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Esmera

Angeblich konsumiert so gut wie niemand Pornographie. Da fragt man sich doch, warum die Pornoindustrie jedes Jahr Milliarden umsetzt. Falls die Produkte nicht gerade an kleine grüne Männchen verkauft werden, so liegt der einzig naheliegende Schluss doch darin, dass sich die meisten Konsumenten immer noch nicht trauen zuzugeben, dass sie pornographisches Material erwerben. Angesichts einer dauersexualisierten Gesellschaft ist das ein erstaunliches Phänomen. Denn Nacktheit und Anzüglichkeit ist allerorten zu sehen.

Trotz aller Liberalisierung der letzten Jahrzehnte, vor allem seit den 1960ern, haftet dem Porno immer noch etwas Ruchbares an, wozu auch die Anti-Porno-Kampagnen feministischer Gruppierungen beigetragen haben dürften. Doch es gibt auch immer wieder Versuche, der Erwachsenenindustrie ihren Nimbus zu nehmen und sie in den Mainstream einzugliedern. So gibt es etwa mit Xanadu eine französische TV-Serie, die im Porno-Milieu spielt, und immer wieder nehmen sich renommierte Regisseure expliziter Szenen an, wie Lars von Trier in Antichrist und Nymphomaniac oder Michael Winterbottom in 9 Songs. Dabei geht es weniger um eine Provokation, auch wenn die Szenen dann gerne diskutiert werden, sondern darum, wie selbstverständlich und wichtig Sex im Leben der meisten Menschen ist.

Doch die Einbettung pornographischer Szenen ist nicht nur in Spielfilmen zu finden, sondern natürlich auch in Comics. Auch abseits einschlägiger Produkte in Tradition der Tijuana Bibles oder reiner Porncomics gibt es immer wieder pornographische Elemente in Genrecomics, welche teilweise überraschend schlüssig in die Handlung eingebunden sind, wie zum Beispiel in Morbus Gravis. Außerdem gibt es Comicautoren und -zeichner, die herausstellen wollen, dass auch im Bereich der Pornographie ein künstlerischer Ausdruck möglich ist. Hier sind vor allem Alan Moore und Melinda Gebbie mit Lost Girls zu erwähnen. Und aktuell eben Zep mit Esmera. Wobei Zep diesmal nicht selber zeichnet, sondern den Stift seinem Kollegen Vince überlies.

Manche Leser dürften überrascht sein, dass der für seine Funnies bekannte Zep etwas Pornographisches schreibt, dabei ist es gar nicht so abwegig. Denn auch in seiner Hauptserie Titeuf ging es zumindest ab und an frivol zu, ebenso in seinen Cartoonbänden Happy Sex oder aktuell dem wundervollen What a Wonderful World!. Doch in Esmera geht es hauptsächlich um Sex und auf einer Subebene zudem um die Geschlechtsidentitäten. Zu Beginn der Handlung ist Esmera ein junges Mädchen in einer Klosterschule, das neugierig auf Sex ist. Zunächst kann sie nur ihre Mitbewohnerin Rachele dabei beobachten. Als Esmera schließlich ihren ersten eigenen Orgasmus bekommt, geschieht etwas Erstaunliches: Sie wechselt ihr Geschlecht. Fortan pendelt sie immer zwischen Mann und Frau und versucht zwischen den Geschlechtswechseln ihre Identität zu bewahren.

Die Idee ist reizvoll und sorgt nicht nur für komische Momente, sondern eben auch für viel Sex und pornographische Szenen. Etwa wenn Esmera in Gestalt ihres männlichen Alter Egos selbstvergessen onaniert und plötzlich als nackte Frau mitten in einer männlich dominierten Wohngemeinschaft steht. Manche Szenen sind wunderbar in die Handlung eingebunden, etwa wenn es darum geht, wie Esmera mit ihrer außergewöhnlichen Sexualität umzugehen versucht, welche normale Beziehungen nahezu unmöglich macht. Andere sind eher klischeehafte Phantasien, in denen alle Beteiligten immer willig sind, Frauen wie Männer. Nebenbei wird hier und da Kritik an gesellschaftlichen Bewegungen eingeflochten, wie der freien Liebe oder der sexuellen Revolution, die auch ihre rigiden und verlogenen Seiten hatten. Doch diese Momente gehen viel zu schnell vorbei. Schade ist es auch, dass die seit einigen Jahren in der Wissenschaft diskutierten Zusammenhänge zwischen Geschlechterrollen und Gesellschaft nicht stärker behandelt werden. Angesichts der Geschlechtswechsel-Fähigkeit der Hauptfigur eine vertane Chance.

Esmera ist zwar ein anregendes, schön gezeichnetes Sex-Kaleidoskop. Aber um die alte Frage zu bemühen: Ist es auch Kunst? Das ist schwierig zu beantworten. Erzählerisch dominiert zwar nicht nur der lüsterne Blick, sondern auch der ironische, doch das geht letztendlich wiederum zu Lasten des vorhandenen Dramas. Es fehlt an einer durchgehenden Perspektive und eines klar erkennbaren Themas. Esmera vereint einige gute Ideen und Ansätze, will letztendlich aber zu viel und steht sich dabei selbst etwas im Weg. Dennoch eine reizvolle Lektüre.

Schön anregend und ironisch, aber auch etwas unentschlossen

7von10Esmera
Splitter Verlag, 2016
Text: Zep
Zeichnungen: Vince
Übersetzung: Resel Rebiersch
78 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-398-1
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