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Bataclan

Am 13. November 2015 drangen fundamentalistische Schusswaffenverrückte in den Pariser Nachtclub Bataclan ein und töteten 89 Konzertbesucher. Fred Dewilde hat überlebt und einen Comic darüber geschrieben.

© Panini

Der Comic schildert die Ereignisse, die im November 2015 ganz Europa erschüttert haben. An mehreren Schauplätzen in Paris wütete der Terror und Detonationen am Stade de France begleiteten ein Fußballspiel zwischen der französischen und der deutschen Nationalmannschaft. Ein Konzert der amerikanischen Rockband „Eagles of Death Metal“ bildete den traurigen Höhepunkt des Abends. Drei Attentäter stürmten gegen 21:50 Uhr den Nachtclub, schossen mit Kalaschnikows um sich und warfen Handgranaten in die Menge. Innerhalb weniger Minuten richteten sie ein Blutbad an, das bis nach Mitternacht andauerte, als die Attentäter ihre Sprengstoffgürtel aktivierten. Davon erzählt dieser Comic aber nicht, oder nicht wirklich. Stattdessen: Innenansichten aus dem Chaos.

Die Bilder mit den engen Schraffuren verraten nur wenig über den Ablauf des Abends, sie sind notwendigerweise an die Perspektive Dewildes gebunden: fragmentarische, unzusammenhängende Splitter des Gesehenen, Gehörten und Erinnerten. Dewilde stürzt zu Boden. Hier ein Schuh, dort ein Oberarmknochen. Neben ihm liegt Elisa, eine junge Frau, die er weder vor- noch nachher wirklich kennt, aber deren Hand er berührt, während beide regungslos am Boden liegen und sich totzustellen versuchen. Und dann die Erlösung durch die Einsatztruppen der Polizei. Fred Dewilde geht ins Dunkel: „Und ich? Ich bin allein und verloren, wie ein Kind, das gerade geboren wurde.“ Damit endet der Comic so abrupt, wie er begann.

Wie bewertet man einen Comic, der so persönlich, dessen autobiographischer Hintergrund ein so grausames und traumatisierendes Ereignis ist? Am besten ganz genau wie jeden anderen, aber es fällt nicht leicht.

© Panini

Die schwarz-weiß-Zeichnungen des Comic-Debüttanten sind düster und rau. Die Terroristen kommen nicht als Menschen daher, sondern als Skelette, als Verkörperung der apokalyptischen Reiter, wie Dewilde im Nachwort schreibt. Dieser christlich-religiösen Symbolik opfert er auch die dokumentarische Akkuratesse, denn in den Medien wird nur von drei Attentätern, nicht von vieren, wie Dewilde es schildert, berichtet. Dies mag man als sachlichen Lapsus bemängeln oder dem Darstellungsmodus einer bedingungslosen Subjektivität zuschreiben. Wir sehen, was Dewilde in diesem Moment zu sehen bzw. woran er sich zu erinnern glaubt. Daher bedient der Comic auch nicht das Bedürfnis, den Anschlag besser zu verstehen: den Ablauf, die Motivation der Täter, die Strategien der Polizei. Nichts verstehen wir nach der Lektüre dieses Comics besser als vorher – außer vielleicht die Opfer.

Um es kurz zu machen: Der Comic ist ausgesprochen kurz, denn von den 48 Seiten sind nur 14 bebildert, der Rest besteht aus zur Redundanz neigenden Texten des Autors, in denen er über sein Leben seit dem Anschlag berichtet, seine Gedanken zum Islam, seine Meinung über den Sänger der Eagles of Death Metal, der sich nach dem Anschlag zu politischen Äußerungen hinreißen ließ: „Es wäre sicher besser gewesen, wenn er die Klappe gehalten hätte.“ Dieser Teil hätte sicherlich kürzer ausfallen müssen.

Bataclan ist für Fred Dewilde, der eigentlich medizinische Illustrationen anfertigt, eine Form kreativer Aufarbeitung. Als solche sollte man ihn lesen, weil dadurch klar wird, dass die gestalterischen Entscheidungen keine ästhetischen gewesen sind, sondern das Ergebnis der eigenen Erinnerungsarbeit. Unter ästhetischen Gesichtspunkten muss man in Frage stellen, ob die extreme Kürze geeignet ist, das Mitfühlen mit den Personen zu ermöglichen. Ob die Darstellung der Täter als apokalyptische Reiter nicht relativ blödsinnig ist. Ob der Pro- und Epilog nicht etwas zusammenhanglos daherkommen und nur ein schwacher Rahmen für die Haupthandlung sind. Insofern der Comic aber plumpe psychologische Erklärungen für die Motive der Täter scheut, vermeidet er eine große Gefahr beim Schreiben über den Terror. Keine einfache Aufgabe, an der Dewilde sich abgearbeitet hat.

Vergangenheitsbewältigung

Bataclan. Wie ich überlebte6von10
Panini, 2017
Text und Zeichnungen: Fred Dewilde
Übersetzung: Bettina Frank
48 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 16,99 Euro
ISBN: 978-3-7416-0443-0
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