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Das Erbe des Teufels 1: Rennes-Le-Chateau

Die Vergangenheit ist häufig ein Sehnsuchtsort. Nicht nur aus rein privaten Gründen, die dann oftmals nostalgisch geprägt sind, sehnt man sich nach vergangenen Zeiten, die sowohl die Sicherheit des Bekannten hat als auch das große Unbekannte vereinen. Was natürlich paradox klingt, aber einfach aufzuklären ist: Bekannt sind natürlich die historischen Fakten. Diese sind nachprüfbar und es gibt immer Zeugnisse und Spuren, welche gesichert sind und ein Fundament bilden. Es wird also für den Leser oder die Leserin ein eskapistisches Umfeld geschaffen, welches vom Alltag weit genug entfernt ist, um das triste Hier und Jetzt zu verlassen.

Alle Abbildungen: © Bunte Dimensionen

Und doch kann man sich meistens an die jeweiligen Orte begeben und die Quellen überprüfen. Dabei ist die Vergangenheit ein nicht greifbares Konstrukt und es bleiben immer Leerstellen. Dinge und Situationen, die der Spekulation anheimfallen, da über sie keine gesicherten Kenntnisse existieren. Je weiter man in der Vergangenheit zurückschreitet, desto weniger weiß man, weil die Spuren rudimentärer werden.

Gerade diese Leerstellen gestatten den populären Künsten genügend Freiraum, um sie fantasievoll zu füllen und man kann sich so auch verschiedenen Genres hingeben und muss nicht minutiös den historischen Vorgaben folgen. Vor allem aber können diese gefüllten Leerstellen dann durchaus eine Legende, ja sogar eine Mythologie an sich, bilden. Ein Beispiel für diese Art Vorgehen hat Dan Brown mit seinen Romanen vorgeführt. Er nutzt real existierende Fakten, die jeder Leser nachprüfen kann, und mythologische Aspekte zur Lückenfüllung, macht diese durch den Kontext glaubhaft und schafft damit eine eigene Mythologie. So etwa in seinem Roman Der DaVinci Code, in dem er sich unterem anderen des Rätsels um den französischen Ort Rennes-Le-Chateau annimmt.

Was das mit der jüngst gestarteten Comicserie Das Erbe des Teufels zu tun hat? Nicht nur nutzt Autor Félix eben genannte historische Leerstellen, um sein Garn zu knüpfen, sondern bezieht sich ebenso wie Dan Brown auf die Rätsel um den Ort Rennes-Le-Chateau. Im Jahre 1887 erhielt der dortige neue Pfarrer Geldmittel, um die Kirche und das Pfarrhaus zu renovieren. Während dieser Arbeiten wurde etwas entdeckt. Um was es sich handelt, scheint aber der Allgemeinheit unbekannt zu sein. Einige reden von einem Schatz, andere von einem Pergament. Jedenfalls war der Fund wichtig genug, um ihn geheim zu halten und wertvoll genug, dem Pfarrer eine große Summe Geld zu bescheren. Beides heizt noch mehr Spekulationen an. Manche vermuten das verborgene Gold der Tempelritter, andere sogar den Heiligen Gral. Aber Konkretes ist nicht bekannt und liegt, noch, verborgen im Schatten der Geschichte.

Der Comicautor Jérome Félix nutzt dieses Geheimnis, um seine Serie Das Erbe des Teufels zu entwickeln. Dabei nimmt er sich aber einige Freiheiten und will nicht die historischen Fakten um den Fund in der Kirche erweitern. Der reale Pfarrer, Saunière, starb bereits 1917, während die Handlung des Comics 1938 einsetzt und der Kleriker hier nur einen kurzen Auftritt hat. Vielmehr steht der junge, fiktive, Maler Constant im Mittelpunkt. Nach nur einer einzigen Liebesnacht kann er Juliette nicht vergessen und malt sie obsessiv. Eines Tages entdeckt er das Antlitz seiner Geliebten auf einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Fortan entschließt er sich,  dem Rätsel um Juliette nachzuspüren. Doch das Gemälde birgt auch noch Hinweise auf größere Geheimnisse, genaugenommen auf den Fund in Rennes-Le-Chateau, welchen auch Geheimagenten des Deutschen Reichs in Besitz bringen wollen.

Angesichts der Verquickung von History und Fantasy sowie einer leicht alternativen Geschichtsschreibung ist es kein Wunder, dass die Serie beim Verlag Bunte Dimensionen ihre deutsche Heimat gefunden hat. Viele Reihen aus dem Programm fallen in diese Sparte. Hier vermischen sich historische Fakten, eine fiktive Spionagegeschichte, die reales berücksichtigt (die Nazis waren immer auf der Suche nach mythologischen Artefakten) und mögliche mythologische Aspekte. Letzteres ist jedoch in Band 1 noch nicht ganz klar. Es ist nur von einer ominösen Macht die Rede, wobei schon der Titel der Serie einen Hinweis geben mag. Aber allein schon, weil der zentrale Punkt offen gehalten wird, ist man neugierig auf die Fortsetzung. Natürlich wird auch noch ein Geheimbund eingebaut, und so ballen sich doch einige recht klischeehafte Aspekte. Leider wird der Zugang zum Helden dadurch erschwert, dass er so furchtbar naiv ist. Oder sagen wir lieber so dumm, dass seine Entscheidungen beim Leser eher zu genervtem Stöhnen als zu Empathie führen. Immerhin gibt es eine vielschichtig angelegte Femme Fatale.

Letztendlich ist der erste Teil von Das Erbe des Teufels durch die vielen Klischees und den unsympathischen Helden ein etwas zwiespältiges Leseerlebnis, welches eher Freunde des Pulps ansprechen dürfte, und man fragt sich, ob die Serie mit dem zweiten Band noch die Kurve kriegen wird.

Das gestellte Rätsel macht neugierig, aber ansonsten überwiegen die Klischees.

Das Erbe des Teufels 1: Rennes-Le-Chateau
Bunte Dimensionen, 2016
Text: Jérome Félix
Zeichnungen: Paul Gastine
Übersetzung: Helene Kubasky
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15 Euro
ISBN: 978-3-944446-38-7
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