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Ant-Man (Film)

Mit Ant-Man bringt Marvel einen seiner weniger bekannten Superhelden auf die Leinwand. Die Produktionsgeschichte dieser Comicverfilmung war lang und voller Hindernisse. Dem fertigen Film merkt man das stellenweise auch an.

© Disney/Marvel

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Schon vor 15 Jahren schrieb der Brite Edgar Wright, damals gerade mit seiner TV-Serie Spaced erfolgreich, zusammen mit Joe Cornish ein Treatment zu einem Ant-Man-Film. 2005, Wright war inzwischen mit seiner Zombie-Parodie Shaun of the Dead berühmt geworden, heuerten ihn die Marvel-Studios offiziell als Regisseur für Ant-Man an. Damals war noch nicht abzusehen, dass Marvel mit seinen selbst produzierten Superheldenfilmen eines der erfolgreichsten Franchises der Hollywood-Geschichte schaffen würden. Zehn Jahre später kommt der Film nun also ins Kino, Edgar Wright allerdings ist nicht mehr an Bord. Das Drehbuch wurde mehrmals umgeschrieben und kurz vor Beginn der Dreharbeiten warf Wright das Handtuch – als Grund wurden die in solchen Fällen stets zitierten „kreativen Differenzen“ genannt. Marvel fand jedoch schnell Ersatz: Mit Peyton Reed saß nun ein Mann auf dem Regiestuhl, der anders als Wright noch nicht als Filmemacher mit erkennbarer eigener Handschrift etabliert ist. Das Drehbuch wurde abermals umgeschrieben, Wright und Cornish werden in den Credits aber nach wie vor (zusammen mit zwei weiteren Namen) als Autoren des Skripts genannt.

Ant-Man erzählt vom frisch aus der Haft entlassenen Scott Lang (Paul Rudd), der sich von seiner kriminellen Vergangenheit lösen und endlich ein guter Vater für seine Tochter sein will. Zuvor soll aber noch einmal ein letzter, ausgeklügelter Einbruch das nötige Geld für den Neustart einbringen. Bei dieser Aktion stößt er auf einen eigenartigen Anzug, der – wie er bald feststellt – seinen Träger auf Insektengröße schrumpfen lässt. Lang lernt schließlich Hank Pym (Michael Douglas) kennen, der diesen Anzug entwickelt und früher auch selbst getragen hat. Inzwischen wurde er aus seiner Firma Pym Technologies herausgemobbt und seine skrupellosen Nachfolger planen mit seinen Entwicklungen finstere Geschäfte, die Pym um jeden Preis unterbinden will. Dabei soll ihm Scott Lang zur Seite stehen, als neuer Ant-Man den Schrumpf-Anzug tragen und die gefährliche Technologie aus der Pym-Firmenzentrale rauben.

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In der Flut der Superheldenfilme ist es inzwischen schwierig, sich von der Masse abzusetzen. Ant-Man scheint das zunächst ganz gut zu gelingen, indem er weniger Anleihen bei Science-Fiction und Fantasy (wie etliche andere Marvel-Filme) oder düsteren Thrillern (wie Christopher Nolans Batman-Trilogie) nimmt, sondern sich an zwei weniger oft strapazierten Genre-Spielarten orientiert: Das ist zum einen der „Heist-Movie“, also die Geschichte vom perfekt geplanten, ausgeklügelten Raubüberfall, wie man sie z.B. aus Ocean’s Eleven kennt. Zum anderen natürlich das Thema des auf Kleinstformat geschrumpften Menschen, wie es Hollywood in Filmen wie Die unglaubliche Geschichte des Mister C., Die phantastische Reise oder Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft immer wieder gerne aufgegriffen hat.

Diese beiden Genre-Elemente sind zwar nicht neu, funktionieren aber gut, sorgen für Unterhaltung und Spannung und sind eine willkommene Zutat in jenem Müsli, das sich Superheldenfilm nennt und nach all den Kassenerfolgen langsam fade zu schmecken droht. Die Szenen, in denen Scott Lang als Winzling unterwegs ist und banale Alltagsdinge wie ein Schwall Wasser aus dem Hahn der Badewanne zur lebensbedrohlichen Gefahr werden, sind effektvoll inszeniert, machen durchweg Spaß und hier kann sogar die unvermeidliche 3D-Optik stellenweise überzeugen.

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Immer dann, wenn Action und Spannung regieren, hat Ant-Man also seine stärksten Szenen. Das überrascht, den gerade bei Marvel-Filmen wie Guardians of the Galaxy, Iron Man 3 und vor allem Joss Whedons Avengers verhält es sich eigentlich eher umgekehrt. Die Action ist eher notwendiges Beiwerk, während die wahren Stärken dieser Filme woanders liegen: in originellen, oft ziemlich witzigen Dialogen, interessanten Figuren und der Beziehung zwischen ihnen. In dieser Hinsicht ist Ant-Man leider eine große Enttäuschung. Hauptdarsteller Paul Rudd bringt zwar einen gewissen Charme in seine Rolle, aber einen echten Charakterkopf kann er aus Scott Lang nicht machen. Michael Douglas spielt seinen Part als Hank Pym ohne sichtbaren Enthusiasmus auf der linken Pobacke herunter. Seine Tochter Hope van Dyne (Evangeline Lilly), die einzig nennenswerte Frauenrolle im Film, darf nicht mehr als ein paar Stichworte geben und das Love-Interest spielen (weshalb sich der Film als Vollkatastrophe erweist, wenn man ihn aus einem konsequent feministischen Blickwinkel betrachtet). Und Corey Stoll (bekannt aus House of Cards) ist als Firmenchef von Pym Industries nicht mehr als der typische Standard-Bösewicht, der außer Geldgier und Machthunger keine Motivation vorzuweisen hat.

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A propos Motivation: Der große Antrieb für unseren Helden Scott Lang, die Liebe zu seiner kleinen Tochter (deren neuer Stiefvater natürlich ein unsympathischer Kotzbrocken ist), erinnert aufs Schmerzhafteste wieder daran, dass jeder Marvel-Film mittlerweile auch ein Disney-Film ist. Zuckersüße Herzschmerz-Szenen und ein Hohelied auf die Familie inklusive. Man vermisst vor allem das, was ein Regisseur Edgar Wright mit großer Wahrscheinlichkeit eingebracht hätte: Knackige Dialoge, ein paar unkonventionelle Regie-Ideen und vor allem mehr Humor und Augenzwinkern. Spurenelemente davon sind zwar vorhanden, hier und da blitzt mal ein typischer Wright-Moment auf, aber die vielen Rewrites haben hier vermutlich viel zerstört.

Zu Gute halten muss man Ant-Man auf jeden Fall, dass er zwar ins Marvel-Filmuniversum eingebunden ist (inklusive einer längeren Auseinandersetzung mit einem Helden aus dem Avengers-Umfeld), aber trotzdem problemlos als eigenständiger Film funktioniert. Anders als zuletzt bekommt man es hier nicht mit Handlungsfäden zu tun, die entweder aus früheren Filmen stammen oder schon wieder die Spur für den nächsten oder übernächsten Film legen. Und angenehmerweise gibt es hier auch weder kosmisches Hokus-Pokus noch irgendeinen bunten Stein, der als MacGuffin eingesammelt werden muss.

Letztlich hat Marvel hier aber die Chance verpasst, einen Film zu machen, der sich traut, anders zu sein und vielleicht sogar die individuelle Handschrift eines Filmemachers erkennen zu lassen. Den Mut zum Schrägen und Kuriosen, wie man ihn in Guardians of the Galaxy noch hatte, hat das Studio hier nicht aufgebracht. Statt konsequent eine (Action-)Komödie zu erzählen, liefert der Film letztlich lauwarme, leicht verdauliche Standardware, die aus ihren durchaus vorhandenen interessanten Ansätzen zu wenig macht.

Superhelden-Hausmannskost: solide gemacht, leidlich unterhaltsam, aber nichts wirklich Besonderes

Ant-Man
USA 2015
Regie: Peyton Reed
Drehbuch: Edgar Wright, Joe Cornish, Adam McKay, Paul Rudd
Hauptdarsteller: Paul Rudd (Scott Lang / Ant-Man), Michael Douglas (Dr. Hank Pym), Evangeline Lilly (Hope van Dyne), Corey Stoll (Darren Cross / Yellowjacket), Michael Peña (Luis)

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