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Blacksad Gesamtausgabe

Als das spanische Autor/Zeichner-Gespann Juan Díaz Canales und Juanjo Guarnido im Jahr 2000 das erste Album von Blacksad vorlegte, war die Begeisterung ob des grafisch opulenten Noir-Comics groß. Auf bislang fünf längere, in sich geschlossene Geschichten hat es die Reihe bis dato gebracht. Bei Carlsen erschien nun eine dicke Gesamtausgabe, die eben jenes Gesamtwerk noch einmal am Stück präsentiert.

Alle Abbildungen: © Carlsen Comics

Leser, die zuvor nicht mit den Fällen des Privatdetektivs John Blacksad in Berührung kamen, dürfen sich auf eine bemerkenswerte Lektüre gefasst machen. Denn neben den ausdrucksstarken, aquarellkolorierten Zeichnungen Guarnidos, die für sich allein genommen schon im höchsten Bereich der Comickunst zu verorten sind, ist auch der Inhalt überaus bemerkenswert. Und das gleich in mehrfacher Hinicht: Das fängt schon damit an, dass Blacksad kein Mensch, sondern ein menschlich agierender, schwarzer Kater ist. Wie überhaupt alle Figuren der Serie anthropomorphe Tiere jeglicher Spezies sind. Das mutet insofern seltsam an, dass die Szenerie der Handlung (die USA der 1940er oder 1950er Jahre) im hohen Maße authentisch, der Plot brutal und realistisch gehalten ist. Was dazu führt, dass die ambitionierten Tierdarstellungen letztlich relativ irrelevant für die Erzählungen und deshalb auch nicht viel mehr als Reflektionen einer oberflächlich zu betrachtenden Fabel sind.

Aber, und das muss man Blacksad zugutehalten, die Kreativen wissen äußerst gekonnt mit den Tiergestalten umzugehen. Und das nicht nur auf grafischer Ebene. Da gibt es z.B. die zuweilen recht klar erkennbaren Rollenverteilungen, wonach Hunde Polizisten, Nashörner Schläger und Reptilien tendenziell eher Kriminelle sind. Vor allem in den ersten Geschichten ist dies ein überdeutliches Stilmittel und ein bewusstes Spiel mit den Klischees. Im späteren Verlauf scheinen sich Rollen, sozialer Status und Beruf innerhalb der Tierwelt etwas mehr durchzumischen.

Ein weiteres markantes Stilmittel ist die effektive Verwendung von bestimmten Farben. Schon auf dem Cover jedes Einzelalbums findet sich gewissermaßen die Grundfarbe der darin enthaltenen Erzählung wieder. In „Rote Seelen“ beispielsweise sind das rote Titelbild und der Name des Comics eine Anspielung auf die Verfolgung von Kommunisten in der McCarthy-Ära (wenn hier auch anders benannt). Und das blaue Cover von „Die Stille der Hölle“ kündigt eine Episode an, in der Blacksad einen verschwundenen Bluesmusiker aufzuspüren versucht. Einen frühen Gipfel erreichen diese Farbspiele in der zweiten Geschichte „Arctic Nation“, die das Thema Rassismus behandelt und in der eine ganze Reihe Tierspezies sich aufgrund ihres weißen Felles den Andersfarbigen überlegen fühlt. Der Umgang mit Klischees und Diskriminierung wird an dieser Stelle ebenso gut gelöst wie der Farbeinsatz nun einen relevanten Überbau erhält. Überhaupt ist es diese Story, die mit ihrem klugen Plot den Höhepunkt der Reihe markiert. Die verbleibenden drei Alben haben – im direkten Vergleich mit „Arctic Nation“ und dem starken Racheplot des ersten Albums – mit abnehmender, inhaltlicher Qualität zu kämpfen; wobei man sagen muss, dass auch jene Fälle alles andere als schlecht geschrieben sind.

Unverkennbar: Das Grundmotiv der fünften Erzählung „Amarillo“ ist gelb

Noch einmal allgemein ein paar Worte zu Juan Díaz Canales‘ Konzept: Man braucht bei seinem Blacksad meines Erachtens nicht mehr als klassische Krimikost erwarten. John Blacksad ist ein mürrischer, rauchender Einzelgänger im Trenchcoat, der einer Prügelei nicht abgeneigt ist und sich gerne mal mit eigentlich zu mächtigen oder körperlich stärkeren Gegnern anlegt, um einer ehemaligen Liebhaberin oder einem alten Freund aus der Patsche zu helfen. Die Versatzstücke dieser Fälle gehören zum Standardreportoire unzähliger artverwandter Erzählungen, insofern ist Blacksad geradezu archetypisch und vom Grundsatz her wenig innovativ (natürlich abgesehen von den anthropomorphen Figuren) für solche Genrestoffe. Trotzdem weiß der spanische Autor zu überraschen und legt Geschichten vor, die von hoher Spannung, gut durchdachten Wendungen und einer intensiven Schlagzahl geprägt sind. Das macht, gerade im Verbund mit den unterstützenden Bildern Guarnidos, die einen geradezu gebannt auf das Geschehen blicken lassen, überaus Spaß beim Lesen.

Die Gesamtausgabe von Carlsen lässt qualitativ keine Wünsche offen und ist preislich sehr fair gehalten. Neben allen fünf bislang erschienenen Alben sind hier erstmals auch zwei noch unveröffentlichte Kurzgeschichten aus dem französischen Magazin Pilote und einge Seiten Skizzenmaterial enthalten. So umfangreich wie das Begleitmaterial in dem von Carlsen 2002 veröffentlichten Sekundärband Blacksad – Hinter den Kulissen ist der Bonusteil hier zwar nicht geraten, aber das hätte vermutlich auch den Rahmen gesprengt. Das „Kulissen“-Album sei also jedem geneigten Leser als zusätzliche Lektüre empfohlen.

Gesamtausgabe eines modernen Klassikers, die keine Wünsche offen lässt. Eine gute Gelegenheit, Blacksad neu zu entdecken oder noch einmal am Stück zu genießen.

Blacksad Gesamtausgabe
Carlsen Comics, 2017
Text: Juan Díaz Canales
Zeichnungen: Juanjo Guarnido
Übersetzung: Harald Sachse
304 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 49,99 Euro
ISBN: 978-3-551-74775-4
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