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Dickie

Dickie, das ist eigentlich so ein richtiger Normalo. Ein rundlicher Typ mit wenig verbliebenen Haaren und von der Persönlichkeit her etwas einfältig. Nicht gerade der klassische Typus eines Comicheroen. Und doch erlebt dieses putzige Männlein, zu Beginn von seinem Schöpfer Pieter de Poortere noch als Durchschnittsbauer charakterisiert, die tollsten Abenteuer. Leider fast ausnahmslos mit negativen Wendungen. Tragisch für Dickie, höchst amüsant für den Leser.

Alle Abbildungen: © Avant-Verlag

Alle Abbildungen: © Avant-Verlag

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte, in der Dickie in einem U-Boot unterwegs ist, das Leck schlägt. Er erwehrt sich daraufhin eines Kraken, harrt tapfer unter Wasser eingeschlossen aus, schießt sich selbst aus einem Torpedo, kämpft erneut siegreich gegen ein Meeresungetüm und findet am Ende dann doch einen vergleichsweise albernen Tod. Solch bitterböse Stories, die heldenhaft beginnen, aber traurig enden, findet man in dem Buch fortwährend. Und die eben geschilderte Episode ist da im Gesamtbild noch eher eine der harmloseren. Pieter de Poortere  geht noch einige Schritte weiter, schreckt nicht davor zurück, auch in Dickies – und damit des Menschens an sich – tiefsten, verkorksten Abgründen herumzuwühlen. Wäre das Ganze nicht  derart überdreht, man wäre durchaus versucht, die Verhandlung gesellschaftlicher Kontroversen, Tabus und Entwicklungen in diesen Comic hineinzuprojizieren. Immerhin sind Inhalte wie Sterbehilfe, Klonversuche, Umweltschutz oder gar Elfenbeinhandel dankbare Vorlagen für die Erlebnisse Dickies.

So tiefschürfend wie das vielleicht klingt, ist es aber dann doch nicht. Und übrigens auch nicht so deprimierend. Sicher, es geht vieles (fast alles) schief und am Ende jeder Erzählung steht eine niederschmetterende Erkennntnis. Oder Dickie geht es noch viel schlechter als vor der jeweiligen Situation, aus der er sich befreien wollte. Oder er stirbt einfach. Er stirbt immer und immer wieder.

Das eine Mal erhält Dickie ein lebenswichtiges Spenderorgan, aber die Freude darüber währt nicht lange. Ein anderes Mal rettet er einen potenziellen Selbstmörder vor dem Sprung von einem Haus. Sogar ein Ufo schießt er mit seiner Schrotflinte vom Himmel und verhindert damit die Alieninvasion. Dank de Poorteres fiesen Plottwists darf seine Figur allerdings nie besonders lange von Ruhm und Erfolg zehren, sondern wird stets in die nächstmögliche und -schlimmste Katastrophe katapultiert. Der Suizid ist allgegenwärtig und immer im Bereich des Vorstellbaren. Warum man als Leser trotzdem keine allzu große Empathie für den armen Kerl aufbringt? Das liegt wohl daran, dass er in vielen Geschichten weniger naiver Tropf als vielmehr ein richtiger Idiot oder Halunke ist. Für die Mitmenschen hat er zumeist nichts übrig. Und wenn doch, wie an dem Punkt, als er sich ein Supermankostüm näht und Verbrechen aufklären möchte, endet das in einem Fiasko für alle Beteiligten.

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Wenn man auf solch einen extrem sarkastisch-schwarzen Humor steht, wird man daran seine helle Freude haben. Zumal die grafischen Ausführungen des Zeichners, der völlig ohne Worte und mit relativ schlichten Bildern in gleichmäßigen Panels ziemlich fordernde Kurzcomics vermittelt, sehr angenehm sind. In ihrer Unbedarftheit und ihrem unbestechlichen Timing für die inhärente Absurdität liegt eine gewisse Genialität. Nicht unerwähnt bleiben darf die abwechslunsgreiche Typographie des jeder Erzählung vorangestellten Dickie-Schriftzugs. Der ist nämlich in das jeweilige Grundmotiv eingebunden und damit zwar nur ein Detail, das aber umso stärker nachwirkt, weil es wirklich kreativ gestaltet ist.

Die universellen Episoden in dem Band, in denen Dickie in jedem denkbaren Kontext auftauchen kann und die schnell keinen Bezug mehr zu dem anfänglichen Bauernschema aufweisen, müsste man eigentlich in zwei Kategorien sortieren: Auf der einen Seite sind die „realistischen“ Handlungen, die – großzügig bemessen – so oder so ähnlich in unserer Gegenwart vorstellbar wären. Auf der anderen Seite gibt es eine Metabene, die de Poorte verwendet, um Dickie in die Rolle historischer Figuren schlüpfen zu lassen. Oder in popkulturelle. Oder in die religiöser. Oder von Gott persönlich. Egal ob nun Hitler, Jesus oder Bin Laden auftauchen, der zu Tage tretende Humor ist auch hier nicht zimperlich und schreckt auch vor Geschmacklosigkeiten nicht zurück.

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Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird die Lektüre des beim Avant-Verlag erschienenen Buchs nicht bereuen. In Belgien und den Niederlanden treibt Dickie übrigens bereits seit 15 Jahren sein Unwesen und ist dort äußerst populär. Da die vorliegende deutsche Ausgabe, ummontiert in das Querformat, lediglich ein Zusammenschnitt aus den ersten drei (von bislang zehn) Originalalben darstellt, kann man nur inständig hoffen, dass weiteres Material für den deutschsprachigen Markt folgen wird.

Urkomisch, absurd, morbide: Dickie hat einen einzigartigen, schwer vergleichbaren Stil.

Dickie
Avant-Verlag, 2016
Text/Zeichnungen: Pieter de Poortere
216 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-40-8
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