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Das Fleisch der Vielen

Zum Einstieg gleich die Gretchenfrage:
Wie hast du’s mit der Adaption?
Zweitklassig nur, da nacherzählt
von bess’rer Originalversion?

Oder weckt es gerade dein Interesse,
zu sehn, mit welcher Raffinesse
ein Künstler sich zu eigen macht,
was sich ein anderer ausgedacht?
Liest du das alte Werk zuerst,
Damit den Kontext du erfährst?
Oder stürzt du dich ins Neue
Und scherst dich nicht um Werkestreue?

Ich weiß es auch nicht, ehrlich –
ich hab’s mal so, mal so.
Mal macht mich nur der Ursprungstext,
mal nur das neu Entstandene froh.

Alle Abbildungen © Splitter

Auch bei Splitter scheint man mitunter solchen Fragen nachzuhängen, denn im neuesten Buch mit einer Adaption von Kai Meyer wird die ursprüngliche Erzählung gleich mitgeliefert. Nun kann sich jeder selbst ein Bild machen, wie gut der Künstler Jurek Mallotke Kai Meyers Erzählung „Das Fleisch der Vielen“ durchdrungen und ins neue Medium überführt hat. Mallotke lässt sich sozusagen in die Karten schauen und uns teilhaben an seinen Überlegungen. Eine gute Entscheidung, denn als eigenständiges Buch wäre Das Fleisch der Vielen nur eingeschränkt tragfähig.

Ein politisch engagiertes Pärchen gerät bei einer Demonstration gegen Nazis in eine gefährliche Straßenschlacht und flüchtet sich in ein altes verlassenes Hotel, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht. Sie werden im Dunkel der Hotelgänge auf sich selbst zurückgeworfen und müssen bald feststellen, dass es zwar leicht war, das Hotel zu betreten, dass es aber nahezu unmöglich ist, es wieder zu verlassen. Jurek Mallotke erzählt das in einem reduzierten, abstrakten Stil, der an die Arbeiten von Ted McKeever oder Ashley Wood erinnert und den Vergleich mit diesen nicht zu scheuen braucht.

Erzählerisch tritt Das Fleisch der Vielen dennoch über weite Passagen auf der Stelle, da die – durchaus effektvolle – Inszenierung von Angst im Dunkeln auf Dauer zu wenig variiert wird und der Spannungsbogen in eine Pointe mündet, die zwar schlüssig ist, aber nicht wirklich neu. Sicher, die Entscheidung, lovecraftschen Horror mit einem politischen, deutschen Kontext zusammenzuführen hat ihren Reiz, dennoch wäre die Geschichte in einer Anthologie von Comic-Kurzgeschichten besser aufgehoben gewesen. Das Fleisch der Vielen ist keine Kurzgeschichte, die auf Albenformat gestreckt werden sollte, außer vielleicht, man formuliert die Figuren stärker aus und reichert sie mit einer Backstory an. Von ihrer Anlage her hätte das Anarcho-Pärchen Jana und Tim durchaus das Potenzial zu einer längeren Erzählung gehabt und es ist schade, dass sie nach einer viel zu kurzen, neugierig machenden Einführung zu schnell ans Messer geliefert werden. Die Manipulation des Lesers ist offensichtlich: Empathie erzeugen, um den Leser mitleiden zu lassen. Ich hätte die beiden lieber näher kennengelernt.

An Jurek Mallotkes Kunstfertigkeit besteht kein Zweifel, ebenso ist Kai Meyer über jeden Zweifel erhaben, auch wenn seine Kurzgeschichte nicht die epische Kraft seiner großen Erzählungen entfalten kann. Sie ist schlichtweg solides Handwerk, literarisches Fastfood für zwischendurch im Sinne einer Stephen-King-Kurzgeschichte. In einem Horrorheft des Weißblech Verlags wäre die Adaption – in strafferer Form – richtig gut platziert gewesen. Für ein eigenständiges Hardcover ist der Inhalt etwas dünn – ein Mangel, der durch die Entscheidung, Original und Adaption gemeinsam zu veröffentlichen, zumindest ein wenig abgemildert wird.

Deutscher Horror mit politischem Subtext. Interessante Grafik.

Das Fleisch der Vielen
2018, Splitter
Szenario: Kai Meyer
Zeichnungen: Jurek Malottke
96 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3962192143
Leseprobe

 

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