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Why the violence? – Teil 2: Garth Ennis zwischen Ambivalenz und Haltung

[Zu Teil 1 von Christians Muschwecks Essay über Garth Ennis und die Gewalt in seinen Comics geht es hier.]

„If the boys want to fight, you better let ‚em.“
(Thin Lizzy – The boys are back in town)

„The peoples in terror, the leaders made the error
And now they can’t even look in the mirror
‚Cause we gotta suffer while things get rougher
And that’s the reason why we got to get tougher“
(Grandmaster Flash and Melle Mel – Beat Street)

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse)

Wem gehört Political Incorrectness?

Es war ein bisschen wie in den Neunzigern, denn auch in den Nuller Jahren gab es mit dem Punisher und den Boys wieder zwei Langserien von Garth Ennis. Etwas entscheidendes jedoch war anders: Inzwischen musste Ennis sich nicht mehr zurückhalten und er durfte völlig unzensiert ans Werk gehen. Für seine Superhelden-Demontage The Boys (2006-2012) musste er dafür allerdings zum Indie-Verlag Dynamite wechseln, nur die ersten Boys-Hefte erschienen bei DC/Wildstorm, bis DC-Präsident Paul Levitz die Sache zu heiß wurde. Obwohl die Reihe satte Verkaufszahlen einfuhr, war sie für den konservativen Levitz ein einziger großer Affront. Ein Albtraum, mit dem er auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden wollte, also schleunigst weg mit der Reihe, was immerhin dem Dynamite-Verlag unverhofft eine Hit-Serie einbrachte. So ist das eben, wenn man mit Geschmacklosigkeit wirbt und dann doch entsetzt ist über das, was man bekommt. Für Garth Ennis war der Werbeslogan, The Boys sei „krasser als Preacher (the series to outpreacher Preacher) nämlich kein Witz.

Hooligan unter Hooligans: Billy Butcher aus „The Boys“. © Dynamite Entertainment

Alles an der Serie, schien darauf ausgelegt zu sein, den Leser vor den Kopf zu stoßen: Die Superhelden führen ein ausschweifendes Leben, das die Darstellungen der Dekadenz in Kenneth Angers Skandalchronik Hollywood Babylon um ein vielfaches übertrifft, außerdem stellen sie ob ihrer potenziellen Unberechenbarkeit eine ständige Gefahr für den globalen Status Quo dar. Aus diesem Grund gibt es die Boys, im Kern eine Gruppierung brutaler Schläger, deren zentrale Aufgabe es ist, die Helden bei Bedarf einzuschüchtern und zu erpressen, damit diese nicht übermütig werden. Ennis hat mit der Serie sich selbst die ideale Spielwiese geschaffen, um Ausschweifungen, Skandale und Misshandlungen aller Art episch auszubreiten. Sicherlich ist es falsch, Ennis als Kultur-Terroristen zu bezeichnen, wie Steranko dies tat, aber mit The Boys qualifiziert er sich immerhin zu so etwas wie einen Comic-Hooligan. Immerhin kämpfen seine Boys mit Hooligan-Methoden und haben auch den derben Humor, den man von Hooligans erwarten würde. Das ist für Ennis aber keineswegs ein Novum: Bereits in Preacher waren die Helden auf höchst zweifelhafte Weise rauflustig und auch in Hellblazer ging es derb, prollig und alkoholverliebt zur Sache, beispielsweise wenn der betrunkene John Constantine einem Jugendlichen ein Bierglas ins Gesicht schlägt, weil dieser sich mit seinen Kumpels über Johns abgefucktes Aussehen lustig macht. Aber erst in The Boys brechen alle Dämme. Dass Hughie, die Identifikationsfigur der Reihe, die Gewalt immer wieder ausdrücklich ablehnt, ist dabei kein mildernder Faktor, denn erstens wird auch Hughie immer wieder zur Gewalt verführt und zweitens lacht man als Leser einfach zu oft mit den derben Aktionen der Boys mit.

Die Reihe hat natürlich durchaus Witz. Aber der Schutzmantel der Ironie wird dünn und es stellt sich mitunter die Frage, ob man selbst noch Geschmacksgrenzen hat und wie lange diese noch halten, wo Garth Ennis die Grenzen doch sukzessive einreißt. Trotzdem ist die Reihe schlüssig konstruiert und raffiniert erzählt, außerdem hat Ennis mit der Figur „Billy the Butcher“ ein überraschend differenziertes Portrait eines skrupellosen, aber auch bizarr intelligenten Schlägers entworfen. Ennis scheint ziemlich exakt zu wissen, wie solche Typen ticken, was ihr Verhalten triggert und was sie quält. Aber natürlich ist Garth Ennis ebenso wenig ein Hooligan wie Irvine Welsh, der Autor von Trainspotting, ein Junkie ist. (Karl May war ja auch kein Indianer). Die Serie hat ja auch ihre schönen Momente, beispielsweise wenn Billy Butcher von seiner neuen Freundin Becky während eines gemeinsamen Abends im Pub den Kopf gerade gerückt bekommt, als er sich gerade ein neues Bier holen will: „Ich hol mir nur mal eben ’n neues Bier,“ sagt Billy, darauf Becky: „Du brauchst doch wohl nicht jetzt schon ein neues Bier?“
„Was zum …? Was hast du für ein Problem damit, dass ich mir noch’n Lager hole?“
„Billy, gerade hast du mir noch von deinem Dad erzählt, wie er sich zusäuft und dann aggressiv wird, zum Beispiel gegen deine Mutti. Naja, ich weiß nicht, ob dir das auffällt, aber du kriegst schon beim ersten Bier diesen fiesen Blick. Als ob du’s kaum erwarten könntest, dass dir irgendwer einen Grund liefert, ihm eine zu geben. Klar, worauf ich hinaus will?“ Und Billy sieht es ein und kauft sich stattdessen ein Wasser.

Gerade wenn Ennis so einnehmend und achtsam mit seinen Figuren umgeht, bleibt man selbst als Fan von Horror- und Crime-Fiction gerne eine Weile in dieser lebensnahen, positiven Szene und könnte auf die leider unvermeidliche nächste Wendung gerne verzichten. Aber natürlich sind es die Erfordernisse des Genres, dass das Schöne nicht von Dauer bleiben darf. Becky wird tragisch im folgenden Heft an den Folgen einer Vergewaltigung durch einen Superhelden sterben und Billy sein sorgfältig domestiziertes Selbst um 180° drehen. Den Rest der Serie verkörpert Billy Butcher Hass. Der Getriebene, der alles verloren hat, was ihm lieb war, ist eben ein Topos zahlloser Actionfilme. Es braucht schließlich einen Grund, der sein Ausrasten rechtfertigt.

Becky: Die Frau, die dem Hooligan Billy (vorübergehend) den Giftzahn zieht. © Dynamite Entertainment

Bei seinem Hang zu gehässigen und gewalttätigen Figuren sowie der damit einhergehenden politischen Inkorrektheit wundert es leider auch wenig, dass Garth Ennis mitunter auch Fanpost aus rechtsextremen Kreisen erhält, wie er auf der Leserbriefseite von Preacher-Heft 9 auch offen kommentiert: „Da ist noch etwas, was ich gerne loswerden möchte. Ein oder zwei Typen da draußen waren der Meinung, Preacher passe gut zu ihrem verschissenen, kleinen, neofaschistischen Weltbild. Dann lasst mich mal klarstellen: Wir sind hier bei uns zwar nicht gerade politisch korrekt, aber deswegen sind wir noch lange keine Scheiß-Nazis. Haben wir uns?“ 

Aber auch mehr als zehn Jahre nach Preacher wird Garth Ennis immer noch gerne fehlinterpretiert, wie beispielsweise von dem Leser, der zur Fury-Serie „My War Gone By“ (2012/13) auf Amazon schreibt (dabei Bezug nehmend auf die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Kriegsgeschichten“): „Mein Lieblingscharakter ist der deutsche ehemalige SS-Soldat, welcher in die Fremdenlegion eingetreten ist. Er wirkt nicht wegen seiner Vergangenheit sympathisch, sondern eher, wie ungezwungen er damit umgeht!“ Diese „Ungezwungenheit“ äußert sich darin, dass dieser Fremdenlegionär freimütig gesteht, dass er im Zweiten Weltkrieg viele Juden getötet habe. Nick Furys Partner, ein junger idealistischer Offizier, möchte den SS-Mann deshalb vor ein Kriegsgericht bringen, aber Fury rückt ihm den Kopf gerade und erklärt ihm, dass im aufkommenden Kalten Krieg die Vergangenheit eines Fremdenlegionärs schlichtweg niemanden interessieren würde. Der Offizier, Hatherly, ist erschüttert, dass Fury den Nazi in Schutz nimmt. Darauf Fury: „Ich glaube, du hast das noch nicht ganz verstanden. Steinhoff wil sich ganz sicher nicht rehabilitieren. Der will kämpfen. Was anderes hat er nie gelernt.“ Hatherly: „Sympathisierst du etwa …“ – „Nein, du verdammter Idiot. Wenn wir woanders wären, hätte ich den Kerl längst erschossen.“

„War makes strange bedfellows.“ Aus Fury: My War Gone By. © Marvel Comics

Garth Ennis hat einfach diesen Drang, seine Helden mit der dunklen Seite flirten zu lassen, und dabei handelt es sich um dickere Bretter als das hin und wieder im Mainstream-Comic vorkommende Team-Up zwischen Batman und der Suicide Squad. Dass hier natürlich leicht eine Entschuldigung bzw. Relativierung von Verbrechen hineingedeutet werden kann, liegt auf der Hand. Ennis‘ Anliegen, so schätze ich ihn jedenfalls ein, ist es aber eher, die Figur Fury von ihrem strahlenden Sockel herunterzuholen und zu betonen, wie stark diese strahlende Figur korrumpiert worden wäre, wäre Fury eine reale Figur im realen Kalten Krieg gewesen. Man könnte, wäre man böse, auch sagen, er wollte Sterankos strahlende Figur durch den Dreck ziehen. Betrachtet man das Detail, dass Fury, dem an bürgerlichen Wertvorstellungen nichts liegt, einen enormen Verschleiß an Prostituierten hat, liegt die Annahme tatsächlich nicht so weit weg, schließlich hat Ennis Steranko bereits mit dem Comic The Pro damals gezielt provoziert. Gleichzeitig unterminiert Garth Ennis das Selbstverständnis, dass amerikanische (Super)Helden zwangsläufig auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Ennis‘ Nihilismus lässt alle Seiten gleich schlecht aussehen – und wenn seine Figuren Ideale haben, dann deswegen, weil sie noch nicht tief genug gegraben haben. Angesichts dieser egalitären, aber eben auch nihilistischen Haltung kann man Sterankos und Stan Lees Version nur noch als Propaganda lesen.

„Mit was für Typen haben wir hier zu tun?“ – My War Gone By. © Marvel Comics

Keine Fury-Story von Ennis ohne Nutten. Aus Ennis‘ erster „Fury“-Serie von 2001/02. © Marvel Comics

Nutten – auch wenn Fury nur einen Gastauftritt beim Punisher hat. Macht er das, um Jim Steranko zu ärgern? Bild aus „Punisher Max – Mother Russia“. © Marvel Comics

„Up is down and black is white“

Die Punisher Max-Serie (2004-2008) ist die zweite von Garth Ennis geschriebene Punisher-Reihe. Durch ihre völlige Humorlosigkeit steht sie in krassem Gegensatz zu den Erzählungen der Marvel-Knights-Ära und selbst die krassesten Gewaltspitzen sind nicht mehr mit Ironie abgefedert. Der Fun-Splatter rückt hier gänzlich zur Seite und macht Platz für eine ungefiltert depressive Grundstimmung.

Die Serie eröffnet mit einem Sechsteiler, der davon handelt, dass Castle – auf sehr robuste Weise, er wird betäubt und verschleppt – für Geheimdienstaufträge, sogenannte „Wetworks“, angeworben werden soll. Dafür müsste er allerdings, so die Bedingung, seinen privaten Kampf gegen das organisierte Verbrechen, der als Kampf gegen Windmühlen angesehen wird, aufgeben. Der Pferdefuß, an dem das Unterfangen der Geheimdienstler letztlich scheitert? Da es sich bereits bei der Rekrutierung Castles um eine inoffizielle Geheimoperation handelt, wurde auf finanzielle Ressourcen zurückgegriffen, die durch den betriebsinternen Heroinhandel mit Afghanistan gestützt werden (Ennis spielt damit auf nachgewiesene Skandale an, in denen die CIA nachweislich im Drogenhandel verstrickt war). Der Punisher beendet die Verhandlungen auf die ihn eigene Art und behandelt die Agenten wie gewöhnliche organisierte Verbrecher.

Die dritte Storyline, „Mother Russia“, ist demnach tatsächlich etwas out of character. Nick Fury, eine der wenigen Figuren, denen Ennis moralische Integrität zugesteht, schafft es, den Punisher für einen Regierungs-Geheimauftrag zu gewinnen. Ein kleines Mädchen soll aus einem sibirischen Raketensilo befreit werden. Dem Mädchen ist von seinem Vater ein Serum injiziert worden, aus welchem eine mächtige biologische Waffe gewonnen werden kann, gleichzeitig sind sich Fury und Castle aber darüber einig, dass es ihnen vor allem um die Rettung des unschuldigen Mädchens geht, welches sonst schrecklichen Tests durch russische Wissenschaftler ausgesetzt wäre. Da aber auch die amerikanischen Militärforscher natürlich scharf darauf sind, das Serum zu extrahieren und kein Interesse am Überleben des Mädchens haben, unterlaufen Fury und der Punisher die Erwartungen des Militärs. Nach der Rettung verhindert Castle die Übergabe des Mädchens so lange, bis sich der Wirkstoff verflüchtigt hat, die Rüstungspläne werden so durchkreuzt.

Rawlins: „49 % Motherf**ker, 51 % Son of a bitch“. © Marvel Comics

Ein wichtiger Nebenplot von „Mother Russia“ ist eine schaurige Verschwörung von Generälen: Um zu verschleiern, dass es sich bei der Befreiungsaktion um einen amerikanischen Einsatz handelt, haben sie eine arabische Terrorgruppe ins Leben gerufen, die ein ziviles Passagierflugzeug über Moskau zum Absturz bringen soll. Der Kopf hinter diesem Plot, ein CIA-Agent mit Namen Rawlins, der auch in einigen nachfolgenden Punisher-Episoden noch eine Rolle spielen sollte, hat seine Finger zudem auch im Heroinhandel, so dass er in mehrerlei Hinsicht für die zukünftige Entwicklung der Serie interessant ist. Rawlins steckt auch mit dem ehrgeizigen, aber durchgeknallten Mafia-Boss Nicky Cavellas unter einer Decke, der den Punisher mit einer extremen Aktion – alles in diesen Max-Comics ist extrem – aus der Deckung an die Öffentlichkeit locken will, um ihn so in einen Hinterhalt locken zu können. Er schändet das Grab von Frank Castles Ehefrau und Kindern, zeichnet das mit einem Camcorder auf und spielt es den Medien zu. Fortan läuft diese Aufzeichnung regelmäßig in Nachrichtensendungen, was den Punisher vollends zum Berserker werden lässt. Blindwütig überfällt er nacheinander eine Party der Russenmafia in einem Nachtclub – eine angesichts des Terrors der letzten Jahre sehr unangenehm berührende Episode – sowie eine Zusammenkunft von gewalttätigen Jugendgangs. Nach jedem dieser Massaker stellt er als einzige Forderung, dass seine Familie, die zu dem Zeitpunkt exhumiert ist, wieder begraben werden soll, er würde sonst eine völlige Eskalation lostreten. Der Punkt ist erreicht, an dem sich der Punisher vom Antihelden völlig in ein tragisches Monster verwandelt.

Wie ein Schlafwandler verfällt Castle in einen rauschhaften Overkill-Modus und tappt tatsächlich in den Hinterhalt, der ihm gestellt wurde. Aber er wird zu diesem Zeitpunkt nicht nur von der Mafia belauert, sondern auch von einer weiteren wichtigen Nebenfigur beobachtet, die ihm zum entscheidenden Zeitpunkt zur Seite springt. Es handelt sich um O’Brien, Ex-Frau des CIA-Agenten Rawlins. An dieser Stelle kreuzt sich der Weg aller Protagonisten. O’Brien interveniert, rettet Castle und überwältigt dabei auch ihren äußerst kriminellen Exmann, der – nur zur Erinnerung – seine Finger sowohl im internationalen Terrorismus als auch im Drogenhandel hat. O’Brien ist ebenfalls ein Opfer von Rawlins‘ Skrupellosigkeit: Er hat sie während eines Einsatzes in Afghanistan aus einem Hubschrauber geworfen und so den Mudschaheddin überlassen. An mehreren Stellen wird angedeutet, dass O’Brien danach Opfer von Massenvergewaltigungen war. Sie selbst vergleicht sich mit dem Punisher, indem sie sagt „We’re both damaged goods.“ – Wer würde uns noch haben wollen?

Der Punisher erzwingt vom Gefangenen Rawlins, der von sich selbst behauptet, er könne jeder Folter standhalten, ein Geständnis, welches er mit einem Camcorder aufzeichnet. Er will dieses nutzen, um die Verstrickungen einiger CIA-Mitarbeiter mit der Mafia zu dokumentieren und zum gegebenen Zeitpunkt als Druckmittel einzusetzen. O’Brien kommentiert diese Vorgehensweise mit einer denkwürdigen Aussage, in der die komplette Programmatik der letzten 15 Jahre in Garth Ennis‘ Schaffen zum Ausdruck gebracht wird: „Das ist unsere Währung, damit kennen wir uns aus, du und ich. Aber was du mit Rawlins eben angerichtet hast, das ist ganz weit weg davon, wie die Welt sein sollte. Du hast es mir ja eben geschildert und ich habe nicht mal mit den Schultern gezuckt. Unser ganzes Leben besteht nur aus Gewalt, Lügen und Erpressung. Eine verdrehte, absurde Welt. Ich hab nie eine andere kennengelernt.“ – „Oben ist unten. Schwarz ist weiß“, erwidert Frank, „eines Tages wachst du auf und erkennst, dass das die Welt ist, wie sie wirklich ist.“

Auch in der nächsten Episode, „The Slavers“, greift Castle zum Druckmittel des selbstgedrehten Videos. Die Art und Weise, wie er dies macht, erinnert an IS-Terrorvideos und lässt einen erneut fragen, ob diese Punisher-Comics überhaupt als Unterhaltung gelesen werden können. „The Slavers“ handelt von einer Bande osteuropäischer Mädchenhändler mit Verstrickungen in den Polizeiapparat hinein. Garth Ennis breitet ein Tableau von glaubwürdigen Figuren vor uns aus, beispielsweise zwei Streifenpolizisten an den Grenzen ihrer Belastbarkeit und eine idealistische Sozialarbeiterin, die von den verzweifelten, weil illegalen und hochgradig erpressbaren Prostituierten wegen ihres Vertrauens an den Rechtsstaat nur verachtet wird.

Die Sozialarbeiterin würde angesichts des Horrors „da draußen“ am liebsten die Welt verbrennen. Der Punisher auch. Szene aus aus „Punisher Max – The Slavers“. © Marvel Comics

Ennis inszeniert das Aufeinandertreffen der Sozialarbeiterin und des Punishers wie einen Kulturschock. Die Frau leidet an ihrem Wissen darüber, was den Frauen angetan wird, hat aber den unbedingten Drang zu helfen und zerbricht fast daran. Frank Castle dagegen kapselt jegliche Empathie ab und bleibt emotionslos. Er ist damit schon fast eine dissoziierte Persönlichkeit. Diesen Verlust von Empathiefähigkeit thematisiert Ennis immer wieder, so dass er den Allgemeinplatz, dass ein Mann „tut, was ein Mann tun muss“ hinter sich lässt und stattdessen zeigt, dass die Ausübung von Gewalt nichts Heroisches an sich hat, sondern vielmehr die Persönlichkeit beschädigt. Anders als viele Actionfiguren des Kinos haben Ennis‘ Figuren, und ganz besonders der Punisher der Max-Ära, nichts Vorbildhaftes oder Nachahmenswertes mehr an sich.

Auch in „The Slavers“ ist der Punisher viel zu drastisch in dem, was er tut, und Zeichner Leandro Fernandez hat für die Erzählung Bilder gefunden, die sich ins Gehirn brennen. In Gegenwart des Polizisten, der mit den Mädchenhändlern unter einer Decke steckt, übergießt er den an einen Stuhl gefesselten Capo der moldawischen Schlepperfamilie mit Benzin, zündet ihn an und filmt, wie dieser bei lebendigem Leib verbrennt. Danach übergibt er dem Polizisten die Aufzeichnung und zwingt diesen – erneut ist Erpressung das Mittel zum Zweck – den Film den Verbindungsleuten in Moldawien zu überreichen. Abschreckung durch Drehen von Snuff-Filmen also. Das ist auch für Punisher-Comics eine neue Qualität der Verrohung.

„This is how the world will end“. Die Kamera wird mehr als einmal zum Komplizen des Terrors. „The Slavers“, © Marvel Comics

Ex Negativo

Figuren wie Frank Castle, O’Brien und Nick Fury haben sich inzwischen zu weit entfernt von allem, was dem Leben Ordnung verleiht. Das einzige, was ihnen bleibt, ist ein Bewusstsein darüber, dass es anders sein könnte und sollte. Sie sehen den Kosmos von zu weit außen und das Böse als gleichwertig dem Guten gegenüber, wenn nicht gar das Gute überlagernd. Mit dem, was sie wissen, haben sie keine Möglichkeit, zurückzukehren zu einer weniger globalen Sichtweise, zu einer Perspektive, aus der heraus man ein gesundes Bezugssystem entfalten kann. Das beste, was diesen Figuren zu tun bleibt ist, das Einsickern des Bösen in weitere Lebensbereiche einzudämmen, soweit es noch möglich ist, wohl wissend, dass es einen Gott oder das Gute gar nicht gibt. Gleichzeitig behüten aber gerade diese Figuren das angeblich nicht existierende Gute und schaffen so etwas, was es ihrer Definition nach gar nicht geben dürfte. Das Gute wird zum Glaubensbekenntnis.

Figuren wie Frank Castle und Nick Fury sind bewährte amerikanische Archetypen, die gerade im amerikanischen Kino Tradition haben und im Actionfilm bis heute wichtige Bedeutungsträger sind. Einer der ersten Helden dieser Art dürfte Shane im gleichnamigen Western von 1948 sein. Eine fremde Figur mit unbestimmter Vergangenheit, die, wenn nötig, die Gesetze bricht, um die Ordnung für die Gesellschaft aufrecht erhalten zu können. Natürlich sind solche Figuren nicht wirklich in die Gesellschaft integrierbar. Aber sie sind notwendig, um den Frieden einzuhegen und um eine sinnstiftende Erzählung bzw. einen sinnstiftenden Kontext jenseits vom Kampf ums Überleben ermöglichen zu können.

Ich halte es für verfehlt, Garth Ennis auf seine vermeintliche Religionsfeindlichkeit zu reduzieren. Natürlich sind seine Stories geeignet, Fundamentalisten zu provozieren, ebenso werden sich gemäßigte und konservative Gemüter mit seinen harten Geschichten nicht anfreunden können. Trotzdem arbeitet Ennis, quasi durch die Abwesenheit des Guten, die Bedeutung heraus, die eine sinnstiftende Erzählung, selbst religiöser Natur, für eine Gesellschaft haben kann. Garth Ennis‘ Helden haben sich in aller Regel von Glaubensdingen jeglicher Art verabschiedet, leiden aber gleichzeitig daran. Die absolute Freiheit, die sie in ihrer Position außerhalb des Gesetzes haben, bietet ihnen keinen Halt, stattdessen sind sie sich selbst ihr eigener Anker. Gleichzeitig wird deutlich, dass nur innerhalb eines Systems, in dem Verlässlichkeit zwischen den Menschen wichtiger ist als absolutes Bescheidwissen, ein glückliches Leben möglich sein kann. Aber gerade Frank Castle, der Punisher, weiß zu viel. Die Art und Weise, wie Frank in den Punisher Max-Bänden portraitiert wird, spricht eine klare Sprache. Der Satz „Up is down and black is white“ bedeutet aber noch mehr. Er steht für einen Zustand, der nicht sein sollte. Keiner sollte sein Vertrauen in die Welt zertrümmert bekommen wie es dem Punisher oder seiner Partnerin O’Brien geschehen ist. In der Geschichte „Mother Russia“ gibt es mehrere Szenen, in der der Punisher seinem Kampfgefährten verbietet, in Anwesenheit des Mädchens, das zu retten ist, auch nur zu fluchen. Das ist einerseits ein passabler Running Gag, zeigt aber gleichzeitig auch, wie wichtig es unserem Rächer ist, die Unschuld des Kindes zumindest in Teilen zu erhalten. Als das Mädchen eine Pistole in die Hand nimmt, um Frank zu helfen, sagt dieser ihm mit Nachdruck, es solle nie mit Waffen spielen.

Der Punisher lässt sich von dem Mädchen versprechen, dass es nie mit Waffen spielen wird. Szene aus „Punisher Max – Mother Russia“. © Marvel Comics

„We give the power back to you, the people.“

Interessant ist, dass Frank Castle bei Garth Ennis nur den Status Quo einer aus den Fugen geratenen Welt begleitet, um hier und da korrigierend einzugreifen. Ennis‘ Nachfolger Jason Aaron, der eine weitere, 21 Hefte umfassende Punisher Max-Serie schrieb, war da visionärer. Auch Aarons Comics sind ultrabrutal, wirken allerdings dank Steve Dillons klarer Linie weniger hyperrealistisch, sondern deutlich comichafter. Jason Aaron hat seine Geschichte raffiniert geplottet und ist psychologisch teilweise sehr fesselnd. Gerade das ist aber das Hauptproblem bei Aaron. Frank Castle eine persönliche Entwicklung zuzugestehen, weist auf ein höheres Ziel der Erzählung hin und tatsächlich präsentiert uns Aaron ein stimmiges Ende der Punisher-Saga: Frank Castle stirbt. Das hinterlässt eine Leerstelle, denn wer würde nun das Verbrechen in Zaum halten?

Diese Frage kommt wie ein Weckruf in der Bevölkerung an. Quer durch Amerika stellen sich nun Menschen den Gangs und den Verbrechern entgegen, unter denen sie so lange leiden haben müssen: „Das Gebäude hinter mir brennt“, sagt ein Nachrichtensprecher in der letzten Szene des Aaron-Runs, „und auf die Männer, die herauskommen, wird mit Baseballschlägern und Hämmern eingeschlagen. Man sagt, das seien Gangmitglieder, die ihre Umgebung seit Jahren terrorisiert haben. Aber wie es aussieht, ist es damit jetzt vorbei.“ Jason Aaron erzählt uns von einer Vision, in der die Gewalt ein Ende haben kann, wenn sich nur genügend Menschen den Punisher zum Vorbild nehmen würden.  Es wirkt auf mich, als wollte Aaron am Schluss seiner Punisher-Saga einen hoffnungsvollen Abschluss setzen. Tatsächlich erscheint mir dieses Ende aber weit monströser als Ennis‘ Fortbestehen des Status Quo. Erst durch dieses über die Geschichte hinausweisende Ende wird der reaktionäre Charakter der Reihe offensichtlich. Aaron macht die indiskutable Grenzsituation des Vigilantismus außerhalb des Gesetzes zum Normalfall – der unmenschliche Wächter über die zivile Ordnung, den Frank Castle verkörperte, wird durch seine Nachahmer selbst zur Ordnung.

Demnach werden es die Bürger mit Waffen sein, die von nun an für Ordnung sorgen. Mit dieser (Horror-)Vision einer New Order entlässt Aaron seine Leser und vermittelt sie dem Leser als positives Ende – die NRA dürfte begeistert sein. Natürlich ist Aarons Erzählung in seiner simplifizierten Lesart als Comic durchaus im Rahmen dessen, was man gewohnt ist, denn die Sehnsucht nach dem starken Mann war im Superheldencomic schon immer verankert. Im Gegensatz zu Jason Aaron hat Garth Ennis dieses Fazit allerdings nie gezogen. Für ihn ist Gewalt immer nur für die Außenseiter Mittel zum Zweck. Bei Aaron wird sie zur Empfehlung für alle.

Practice what you preach

Die selbsterklärten Champions der „Herrenrasse“. Preacher, © DC Comics.

Wie ich in zahlreichen Beispielen dargelegt habe, liebt es Garth Ennis, politisch ambivalent zu bleiben; jedenfalls macht er es seinen Lesern nicht leicht, ihn zu mögen. Einmal jedoch war er mit entwaffnender Eindeutigkeit auf der Seite dessen, was als politisch korrekt gesehen wird: Es ist seine sehr erfrischende Attacke gegen die Neonazis des Ku-Klux-Klan, zu finden in seiner Preacher-Serie. Vielleicht war diese ja seine späte Antwort auf den eingangs erwähnten Leserbrief von neofaschistischen Fans. Jesse Custer, der Preacher, der in dieser Szene ganz sicher die Haltung seines Autors repräsentiert, lässt hier keinen Zweifel daran, dass Neonazis in seinen Augen ein fundamentales Defizit kompensieren: „Warum nur sind es immer die erbärmlichsten Typen, die sich selbst für die Champions der weißen Rasse halten?“ sagt Jesse angesichts der schmächtigen bzw. dümmlich gezeichneten Kapuzenträger. Deshalb möchte ich meinen Essay abschließen mit einem Panel, für das Steve Dillon und Garth Ennis der Applaus der von ihm gewünschten Art von Fans sicher war. Vielleicht empfand er es tatsächlich als im Nachhinein als zu einfach und komfortabel, mit solchen eindeutigen politischen Ansagen zu arbeiten, denn mit allzuvielen Stellungnahmen dieser Art hat uns Ennis seither ja nicht mehr gesegnet. Vielleicht ist ihm sein Preacher mit der Zeit tatsächlich zu „preachy“ geworden. Tatsächlich hat Garth Ennis seither den einfachen Weg stets gemieden.

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  • Jan-Niklas Bersenkowitsch

    Sehr schöner Artikel. Ich hätte lediglich noch hinzugefügt, dass Fury in „My wars Gone by“ eigentlich impotent ist. Damit meine ich, dass er zwar immer noch ein harter Kerl ist, aber mit seiner Gewalt letztendlich nichts erreicht. Es ist der kleine, dicke Senator, der ihn in die Krisengebiete in der Welt schickt, der wirklich etwas entscheidet und Fury macht die Welt mit seinen Einsätzen nicht besser, er spielt nur Soldat und wird eigentlich nie erwachsen. Auch so ein Thema, dass in „The Boys“ angesprochen wird, aber vielleicht wäre das ein Thema für einen weiteren Artikel^^.

  • Christian

    Fury wird nie erwachsen? Oder Fury altert nicht? Denn ein Reifungsprozess findet ja schon statt. Das mit dem impotent im Sinne von „nichts bewirken können“ stimmt tatsächlich. Das spiegelt sich ja auch wieder in seinem Verschleiß an Prostituierten.

    • Jan-Niklas Bersenkowitsch

      Altern ja, aber er kommt nie aus dieser kindischen „Ich spiele gerne mit Waffen und Gewalt“ – Phase raus, die ja auch mit der Fantasie zusammenhängt, die er repräsentiert. Das meine ich mit „nicht erwachsen“ werden. Er könnte mehr bewirken, wenn er endlich aufsteigen würde, aber stattdessen spielt er lieber Soldat und harter Kerl, während die Welt vor die Hunde geht.