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Fahrradmod

Aufgemotzte Motorroller aus Italien, elegante Maßanzüge mit schmalen Krawatten, Fishtail-Parkas mit Union Jack und Kokarde und über alledem natürlich: Musik, Musik, Musik. Das sind die Mods, die enthusiastischen Anhänger einer in dieser Form nie dagewesenen Jugendbewegung, die in den 1960er-Jahren in Großbritannien aufkommt, lange bevor sich der erste Punk eine Sicherheitsnadel durchs Ohr steckt.

© Tobi Dahmen/Carlsen Verlag

© Tobi Dahmen/Carlsen Verlag

Die Modernists oder kurz Mods legen gesteigerten Wert auf Stilbewusstsein und die britische Rockgruppe The Who liefert der rebellischen Jugendkultur eine ihrer gefeierten Hymnen: „I hope I die before I get old. Talkin’ ’bout my generation …“. Viele sehen in diesen Zeilen einen allgemeinen Ausdruck der Angstgefühle von Teenagern an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie werfen auch einen drohenden Schatten auf ein zentrales Ereignis der Erzählung Fahrradmod. Es sind bewegte Zeiten voller Drogenexperimente und musikalischer Entdeckungen. Und halt! Um ein naheliegendes Missverständnis von Anfang an aus dem Weg zu räumen: Fahrradmod dreht sich nicht ums Fahrradfahren und noch viel weniger um irgendwelche Fahrradbastler.

Mit Fahrradmod hat Tobi Dahmen nun seinen bisher umfangreichsten Comic endlich auch in gedruckter Form vorgelegt. Die enorme Geduld und das außerordentliche Herzblut, mit dem Dahmen sein Mammutwerk über Jahre hinweg entwickelt hat, verdienen größte Anerkennung.

Die autobiografisch angelegte Geschichte lässt sich grob im Genre des Bildungsromans verorten, wobei es dabei nicht nur um das Erwachsenwerden beziehungsweise die geistige und charakterliche Bildung des Erzählers geht, sondern um die Entstehung und die Entwicklung jugendlicher Subkulturen und deren modische und musikalische Ausprägungen. Der 1971 geborene Dahmen ist ein Teenager der Achtzigerjahre. Als Comicautor und Absolvent der Visuellen Kommunikation ist er ein aufmerksamer Beobachter des Alltags und Chronist der Jugendkultur in der niederrheinischen Kleinstadt Wesel und Umgebung. Dabei nimmt er aber keineswegs eine rein passive Beobachterhaltung ein, vielmehr ist er ein fester Bestandteil der lokalen Szene, zeichnet Flyer für wilde Partys und Allnighter und später auch Funnies für die Rollerzeitschrift Motoretta. Fahrradmod  ist voll von liebevollen Anspielungen auf diese aufregende Zeit, und man nimmt es dem Autor ohne zu zögern ab, dass er weit mehr ist als ein bloßer Nachlassverwalter.

Da es sich bei den skizzierten Jugendkulturen um Adaptionen aus Großbritannien handelt, die zeitversetzt in Deutschland ankommen, sind in Fahrradmod vor allem auch die lokalen Anpassungen, der Anspruch auf Deutungshoheit und die Aushandlung von Bedeutungen unter ihren Anhängern bemerkenswert. Und plötzlich sieht sich die Kleinstadt mit Konflikten zwischen Gruppen von Jugendlichen konfrontiert, die sich vielleicht in größeren Städten besser aus dem Weg gehen können. Mods treffen auf Skinheads treffen auf Anhänger des Northern Soul … Wer ist Freund, wer Feind? Die Übergänge zwischen den Subkulturen sind teils fließend, und Sympathien wechseln.

© Tobi Dahmen / Carlsen Verlag

© Tobi Dahmen / Carlsen Verlag

Obwohl die aus einzelnen Erinnerungen konstruierte Geschichte auf tatsächlichen Ereignissen basiert, nimmt sich Dahmen Freiheiten, fügt hier und da Personen hinzu oder lässt sie weg und arrangiert auch den Plot chronologisch um. Insgesamt erscheint die Erzählung dadurch wenig dramatisiert und der sich entwickelnde Konflikt braucht seine Zeit, um sich schließlich zuzuspitzen. Diese scheinbar beiläufige Erzählweise von über mehrere Jahre verteilten Ereignissen wirkt dafür umso authentischer und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus. Es ist ein fast kumpelhafter Plauderton, in dem uns der Autor in seine Geheimnisse einweiht.

Dahmens persönliche Note macht Fahrradmod im Gegensatz zu stärker durchkomponierten Geschichten besonders lesenswert und sympathisch. Das mag nicht zuletzt in der Schilderung der Bemühungen des Protagonisten begründet liegen, sich durch die nötigen Accessoires und Statussymbole sowie die entsprechende Haltung Zugang zu einer Szene zu verschaffen, die ihr Wissen Uneingeweihten gegenüber wie ein Geheimbund hütet – wenn daraus nicht die eigene Unsicherheit und Orientierungslosigkeit ihrer Protagonisten spricht. Als Mod ohne Motorroller, sondern lediglich mit einem Fahrrad ausgestattet, ist die eigene Ausgangsposition dabei denkbar ungünstig.

Fahrradmod ist gespickt mit liebevoll umgesetzten Details und pop-kulturellen Anspielungen, sodass sich neben den klassischen Coming-of-Age-Situationen zahlreiche Anknüpfungspunkte an persönliche Erlebnisse bieten. Die scheinbar beiläufige Platzierung des Videospiels Resident Evil, eines Prototyps aus dem Genre Survival Horror, kann etwa als augenzwinkernde Parabel auf die nicht immer einfache Jugendzeit gedeutet werden. Die anekdotische Erzählform von Fahrradmod lässt sich ebenso auf die Entstehung des Comics zurückführen, der seit 2007 in Fortsetzungen als Webcomic erscheint.

© Tobi Dahmen / Carlsen Verlag

© Tobi Dahmen / Carlsen Verlag

Für die Veröffentlichung in gedruckter Form hat Dahmen den Webcomic einer gründlichen Überarbeitung unterzogen; nicht nur, um den früheren Zeichenstil stellenweise anzupassen. Dadurch hat das Werk an Struktur gewonnen und eine Erweiterung der Farbpalette um Grautöne erfahren. Der neu gewonnenen Körnung und einigen visuellen Effekten ist allerdings leider der knackige Schwarz-Weiß-Kontrast zum Opfer gefallen. Umso erfreulicher ist es dafür, dass Dahmen in diesem Zusammenhang minutiös zeitgeschichtliche Details neu eingefügt hat, was seiner Geschichte atmosphärisch mehr Tiefe verleiht. Sein cartoonhafter Zeichenstil schafft Räume für grafische Experimente und bildet die Atmosphäre der Zusammenkünfte in Pubs, Jugendheimen oder Konzertsälen ebenso eindrucksvoll ab wie die Dynamik der unterschiedlichsten Tanzflächen. Wen es dabei nicht im Tanzbein juckt, der ist wohl nie über den Besuch eines bestuhlten Konzerts hinaus gekommen.

Fahrradmod ist eine Hommage an die gemeinschaftsbildende und sinnstiftende Funktion von Jugendkultur und ein Plädoyer für die nostalgische Katalysatorfunktion von Musik, die liebgewonnene Erinnerungen wachrufen kann. Wie sonst lässt es sich erklären, dass sich der Autor auch Jahrzehnte später noch einer Bewegung verhaftet fühlt, die ursprünglich einmal für Jugendliche erdacht worden war?! Dahmen versteht es, diese Faszination in stimmungsvollen Bildern einzufangen – von den modischen Statements über lässige Posen bis hin zur Ekstase auf der Tanzfläche. Ein umfangreiches Glossar, eine Playlist und weiterführende Literaturempfehlungen helfen dabei, zwischen den einzelnen Musikrichtungen nicht den Überblick zu verlieren. Wer erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, findet genügend weiterführende Hinweise, und der bei Mixcloud angelegte Soundtrack zu Fahrradmod ist ein wirklich passendes Gimmick. Alle, die von Quadrophenia und This is England begeistert waren und sich darüber hinaus einmal aus der Perspektive einer deutschen Kleinstadt in die Welt der Mods entführen lassen möchten: Anlage an und ran an Fahrradmod!

Ein atmosphärisches Mixtape über das Erwachsenwerden in der Kleinstadt im Spannungsfeld verschiedener Jugendkulturen, auf dem die Musik der eigentliche Hauptdarsteller ist

8 von 10Fahrradmod
Carlsen, 2015
Text und Zeichnungen: Tobi Dahmen
Graustufen: Carsten Dörr und Tobi Dahmen
472 Seiten, Graustufen, Hardcover
Preis: 29,99 Euro
ISBN: 978-3-551-76308-2
Webcomic Soundtrack zum Comic