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Doctor Strange (Film)

Doctor Strange, seit Donnerstag in den Kinos, ist der mittlerweile 14. Film des „Marvel Cinematic Universe“, und eigentlich muss man längst damit rechnen, dass Marvel das Ding mal so richtig an die Wand fährt und etwas produziert, was entweder so richtig schlecht ist oder aber wirklich niemand sehen will (Das eine steht nicht zwingend mit dem anderen in Verbindung, wie man weiß). Stattdessen muss man zum wiederholten Mal feststellen: Auch der neueste Marvel-Film ist zwar kein filmisches Meisterwerk, aber wieder mal ein mehr als solider, sehr unterhaltsamer Blockbuster.

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Alle Abbildungen: © Disney/Marvel

Dr. Stephen Strange ist ein megaerfolgreicher Gehirnchirurg, der sich bei einem Autounfall so schwer die Hände verletzt, dass er seine Kunst nicht mehr ausüben kann. Seine letzte Hoffnung ist ein Trip nach Nepal, wo er bei der erleuchteten Weisen namens „Ancient One“, der „Ältesten“, neue mystische Wege zu seiner Heilung zu finden sucht. [Einschub: Bei aller berechtigten Kritik daran, dass hier eine asiatische Figur von einer weißen Britin gespielt wird, gehört die Besetzung mit der großartigen Tilda Swinton zu den großen Coups des Films.] Was er findet, geht aber weit über körperliche Gesundung hinaus, denn Strange, ein strenger Anhänger der empirischen Wissenschaft, lernt neben ein bisschen Martial Arts auch, die Grenzen der Realität zu sprengen und diese zu manipulieren. Somit kehrt nun also auch die Magie ein ins filmische Marvel-Universum, das es bisher schon geschafft hat, Hightech, mutierende Monster, nordische Götter und ferne Galaxien in eine gemeinsame Kinowelt zu integrieren.

Doctor Strange ist nicht ohne Schwächen: Wie so oft muss man wieder eine zähe Originstory durchstehen, bis der Held endlich seine Fähigkeiten einsetzen kann, wie so oft bleibt auch hier der Bösewicht ziemlich blass und motivationsarm, wie so oft ist der Plot wenig mehr als eine Aneinanderreihung von Standardtropen des Abenteuer- und Action-Genres.

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Dass der Film trotzdem Spaß macht, liegt zum einen an Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch, der dem Superarzt und Teilzeit-Mystik-Magier Strange viel Charisma verleiht und als 1A-Besetzung verbucht werden muss. Dieser Doctor ist – ganz ähnlich wie Cumberbatchs Sherlock Holmes – sehr von sich überzeugt und gar nicht mal besonders sympathisch, hat aber trotzdem einen schwer widerstehlichen Charme. Zum zweiten liegt es an den Schauwerten des Films: Hier gibt es richtig viel opulentes Augenfutter, für das sich sogar der meist so überflüssige 3D-Klimbim ein bisschen lohnt. Strange erkundet mystische Sphären jenseits unserer Realität, und die kommen auf der Leinwand derart spacig und psychedelisch daher, dass der Ausdruck „Special-Effect-Guru“ für die CGI-Künstler dieses Films nicht fehl am Platz ist. Wenn Pink Floyd in der Urbesetzung mit Syd Barrett mit heutiger Technik Videoclips drehen könnten, würden sie wohl so ähnlich aussehen wie diese Szenen.

Einen weiteren visuellen Leckerbissen gibt es immer dann zu sehen, wenn „the Ancient One“ und ihre Schüler die Gesetze der physikalischen Welt brechen und die drei Dimensionen ineinander falten. Dann drehen sich senkrechte Wände ineinander, Straßen knicken jäh nach oben oder unten, überall tauchen Spiegel auf und ganze Stadtviertel verwandeln sich in riesige M.C.-Escher-Gemälde. Sowas hat man zwar so ähnlich schon mal in Christopher Nolans Inception gesehen, hier aber hat das Ganze noch mehr Wucht und dient als optische Basis für rasante Actionszenen. Ja, hier wird dem inzwischen schon arg ausgelutschten Thema „Superhelden und -Schurken rauschen durch die Stadt, geben sich gegenseitig auf die Rübe und machen alles kaputt“ wirklich etwas Neues hinzugefügt.

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Dritter Pluspunkt nach Cumberbatch und dem visuellen Reiz ist das mittlerweile bewährte Marvel-Rezept, das dem ganzen Getöse und Weltenretten stets eine ordentliche Dosis Ironie und Augenzwinkern spendiert und es damit erdet. Auch hier wird nicht mit knackigen Onelinern gespart, es gibt hübsche Gags und nette Nebenfiguren. Und sehr wahrscheinlich funktioniert das auch für Zuschauer, die noch keinen der 13 vorangegangenen MCU-Filme kennen, denn Doctor Strange bleibt (zumindest im ersten Teil, der sicher nicht der letzte bleibt) erstaunlich unabhängig vom übrigen Marvel-Universum, auch wenn es natürlich vereinzelt die obligatorischen Anspielungen gibt und am Schluss wie immer gleich die Tür zum nächsten Marvel-Movie geöffnet wird. Dass man sich dann auch für diesen wieder interessieren wird, ist die eigentliche Kunst und das größte Wunder an diesem irren Hollywood-Franchise.

Gelungene Erweiterung des Marvel-Filmuniversums: Jetzt auch mit Magie und reichlich visuellen Schauwerten

Doctor Strange
USA 2016
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Jon Spaihts, Scott Derrickson, C. Robert Cargill
Hauptdarsteller: Benedict Cumberbatch (Dr. Stephen Strange), Chiwetel Ejiofor (Mordo), Rachel McAdams (Christine Palmer), Benedict Wong (Wong), Mads Mikkelsen (Kaecilius), Tilda Swinton (The Ancient One)