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Die Schachnovelle

Klassiker ziehen immer, oder? Insbesondere natürlich, wenn der Tod des Autors mehr als 70 Jahre zurückliegt und das Copyright damit als erloschen, der Text als Freiwild gilt. 73 Jahre nach Stefan Zweigs Tod hat Thomas Humeau sich der Schachnovelle, dem schmalen Erfolgsbuch des österreichischen Autors angenommen.

alle Bilder © Knesebeck Verlag

Die Geschichte ist rasch erzählt: Auf einem Passagierschiff, das von New York nach Südamerika fährt, begegnet der berühmte Schachweltmeister Mirko Czentovic (frei erfunden) dem ungewöhnlich begabten Schachspieler Dr. B., dessen Fähigkeiten keine Folge imposanter Turniererfahrung sind, sondern vielmehr das traumatische Ergebnis seiner Gestapo-Inhaftierung 1938. In deren Verlauf wurden ihm, um ihn für die Verhöre gefügig zu machen, sämtliche Reize entzogen: In einem tristen Zimmer ohne Ablenkung oder jegliche Gesellschaft fristet er monatelang sein Gefangenenleben, bis ihm zufällig ein Schachlehrbuch in die Hände fällt. Dieses lernt er wie ein Besessener auswendig und verfällt allmählich in den Wahn, Partien gegen sich selbst zu spielen. Nach seiner Entlassung rührt er kein Schachbrett und keine Figur mehr an, bis er dieses Schiff betritt, wo einige Passagiere ihn dazu drängen. Er trifft auf Mirko Czentovic, einen wenig feingeistigen Kontrahenten, der zunächst eine Partie verliert, die Revanche aber gewinnt, weil das Verhalten des Dr. B. am Schachbrett wieder die manischen Züge annimmt, die er schon in der Gefangenschaft zeigte…

Soviel zur Handlung, soweit Original und Adaption übereinstimmen. Nun hat Thomas Humeau einige Veränderungen an der Story vorgenommen, deren auffälligste die Ergänzung der pelzummantelten und wohlstandsgelangweilten Kapitänstochter Emma ist, deren psychisches Gleichgewicht von einem (nicht näher ausgeführten) Konflikt mit den Eltern geprägt ist. Ungeachtet ihres freizeitbetonten Lebensstils fühlt sie sich unglücklich und bildet damit neben B. und Czentovic die dritte Hauptfigur, der ein Ausbruch aus ihren Mustern nicht möglich scheint. Humeau stellt seine, von ihren Zwängen bestimmten Figuren gern ‚hinter Gittern‘ dar  und setzt damit gut ins Bild, was Stefan Zweig in Worten gelungen ist. Die Figur der Emma ist schon ein gewagter Eingriff in die Figurenkonstellation des Originals, das von dem zwanghaften Gegeneinander zweier monomanischer Charaktere lebt. Die neue Figur zieht die Aufmerksamkeit von den beiden Schachverrückten, und kann sie doch nicht ganz fesseln, weil Emmas Konflikt zu unbestimmt ist: „Irgendwas mit Familie“ genügt nicht, um sie auf eine Stufe mit den beiden leidgeprägten Schachkontrahenten zu stellen. Die Lebensgeschichte von Czentovic – der zweite erhebliche Eingriff in das Original – wird nicht zu Beginn erzählt, sondern erst nach der letzten Partie. Diese Entscheidung, die Charakterisierung von Czentovic ganz ans Ende zu verlegen, leuchtet wenig ein, weil die Entwicklung der Figur hier längst abgeschlossen ist und der Konflikt bereits beendet. Den einfachen Charakter Czentovics, der bei Zweig noch als menschlicher Schachautomat mit tragischer Vergangenheit daherkommt, hat Humeau wenig überzeugend zu einem draufgängerischen Piloten mit einer Neigung zu Steinskulpturen gemacht.

Die Stärken des Comics liegen in seiner eindrucksvollen Darstellung der wahnhaften Erinnerungsfetzen aus der Haftzeit des Dr. B. und dort, wo seine Erinnerungen an die Gefangenschaft bildhaft mit seinem Aufenthalt in der Schiffskabine verschmelzen, so dass ihm das Bullauge plötzlich als vernageltes Fenster erscheint.

Die Schachvergiftung von Dr. B. ins Bild gesetzt.

Hier kann Humeau, dessen bisherige Comics (Desert Park, 2010; Printemps noir, 2013) nicht ins Deutsche übertragen wurden, seinen reduzierten, aber prägnanten Stil am besten zur Geltung bringen. Er hat sein Recht auf die Freiheiten, die eine Adaption dem Kopisten bietet, wahrgenommen; manches Mal zum Guten, aber eben nicht immer, und manchmal hinterlässt es mich ratlos: Während Zweigs Geschichte in einer unbestimmten Zeit nach 1939 spielt, hat Humeau sich für ein konkretes Datum entschieden, den 26. Juli 1947. Aber warum? Daraus resultieren leider einige Ungereimtheiten, denn Dr. B. erzählt, dass seine Haftzeit weniger als vier Jahre zurückliege (also 1943), obwohl die Ereignisse kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 stattgefunden haben müssen. Und ein weiteres Mal scheint die Chronologie durcheinandergewürfelt: Das Plakat in Emmas Zimmer (mit Humphrey Bogart, Audrey Hepburn und William Holden) deutet auf Billy Wilders Kinofilm Sabrina hin, der aber erst 1954, also sieben Jahre nach dieser Schifffahrt erschienen ist. In anderen Comics könnte dies ein sinnvolles Spiel mit Wirklichkeit sein, hier aber ist es einfach nur irritierend.

Humeaus Adaption der Schachnovelle überzeugt nicht vollständig: Die Konfrontation ist ideal für zwei Figuren, Emma hingegen ist trotz des guten Ansatzes ein Störenfried. Aus dem schachautistischen Bauernburschen Czentovic ist ein flugfähiger Frauenaufreißer geworden, der als solcher nicht mehr überzeugt. Eine schöne Idee wiederum ist Humeau mit der Einführung der Eule „Solange“ gelungen, die als Emmas Haustier im Käfig lebt. Wenn sie am Ende mit Dr. B. an Land geht, haben beide ihre Käfige verlassen. Ein tröstliches Ende mit einem schönen Bild, und es tröstet auch den Leser ein wenig über manches hinweg, was weniger gelungen ist.

Lieber doch die Novelle von Zweig lesen…

Die Schachnovelle. Nach Stefan Zweig7von10
Knesebeck, 2016
Text und Zeichnungen: Thomas Humeau
Übersetzung: Anja Kootz
128 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3868739657
Leseprobe

Kategorie: Rezensionen

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Literatur- und Medienwissenschaftler, Science Slammer (über Walter Moers und Kriegsromane), Bücher über Walter Moers (v&r), Actionkino (Bertz & Fischer), den Deutschen Buchpreis (bup) und NS-Kriegsromane (Metzler); Mitherausgeber von Closure, dem Kieler eJournal für Comicforschung, und Vater