Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Capricorn Gesamtausgabe 1-3

Diese drei Bände haben mich sprachlos hinterlassen. Und meine Worte finde ich derzeit nur wieder, wenn ich anderen begeistert zu vermitteln versuche, was ich gerade gelesen und dabei erlebt habe: Andreasʼ ins Deutsche übersetzte Serie Capricorn ist meine aufregendste Comic-Lektüre des Jahres.

Protagonist dieser Fantasy-Story ist der Astrologe Capricorn, der im New York der 1930er Jahre bemüht ist, ein Verbrechen aufzuklären. Aber nichts ist tatsächlich, als was es zunächst erscheint: Das vermeintliche Verbrechen ist vielmehr ein tragischer Unfall, das akkurat-historisch anmutende New York ist ein höchst fiktiver Schauplatz, Capricorn erweist sich nicht als der richtige Name des titelgebenden Mannes – und ob dieser Genremix als „Fantasy“ treffend bezeichnet werden kann, sollte unbedingt in Zweifel gezogen werden.

Schreiber & Leser hat sich vorgenommen, den deutschen Comicautor Andreas, der seit jeher auf Französisch publiziert und zunächst mit seinen Serien Rork (1978–93) und Capricorn (1997–2015) Aufmerksamkeit erregte, auf den deutschen Markt zu bringen. Bisher sind nur einige seiner Projekte ins Deutsche übersetzt worden, und lediglich Carlsen hat sich 1998 an Capricorn herangewagt, allerdings nach zwei Alben wieder fallengelassen. Schreiber & Leser ist derzeit dabei, die Versäumnisse der deutschen Comicverleger nachzuholen und hat nach Cromwell Stone (2014) und Rork (2 Bände, 2015) nun begonnen, die 20 Capricorn-Alben in sieben Bänden herauszugeben.

Cover der ersten drei Bände der Capricorn-Gesamtausgabe

Willkommen in einer komplexen Welt

Die erste Band beginnt mit einem kafkaesken Shakespeare-Prolog: Ein Mann in Schwarz, der im nächtlichen New York unterwegs ist, erhält von drei alten Frauen sechs Schicksalskarten, an denen er seine Zukunft erkennen könnte, wüsste er die Zeichen richtig zu lesen. Rätselhaft, düster und in einem wiedererkennbaren New York der nahen Vergangenheit verwurzelt, so kommt das Setting dieses Abenteuers daher. Schwarze Katzen, Geheimorganisationen und indianische Tunnel aus grauer Vorzeit stellen das Inventar dieser Welt dar, und jede Seite eröffnet mehr Fragen als sie Antworten böte. In dieser Umgebung entwickelt sich ein Kriminalfall, den zu lösen Capricorn sich berufen fühlt: Eine alteingesessene Buchhandlung geht in Flammen auf, und der Inhaber, der alte Holbrook Byble, wird schwer verletzt. Eine Spur führt Capricorn in die Kanalisation, wo er das erste Mal auf die Gilde trifft, eine mysteriöse Organisation, die auf der Suche nach einem mächtigen Artefakt (Außerirdisch? Übersinnlich?) ist – ebenso wie der Verbrecherkönig Cole.

In dieser Dreiecksbeziehung zwischen Verbrechen, noch mehr Verbrechen und Aufklärung wird die Gilde rasch zerschlagen. Capricorn erbt vom (nur vermeintlich) toten Cole seinen Wolkenkratzer mit monumentaler Bibliothek, die von Astor, dem Sohn des Buchhändlers gepflegt wird, und deren größter Schatz die verborgenen Zugänge in die Unterwelt sind. War es bislang schon abenteuerlich (und reichlich verwirrend, oder?), gerät die realitätsaffine Welt nun völlig aus den Fugen: Während die menschlichen Gruppen einander das Leben schwer machen, bereiten sich die frisch manifestierten Urgewalten Moodt und Torrg auf einen Showdown vor, dessen Resultat die Schöpfung eines neuen Wesens ist: Mordor God, dessen Ziele und Interessen noch völlig im Dunkeln liegen – als ob nicht schon alles unklar genug wäre. Zugleich tritt die Bewegung „The Concept“ auf den Plan, mysteriöser als die Gilde, mächtiger, noch verwirrender. Weitere Figuren kommen hinzu, eine rätselhafter als die andere: Der indianische Buchhandlungsstammkunde Blue Face, der martialische, vermummte Manga, der düstere Geschäftsmann Jeremy Darkthorn und dessen esoterikaffine Tochter Delia.

Soweit alles klar? Natürlich nicht, denn die Story bedarf unbedingt einer zweiten, einer dritten, einer ständigen Lektüre, und es empfiehlt sich, das Figurengeflecht während des Lesens grafisch festzuhalten, um den Überblick nicht zu verlieren (siehe Abb. „Figurenübersicht“). Es gibt keinen erläuternden Erzählerkommentar, keine wohlige Stimme aus dem Off, die das Unbekannte in seiner Fremdheit benennt oder einfängt – die Leser/innen werden in dieser fremden Welt ebenso alleingelassen wie Capricorn auch. Dies macht den Reiz des großartigen ersten Bandes aus.

Figurenübersicht in Capricorn #1-9 (Gesamtausgabe Bd. 1-3)

Der zweite Band bemüht sich, die Verwirrung des Lesers auf die Spitze zu treiben: Totgeglaubte Figuren kehren zurück („Wie kommen Sie hier her?! Sie sind doch tot ..!“ Bd. 2, S. 95). Ein Statement von Capricorn am Ende des vierten Albums bringt auf den Punkt, was der Leser die ganze Zeit schon denkt: „Man ahnt die Ausmaße, aber das Gesamtbild bekommt man nie zu Gesicht.“ (Bd. 2, S. 48) Dies setzt Andreas im fünften Album ins Bild, wenn er auf jeder Doppelseite ein Panel integriert, in dem Astors schwarze Katze ausschnitthaft zu sehen ist. Erst am Ende findet Astor den schwarzen Mäusejäger wieder, hinter einem Gitter, das die Katze in eben die Panels segmentiert, die der Leser bereits im Kopf zusammengesetzt hat. Während die Handlung in diesen drei Alben sich um einen unterseeischen Würfel mit magischer Vergangenheit, den alten Professor Zarkan, dem später noch, soviel darf man verraten, ein ganzes Album gewidmet werden wird, und den Aufstieg der faschistoiden Concept-Bewegung dreht, gerät der Leser notwendigerweise angesichts dieses erzählerischen Strudels ins Schwimmen. Und wer nicht augenblicklich ertrinkt, wird es lieben, denn die atemberaubenden Zeichnungen und die grandiose Seitenarchitektur machen das Abenteuer Capricorns zu einer visuellen Aventiure des Lesers.

„Man ahnt die Ausmaße, aber das Gesamtbild bekommt man nie zu Gesicht.“ (Bd. 2, S. 98)

Das siebte Album, mit dem der dritte Band der Gesamtausgabe eröffnet wird, stellt Capricorn in den Schatten der anderen Figuren: Fortan bleibt er insofern Mittelpunkt der Handlung, als dass die Figuren sich um ihn herum gruppieren, aber in Erscheinung tritt er in den Alben 7 bis 9 weitaus seltener als zuvor. Weltweit gruppiert sich der Widerstand gegen Concept, und die militärische Zentrale in New York kann durch einen Fliegerangriff vernichtet werden. Daraufhin verschlägt es die Widerständler um Capricorn in den Untergrund, der nicht nur von Abwasserkanälen durchzogen ist, sondern ebenso von alten indianischen Tunneln, an deren Ende Gefahren zu lauern drohen. Es scheint, als hätte Concept seine Aktivitäten eingestellt, und zwar nicht als Folge von Capricorns Initiative, sondern im Rahmen eines geheimen Geheimplans, den weder die Figuren noch die Leser soweit durchschauen können. Der große Plan, den Concept verfolgt, scheint noch verwinkelter zu sein als angenommen, denn eine weitere, noch mächtigere Organisation deutet sich an, „Die Drei“, deren Einfluss ebenso unbestimmt ist wie ihre Zusammensetzung oder deren Ziel.

Forced to re-read

In einem Interview aus dem Juli 1999 hat Andreas darüber gesprochen, wie es ihm beim Lesen von Comics oft selbst ergeht: „When I finish reading a graphic novel, the fact is I usually get it all, read it all. I know that I wonʼt read it anymore, because everything was told, explained and shown. In fact, it bothers me. When I read, I wouldnʼt like to understand the book straight off. Iʼd like to be forced to re-read, to see my own limits.“ (The Jack Kirby Collector #28, April 2000, S. 33). Dies könnte Capricorn als Motto vorangestellt werden: „forced to re-read“, denn obwohl die Handlung auch actionorientiert ist, erfordern die vielen Verweise, die erst im späteren Verlauf der Lektüre einen Sinn ergeben, ein mehrmaliges Wiederlesen. Ein ständiges Lesen. Inzwischen kann ich behaupten, keinen Comic so oft wieder zur Hand genommen zu haben wie Capricorn. Und bei jeder erneuten Lektüre verstehe ich die Handlung besser, finde neue Zusammenhänge, mehr Anspielungen und Vorausdeutungen. Daher lohnt es sich, viel Zeit in dieser verrückten Welt zu verbringen – allerdings erfordert Capricorn auch eine Menge Geduld und ist nichts für eilige Comic-Konsumenten. Ohne Frage: Man muss die Herausforderung annehmen, welche die Serie an einen stellt.

Eisner, Lovecraft und Co.

Capricorn ruft im Traum nach Will Eisner und Jack Kirby

Andreas hat eine Vorliebe für horizontale wie vertikale spread panels und eine aufwendige Seitenarchitektur, insbesondere ab dem fünften Album (Abb. 3), wenngleich dies nicht an die wahnsinnigen Seiten in Rork herankommt, wo er etwa eine Seite mit 300 kleinstformatigen Panels gestaltet hat. Die Detailverliebtheit, wenn es um Gebäudearchitektur geht, erinnert an die phantastischen Welten von Schuiten und Peeters in Die geheimnisvollen Städte, und an einigen Stellen scheint Andreas sich bei Will Eisner zu bedienen, den Capricorn im Traum anruft, wenn er nach Willis Rensie (ein Pseudonym Eisners) und William Erwin (Eisners beide Vornamen) ruft (Bd. 2, S. 3). Auch so manche Pose erinnert wohl nicht von ungefähr an Eisners Spirit.

Andreas wird immer wieder nachgesagt, seine Comics würden vor Lovecraft-Einflüssen nur so strotzen, und dies gilt für Rork und The Cromwell Stone sicherlich (zumal letzterem auch ein Lovecraft-Zitat vorangestellt ist), für Capricorn hingegen nicht. Denn die Ähnlichkeiten zum Cthulhu-Mythos à la H. P. Lovecraft sind doch allzu vage: Natürlich gibt es geheimnisvolle Wesen als Repräsentanten einer längst vergangenen Zeit, aber damit enden die Parallelen auch schon, denn Andreas lässt sie nicht in der für Lovecraft typischen Provinz aus dem Wasser an die Oberfläche kriechen, sondern siedelt sie unterhalb von New York an, im Erdreich.

Eisner und Andreas im Vergleich

Schreiber & Leser tut gut daran, die Alben nicht einzeln, sondern als Gesamtausgabe in den Handel zu bringen, denn Capricorn macht einen späteren Einstieg eh ungewöhnlich schwer: Die Handlung ist zu dicht und voraussetzungsreich, als dass Spätentschlossene an den Abenteuern ohne die Kenntnis aller Bände eine Freude haben könnten: Man muss vorn beginnen, und am besten gleich mehrfach. Für Fans der Serie ist die Publikationsform dagegen ein Geschenk. Es wird Zeit, dass die Comics von Andreas auch in Deutschland publiziert werden, weil sie erzählerische wie auch graphische Meisterwerke sind. Ich freue mich schon darauf, den vierten Band zu lesen, und danach wieder den ersten, und den zweiten, und so weiter.

Lesen. Wiederlesen. Wiederwiederlesen.

Capricorn Gesamtausgabe 1-310von10
Schreiber & Leser, 2016 / 2016 / 2017
Text und Zeichnungen: Andreas (d.i. Andreas Martens)
Übersetzung: Isa Cochet
144, 151 und 144 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 29,90 Euro
ISBN: 978-3-946337-01-0 (Bd. 1), 978-3-946337-12-6 (Bd. 2), 978-3-946337-31-7 (Bd. 3)
Leseprobe