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Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest? Da mögen die meisten nur an den gleichnamigen Disney-Film von 1991 denken, der die für den Mäusekonzern übliche Mixtur aus Märchenmotiven, Musik, Witz und romantischem Kitsch beinhaltet. Dabei ist die Story um die junge Frau, die einem Biest als Opfer dargebracht wird und sich in ihn verliebt, da sie hinter sein Äußeres sehen kann, wesentlich älter. So gab es schon 1946 eine französische Verfilmung mit Jean Marais und Josette Day. Diese war sehr viel düsterer als die amerikanische Version und beinhaltete auch einen mehr als leichten Touch Gothic Horror, rührte aber die zentrale Aussage nicht an. Beide Filme basieren auf dem französischen Märchen La Belle et la Bête, welches um 1740 niedergeschrieben worden war. Dieses wiederum soll auf einer wahren Gegebenheit beruhen. Pedro Gonzalez (1537-1618) war am ganzen Körper behaart und galt demnach als eine Art Monster. Er wurde zwangsverheiratet, führte aber eine glückliche Ehe, da seine Frau seinen Charakter und sein Wesen zu schätzen wusste und die Person an sich liebte, nicht die äußere Gestalt.

© Splitter Verlag

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Eine Aussage, die immer noch aktuell ist und die man sich angesichts von Schönheitswahn und normierten Schönheitsklischees immer wieder vor Augen führen sollte. Dieses Motiv taucht in der Literatur immer wieder auf, zum Beispiel in Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz mit der berühmten Aussage, dass man nur mit dem Herzen gut sieht, oder in Adalbert Stifters Novelle Brigitta.

Für die neueste Adaption, diesmal in Comicform, hat Szenarist Maxe L’Hermenier das Märchen nur unwesentlich verändert. Die zentrale Aussage ist dieselbe, wobei die Heldin sich nicht wie sonst in das Biest verliebt, welches im Übrigen auch schon anderweitig vergeben ist. Aber sie freunden sich an. Die tüchtige junge Frau erkennt den noblen Charakter hinter seinem Äußeren, und es imponiert ihm, dass sie keine Furcht vor ihm hat. Wie soll da eine dramatische Entwicklung vonstatten gehen? So finden die Konflikte dann auch weniger zwischen diesen beiden statt, stattdessen sorgen andere Figuren für Zündstoff. Ein Zauberer hält die Ehefrau des Biests gefangen und setzt es damit unter Druck, Seelen einzufangen. Das bringt einen größeren Fantasyeinschlag in den Comic, außerdem räumt es jede moralische Fragwürdigkeit von vornherein aus: Der Held ist trotz seines bedrohlichen Äußeren gut, da alle schlimmen Taten, die er begeht, unter Zwang geschehen. Zudem versucht er nur böse Menschen zu schädigen und schwarze Seelen zu holen. Durch diese charakterliche Eindeutigkeit bleibt die Figur etwas blass, auch wenn man als Leser Sympathie für sie entwickelt. Das gilt auch für viele andere Figuren des Comics. Das Happy End (hey, wir sind im Märchen, natürlich gibt es eins!) wirkt zumindest in einer Konstellation etwas unglaubwürdig, da eine der Hauptfiguren sehr sprunghafte Entwicklungen durchmacht und die Liebe der Heldin zu ihm eigentlich nie besonders thematisiert wurde.

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Angesichts der opulenten Zeichnungen von Looky und Dem kann man das alles aber gut verschmerzen, denn ihre Seiten kann man lange betrachten und sich in vielen Details verlieren. Es gibt etliche beeindruckende Splashpanels, die nicht allein um die Wirkung buhlen wie etwa im Superheldengenre, sondern umfassende Panoramen entwickeln. Leider gibt es dann aber auch einige sehr alberne Sequenzen, die nicht nur inhaltlich unpassend wirken, sondern auch grafisch: In diesen Szenen weisen die Gesichter deutliche Manga-Einflüsse auf, was hier ein Fremdkörper ist und die Harmonie aufreißt. Insgesamt ist das alles ein schöner Schein und viel Lärm um Nichts. Wie schön wäre es gewesen, wenn der Comic seine Botschaft selbst verkörpert hätte: hinter den Vorhang zu sehen, um das Wesentliche zu entdecken.

Viel Lärm um Nichts: Entgegen seiner Botschaft bleibt der Comic recht oberflächlich.

Die Schöne und das Biest
Splitter Verlag, 2015
Text: Maxe L’Hermenier
Zeichnungen: Looky, Dem
Übersetzung: Resel Rebiersch
96 Seiten, farbig, Hardcover
Preis:19,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-074-4
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