schon früh an Konzeption und Erstellung ihres Werks, das teilweise über Crowdfunding finanziert wurde, teilhaben. Seit letztem Herbst ist der erste Teil der Trilogie nun endlich fertig.

© de la Garza/Pape/Grusche

© De La Garza/Pape/Grusche

Dabei sollte Hemispheres von Anfang an mehr sein als „nur“ ein normales Comicalbum. Die um große Worte nicht verlegenen Macher sprachen im Vorfeld von einer Vision, von einem Projekt, das Diskurse anstoßen und die Menschen zum Umdenken bewegen möchte. Demnächst will man mit Hemispheres auf Tour gehen und die Geschichte als multimediale Show präsentieren. Doch an dieser Stelle soll es erst einmal um das konkrete Buch gehen.

Die Story spielt im Jahr 2027 in der fiktiven Stadt Hierosolyma, einem lebensfeindlichen Großstadtmoloch, der von einer streng durchgreifenden Polizei kontrolliert wird. Als Kontrast zu dieser Blade Runner-haften, dystopischen Megacity dient ein buddhistisches Kloster, das außerhalb der Stadt angesiedelt ist. Dort lebt der Protagonist David Shakara, früher selbst Polizist in Hierosolyma, seit zehn Jahren als Mönch auf der Suche nach Erleuchtung. Da einer seiner Mitbrüder schwer erkrankt ist, wird er in die Stadt geschickt, um dort ein Medikament zu besorgen. Was folgt, ist die Konfrontation zweier gegensätzlicher Welten: Die helle, von buddhistischen Lehren bestimmte Lebenswelt des Klosters trifft auf die finstere, vom Smog verseuchte Großstadt, wo eine selbstsüchtige, kapitalistische Gesellschaft haust. Kaum angekommen, gerät David in einen Konflikt zwischen Demonstranten und der Polizei und landet im Gefängnis, wo er auf Selah trifft, eine der Aufständischen. Beide wollen die Welt verbessern und beschließen, sich zusammenzutun.

An dieser Stelle ist der 31-seitige Comic dann auch schon fast wieder zuende. „Corpus Separatum“ ist nicht viel mehr als ein Prolog, der Setting und Figuren etabliert. Ein echter Plot kommt hier noch nicht in Gang, auch wenn es auf den letzten Seiten so manche Andeutung gibt und Fäden für den weiteren Verlauf der Story zurechtgelegt werden. Für ein Buch, das so lange in der Planung war und mit so großen Worten angekündigt wurde, ist das ein bisschen wenig.

© de la Garza/Pape/Grusche

© De La Garza/Pape/Grusche

Der Gegensatz zwischen Hell und Dunkel, gut und böse, Yin und Yang, den De La Garza & Co. hier aufmachen, wirkt leider sehr platt. Hier die menschenfreundlichen, achtsamen Mönche, dort die Stadt als Kern und Ursprung allen Übels, in der ein gutes Leben nicht möglich zu sein scheint. Eine simple Dialektik, die an Genreklassiker der Phantastik erinnert (Auenland vs. Mordor, Jediritter vs. die Dunkle Seite), aber alles andere als subtil ist. Zwischentöne und Graubereiche sind – zumindest in diesem ersten Band – nicht zu finden. Dabei wären das gerade die Zonen, in denen es interessant werden könnte, wenn man laut Eigenaussage „den Problemen des Stadtlebens Lösungsansätze gegenüberstellen“ möchte.

Die Entwicklung der Handlung gestaltet sich ziemlich holprig. Wenn Mönch David nach seiner Ankunft in der Megastadt zum ersten Mal mit deren Einwohnern interagiert, ist er nur wenige Panels später schon in Polizeigewahrsam. Die dortige Begegnung mit Selah, der zweiten Hauptfigur, ist denkbar kurz – von ihr erfahren wir lediglich, dass sie Graffiti-Künstlerin ist und die Gesellschaft verändern will. Warum sie für David zur wichtigen Partnerin werden und der Leser mit ihr sympathisieren soll, bleibt offen. Genauso schnell, wie David in Haft kam, wird er auch schon wieder frei gelassen und bekommt von einer freundlichen Polizistin (der einzigen unter lauter sadistischen Schergen) mal eben verraten, wie er jetzt an den MacGuffin der Geschichte, die Medikamente für den kranken Mönch, kommt. Auf den letzten Seiten wird dann noch eine dritte Figur eingeführt, die für einen überraschenden, aber nicht sehr glaubwürdigen dramaturgischen Schockeffekt sorgen darf. Der Plot besteht im Grunde aus einem simplen Stolpern der Hauptfigur von A nach B nach C, interessantes oder gar innovatives Erzählen im Comic sieht anders aus.

Auftrumpfen will Hemispheres nicht nur mit seiner Vision, sondern auch mit seinem Artwork. Sascha Grusche hat dafür, unterstützt von „Concept Artist“ Simon Pape, sehr aufwändige Comicseiten gestaltet, auf denen jedes Panel ein kleines Gemälde aus Acrylfarben ist. Ein möglichst fotorealistischer Look war das Ziel – dazu wurden u.a. Gebäude und Fahrzeuge am PC als 3D-Modelle designt, und für fast jedes Einzelbild gab es Fotovorlagen, für die Freunde und Bekannte der Macher quasi als „Schauspieler“ posierten. Die Hauptrolle des David übernahm dabei der Autor Christopher De La Garza selbst.

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Der Aufwand, der in diesen Seiten steckt und der im Anhang des Buchs dokumentiert wird, ist durchaus beeindruckend. De La Garza, Grusche und Pape verfolgen wirklich das Motto „Think Big“ und visualisieren ihr Science-Fiction-Szenario mit starken, detailreichen Bildern und in einfalls- und abwechslungsreichen Seitenlayouts. Durch viele Perspektivenwechsel und effektiven Einsatz von Farbe schafft es Hemispheres weitgehend, die Probleme von Comics, die sehr stark auf Fotorealismus setzen, zu vermeiden. Statisch wirkende Bilder und allzu posenhafte Körpersprache wurden hier größtenteils vermieden. Trotzdem trägt der realistische Look auch mit dazu bei, dass sich der Comic sehr schwer anfühlt. Sowohl der Plot als auch die Bilder strahlen große Angestrengtheit und Bemühtheit aus, es fehlen Leichtigkeit, Lockerheit und Eleganz. Man könnte es auch „prätentiös“ nennen – der Duden definiert das als „sich durch bestimmte Mittel der Darstellung den Anschein von Wichtigkeit, Bedeutung gebend; durch betont gewichtiges Auftreten o. Ä. Eindruck machen wollend“. Ja, das passt schon ganz gut zu diesem Album.

Es wäre sicher allzu voreilig, das ambitionierte Hemispheres-Projekt schon nach dem ersten Band für gescheitert zu erklären. Aber um die eigenen Ansprüche zu erfüllen, muss es sich vor allem beim Storytelling noch deutlich steigern. Wenn all der Aufwand, der bisher in Entwicklung und Design der Figuren und ihrer Umgebung gesteckt wurde, künftig auch in die Mechanik des Geschichtenerzählens fließt, dann könnte das durchaus noch ein interessanter Comic werden. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden – vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn man versucht, nicht das ganz große Rad zu drehen, sondern einfach eine gute Geschichte zu erzählen, die man gerne liest.

Beeindruckend gestalteter Comic, der inhaltlich noch nicht den großen Ansprüchen genügt, die er an sich selbst stellt

Die zweite Meinung:

von Alexander Lachwitz

Hemispheres hinterlässt einen Eindruck, der seiner (zumindest im ersten Band) noch sehr schlichten Hell-Dunkel-Darstellung entspricht. Das Konzept ist beeindruckend, genau wie die technische Umsetzung, erzählerisch wird dafür ein extrem dünnes Brett gebohrt. An vielen Stellen spürt man, dass die visuellen Vorbilder nicht in anderen Comics, sondern eher in der klassischen Malerei zu finden sind. Das bringt zwar frischen Wind, hat aber dafür auch oft den faden Beigeschmack des Selbstzwecks. Weniger wäre oft mehr gewesen, denn Thomas‘ Kritik an der gefühlten Schwere muss ich uneingeschränkt zustimmen. Interessanterweise findet man gerade auf den ersten Seiten noch vereinzelt etwas Zurückhaltung, die den guten Ideen die nötige Luft zum Atmen gibt.

Für sich genommen ist der Band tatsächlich etwas enttäuschend. Sobald man aber das multimediale Rahmenprogramm berücksichtigt, wird das Potenzial sichtbar. In der Präsentation und dem engagierten Versuch eines Diskurses kann Hemispheres klar punkten und für andere Produktionen inspirierend sein. Im Comic selbst geht davon leider viel verloren. Für den Auftakt verdienen die Macher Applaus, der Folgeband muss aber dringend erzählerisch und inhaltlich mehr liefern, damit das Konzept Hemispheres nicht unnötig früh zu Grabe getragen wird.

4von10Hemispheres – Corpus Separatum
Aurum, 2015
Text: Christopher De La Garza, Sascha Grusche
Storyboard, Zeichnungen, Untermalung, Kolorierung: Sascha Grusche
Graffiti, Concept Art, 3D-Modelle: Simon Pape
Produktion, Marketing: Christopher De La Garza
52 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-95883-057-8
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