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Kamingespräch: Punisher (Netflix)

Vor zwei Wochen ging die sechste Marvelserie bei Netflix online. Nachdem wir uns schon über Daredevil und Jessica Jones unterhalten haben, ist diesmal der Punisher im Kamingespräch dran.

Warnung: Wir spoilern hier massiv über diese Serie und die Punisher-Comics sowie ein wenig über die anderen Marvelserien auf Netflix.

Unsere Kenntnisstände:

Stefan: Punisher-Comics, alle Marvel-Netflix-Serien, Punisher-Filme, Fankurzfilm (der mit Thomas Jane)

Christian: Punisher-Comics, Punisher-Serie bis einschließlich dritter Folge

Julian: alle Marvel-Netflix-Serien, Punisher-Filme, Fankurzfilm

Frauke: alle Marvel-Netflix-Serien, Fankurzfilm

Frauke: Hattet Ihr vor dem Schauen eine Erwartungshaltung?

Stefan: Frank Castle ist eine meiner Marvel-Lieblingsfiguren, daher hatte ich (viel zu) hohe Erwartungen. Was da kommen würde, wurde ja bereits in Staffel 2 von Daredevil angedeutet. Ich habe mir eine Art Neuerfindung der Figur gewünscht, dies wurde nicht erfüllt.

Christian: Ich hatte die Erwartung, dass es ernsthaft und ironiefrei wird.

Julian: Nach den bisherigen Marvelserien erwartete ich natürlich eine gewisse Ermüdungserscheinung bei der neuen Serie. Hinzu kam eine gewisse Angst vor Zensur im deutschsprachigen Raum, wie wir es ja bereits von den Filmen kennen, die meines Erachtens teilweise in den Schatten gestellt werden. Ein holpriger Start der Serie führte zu einer großartigen zweiten Serienhälfte.

Frauke: Nachdem der Punisher bereits in Daredevil auftauchte und mich dort nicht sonderlich begeisterte, erwartete ich nicht allzu viel von dem Run; ich war schlussendlich positiv überrascht von der Eigenständigkeit der Serie und einer gewissen Tiefe, die ich ihr nicht zugetraut hätte.

Christian: Ich muss zugeben, dass ich nur die ersten drei Folgen gesehen habe. Wegen Zensur machte ich mir keine großen Sorgen, da sich Netflix hier sehr gut absichert. Höchstens extremste Gewaltspitzen werden ja, wenn überhaupt, zensiert.

Stefan: Die Gewalt und das x-te Mal „Krieg gegen den Terror“ durchkauen fand ich besonders ermüdend. Ich brauche Humor, Tiefe, Spannung, Überraschungen und zumindest etwas Schönes und Familiäres, um mich zum Binge-Watching zu bringen, das alles bietet Daredevil. Punisher ist halt immer das Gleiche und im aktuellen Comic-Run besser.

Christian: Das ist aber auch ein Problem der Comics. Solange Punisher eine Figur in einer Spider-Man- oder Daredevil-Story war, konnte man die Figuren voneinander abgrenzen und die Problematik der Selbstjustiz hinterfragen. Punisher als Soloprojekt hatte schon immer die Gefahr, dass es unreflektiert wird.

Frauke: Die Selbstjustiz ist tatsächlich generell mein großes Problem mit dieser Figur. Deshalb würde ich die Serie nicht in höchsten Tönen loben, aber sie versucht zumindest, das ein wenig zu reflektieren (es wäre deutlich mehr drin gewesen, aber dann hätte man den Punisher und seine Motivation an sich in Frage stellen müssen), indem ein junger Veteran, den wir als Mitglied einer Selbsthilfegruppe kennenlernen, immer mehr wie Punisher wird. Der aber keine Rücksicht auf „normale, gute“ Menschen nimmt wie der Titelheld, sondern diese als Opfer seines Feldzugs in Kauf nimmt, was ihn im Endeffekt zum beiläufigen Bösewicht macht. Und das ist die moralische Krux: Es ist völlig legitim, dass – was auch immer das heißt – böse Menschen getötet werden dürfen. Die Entscheidung über Gut und Böse trifft der Punisher, die Gewaltenteilung wird aufgehoben (wie auch in Judge Dredd natürlich, dort gerechtfertigt durch das staatliche System).

Julian: Zeigt aber nicht gerade die Moral in Punisher die Sinnlosigkeit der Superheldenmoral an sich auf? Er tötet keine Soldaten, die ihre Pflicht tun, sehr wohl aber Söldner und alles, was irgendwie als Feind deklariert wird? Wobei andere Figuren zwar nicht töten, aber eben doch ihre Moral zur Basislinie erheben?

Frauke: Doch, natürlich. Nur sind die Konsequenzen bei ihm drastischer. Deshalb darf ich das dieser Serie (sogar auch dem Genre an sich) nicht vorhalten, denn ich weiß, worauf ich mich dabei einlasse. Ich fand’s nur interessant, dass sie das – meiner Interpretation nach – tatsächlich anhand dieses jungen Veteranen versuchen widerzuspiegeln/zu analysieren, und dann halt doch an der generellen Morallosigkeit der Grundidee scheitern.

Christian: Das ist typisch, dass diese Art von Justiz nur beim Punisher funktioniert. Jeder andere scheitert daran, weil ihm die Konsequenz fehlt und der Biss. Damit wird auch verdeutlicht, dass die Haltung des Punisher nicht kopiert werden kann. Es lässt sich daraus keine Gesetzgebung formulieren.

Julian: Im Gegensatz übrigens zur Netflix-Kollegin Jessica Jones, die ja an ähnlichen Problemen leidet (PTBS) und daraufhin zuerst ihre eigenen Unfähigkeiten überwinden muss, ehe, sie dann übertrieben Rache nimmt (die sich aber trotzdem eher rechtfertigt als der Punisher).

Stefan: Mein Unbehagen fängt bereits mit dem waffenverherrlichenden Vorspann an im Vergleich zu Daredevil mit der Ästhetik und Durchdachtheit. Was im Comic geht, wirkt real abstoßend. Doppelmoral und unglaubwürdige Handlungsfäden (Micro besiegt Frank). Das Highlight der Serie ist für mich, dass die Opfer, die Arbeiter, die Leute, die die Drecksarbeit machen müssen, mit dieser Show eine Stimme erhalten. Eine Stimme gegen Trump und andere.

Frauke: Das zutiefst Amerikanische an der Serie ist die Verehrung des Militärs und der Veteranen als Helden, die sich für ihr Land geopfert haben. Dies verwirrt mich immer wieder, da wir typischerweise mit einer viel kritischeren und distanzierteren Haltung dazu sozialisiert wurden. Klar wird diesen Leuten in der Serie eine Stimme gegeben. Was dabei völlig untergeht, ist aber, was sie für ein Land hinterlassen, wenn sie zurückkehren. Was mit den Menschen dort ist.

Julian: Mir gefiel übrigens genau der Punkt. Das ist nach gängigen Moralmustern irgendwie falsch, und dann wird das Militär bzw. ein General so korrupt gezeichnet. Wie er die Menschen ausnutzt, spricht für sich. Bei mir war dann das Aha-Erlebnis die Folterepisode, bei der man, leider, irgendwann Genugtuung empfindet, sobald der Punisher „zuschlägt“. Was meines Erachtens auch ziemlich heftig dargestellt wurde.

Chris: Folter ist ja immer dann „legitimiert“, wenn es der Punisher bei den „richtigen“ Personen anwendet. Wie ist das eigentlich mit dem Informanten. Hat sich Frank hier schuldig gemacht?

Frauke: Ja, hat er. Er hat ihn erschossen.

Chris: In seiner Rolle als Befehlsempfänger, der missbraucht wird.

Frauke: Ja, klar. Er hat das getan, was ihm gesagt wurde.

Julian: Ist das nicht aber auch ein Erkenntnismoment des Punishers?

Chris: Damit bekommt die Serie natürlich Tiefe und verlässt völlig die Komfortzone der bisherigen, manchmal ambivalenten, aber trotzdem im Kern guten Comicfiguren. Bei Ennis wurde schon angedeutet, dass der Punisher schon vor dem Tod seiner Familie diese Aggression in sich hatte, die durch den Mord an der Familie nur noch entfesselt werden musste.

Stefan: Ja, im Comic „Born“. Das gefällt mir sehr. Was übrigens auch toll ist, ist der letzte Satz von Frank in der Serie. Gibt Hoffnung auf einen Neuanfang in Staffel 2. Endlich wird mal reflektiert.

Chris: Mir geht die TV-Serie mit dem Black-Ops-Punisher aber zu weit weg vom Original. Das hat mit dem Veteranen nicht mehr viel zu tun.

Frauke: Ich kenne die Comics ja nicht, aber Krieg, Veteranen und die Folgen stehen hier eindeutig im Mittelpunkt. Außerdem wird in den ersten Folgen sehr betont, wie sehr er versucht, sich im Zaum zu halten und nicht aggressiv zu reagieren. Doch dann gibt es den einen berüchtigten Tropfen, und er fährt auf.

Stefan: Ich sehe Krieg als Metapher. Der Krieg des Arbeiters in den USA.

Chris: Das sind aber keine normalen Soldaten, die in Kellern Leute verhören. Das war schon zu sehr der spätere Punisher.

Frauke: Verstehe. Das bringt mich zu dem Punkt, den ich sehr schade fand: Der Verrat durch seinen besten Freund Billy, der meilenweit zu riechen war (allein schon dadurch, dass der Schauspieler zu gut/glatt aussah und Billy zu erfolgreich war, um nicht der große Gegenspieler zu werden). Natürlich wird er enttäuscht, natürlich darf er kein positives soziales Umfeld haben, sondern muss der einsame Streiter bleiben. Sehr schade. Gibt es diese Figur auch im Comic?

Billy Russo; erst Punishers bester Freund, dann Gegenspieler

Chris: Am ehesten noch Micro bei Garth Ennis. Micro war ursprünglich in den alten Comics Franks Spezialist für Technik, Waffen etc., sozusagen sein Versorger. Ennis hat die Figur umgedeutet. Nachdem sich Frank und Micro jahrelang nicht gesehen hatten, wollte Micro ihn für Black Ops anheuern. Später findet Frank heraus, dass ihn Micro in Heroin-Deals aus Afghanistan verwickeln wollte (denken wir an Air America, da war das ähnlich), daraufhin erschießt Frank seinen alten Partner. Die alten Fans waren entsetzt. Diese Elemente wurden abgeändert jetzt in der Serie verwurstet, ich finde die Verzerrung aber nicht gelungen.

Frauke: Ah, verstehe! Dann wurde die Handlung also an sich übernommen, nur die Personen und damit auch die Konsequenzen (in Militärkreisen bewegen sich auch unlautere Menschen) verändert.

Chris: Ja, man hat den Vietnam-Veteranen fürs Fernsehen zu einem Afghanistan-Veteranen umgedeutet. Bei Ennis ist Frank ja schon alt und abgebrüht, aber im Kern eben immer noch Vietnam-Veteran.

Frauke: Wenn ich es richtig verstehe, ist das ja aber nur ein einzelner Veteran im Comic, der unlauter ist; bei Netflix sind das mehrere Soldaten, die während des Kriegs ihren persönlichen Vorteil draus schöpfen und denen es egal ist, wer dabei stirbt.

Chris: Doch, in den MAX-Geschichten ist das sehr präsent („Man of Stone“, „Mother Russia“ etc.)

Stefan: In den Comics sind oft Dealer, Zuhälter und Wall-Street-Yuppies die Gegner. Das Thema Militär ist nicht immer dominierend.

Frauke: Ich hatte eingangs erwähnt, dass ich positiv überrascht war von der Punisher-Serie, obwohl ich mich hier in der Diskussion eher negativ äußere. Grund ist, dass er bei Daredevil – für mein Empfinden – eher als eindimensional und ein wenig tumb dargestellt wurde. Daher hätte ich nicht mit einer – in wie auch immer gearteten und interpretierbaren – Tiefe gerechnet. Wie geht’s Euch mit dem Vergleich der Marvel-Netflix-Serien?

Chris: Ich finde den Darsteller Jon Bernthal klasse. Die ersten Folgen, wo er im Hipster-Look ist, erinnern an Al Pacino aus Carlitos Way, aber mit den kurzen Haaren ist er auch cool.

Stefan: Daredevil bleibt mein Favorit. Jessica Jones ist trotz der vielen Klischees (Alki) so viel spannender und cleverer als der Punisher (super Gegenspieler: Killgrave). Was alle Serien verbindet, ist der heimliche Star: New York City. Ich mag das Zusammenspiel der Serien und der Auftritt von Karen Page aus Daredevil tut so gut, sie bringt Franks sanfte Seite zum Vorschein.

Julian: Jessica Jones ist für mich DIE Marvelserie, was an der Traumathematik liegt, die meines Erachtens sehr realistisch umgesetzt wurde. Sie kann ihre Superkräfte nicht wirklich benutzen (was ich sehr gut finde) und die Serie kommt sehr schmutzig daher. Prinzipiell erinnert mich das sehr an Punisher. Was mir auffiel: Punisher steht mit den anderen Serien nur durch Karen (bzw. Daredevil) in Verbindung, womit ein Bruch entsteht. Sonst ist es eher Rosario Dawsons Figur. Hat mich überrascht.

Frauke: Fand ich sehr gut und erfrischend, dass es nur wenige Überschneidungen gab. Dadurch konnte Punisher eine sehr eigene, unsuperheldenhafte, „realitätsnahe“ Atmosphäre aufbauen.

Julian: Ich mag Helden, die einfach nur Menschen sind, ohne Spinnenbiss o. ä.

Chris: Geht mir auch so. Im Grunde finde ich Jack Bauer den besseren Frank.

Frauke: Julian, du sagtest anfangs, dass Dir die Netflix-Serie gut gefallen hat, besser als die Filme. Woran liegt das?

Julian: Die Filme sind mir zu bunt. Ich mag z. B. Captain America, aber bei Guardians of the Galaxy war es dann zu viel. Im Gegensatz zu Star Wars gab es kein durchgängiges Design für Gut und Böse usw. Die Serien sind ernsthaft, sprechen aktuelle Probleme an und zeigen mir Superhelden, wie ich sie mag: dunkel, gebrochen, moralisch problematisch. Ganz generalisiert.

Stefan: Die Netflix-Serie ist deutlich besser als War Zone oder der Dolph-Lundgren-Film. Thomas Jane gefällt mir als Punisher besser als Bernthal, und dieser Film war auch ganz stark am Comic „Welcome back, Frank“ von Ennis.

Julian: Der Dolph-Lundgren-Film ist sicher speziell, aber absolut zeitgemäß (für seine Zeit!). Es dauerte ja auch ewig, ehe der mal vom Index flog.

Frauke: Also findet Ihr, der Tenor der Punisher-Figur – zumindest so, wie Ihr ihn interpretiert – wird gut in der Netflixserie getroffen, wenn ich es richtig verstehe.

Stefan: Ja, mit geringen Abweichungen, siehe die Schlussszene.

Julian: Ich mochte den Daredevil-Punisher sogar noch etwas mehr. Der war noch kompromissloser. Wobei die Dinnerszene zum Ende der ersten Staffel mir sehr zusagte und die Figur (den zerbrechlichen Teil) noch einmal unterstrich.

Frauke: Wie fandet Ihr denn die Besetzung an sich? Wie ich schon geschrieben habe, war der Hauptwidersacher eigentlich zu dandymäßig, oder? Punisher selber schien mir in seiner Schweigsamkeit und dadurch auch irgendwie Verletzlichkeit sehr passend.

Stefan: Man will Unterhaltung und schöne Menschen sehen, das ist halt so, wenn man nach Quoten strebt.

Julian: Der Punisher war gut gecastet, aus den genannten Gründen. Sein bester Freund war tatsächlich typgecastet, d. h. man wusste, was kommen wird. Und mit Mary Elizabeth Mastrantonio als CIA-Chefin macht man nie was falsch.

Stefan: Micro ist ein totales Klischee.

Frauke: Fand ich nicht – zumindest nicht sein familiäres Umfeld mit einer hübschen Frau und zwei Kindern ;)

Micro in der Punisher-Netflix-Serie

Julian: Gut fand ich den Veteranen, der später eskaliert. Sehr passender Typ.

Stefan: Zu sehr „American Beauty“. Klischee.

Frauke: Stefan, Du warst ja nicht so glücklich mit der Serie, oder? Warum?

Stefan: Ich verfolge den Punisher seit den 1980er-Jahren, hatte ganz individuelle Erlebnisse mit der Figur. Er ist nun im Arthouse-Universum von Netflix, das finde ich noch etwas befremdlich. Aber nicht missverstehen: Ich mag die Serie.

Frauke: Was verstehst Du unter „Arthouse-Universum von Netflix“? Sehr arthousig sind die Serien ja nicht.

Stefan: Diese ach so tollen Hipster, die sich dem gewöhnlichen Fernsehen überlegen fühlen.

Julian: Stefan – das war früher auch mein Gedanke. Exakt das. ;-)

Stefan: Ich mag viele Arthouse-Filme, aber ich mag keine Schnösel mit Standesdünkeln, die mit Arthouse angeben.

Julian: Ich bin da auch eher so unterwegs, dass ich Arthouse mag, aber mir auch Sachen anschaue, die eben eher trashig oder noch seltener als Arthouse sind, siehe Jodorowsky. Arthouse ist in sich schon ein sehr abgeschlossener Kosmos, der zunehmend Feelgoodfilme (Amélie) einschließt.

Frauke: Ich gucke die Netflixserien gerne. Sind mir tausendmal lieber als die oberflächlichen Feelgood-DC-Serien bei The CW etc.

Stefan: Un-be-dingt!!!

Julian: Ich mag Supergirl. Guilty Pleasure. Und die Batman-Serie. Aber sonst: Zustimmung.

Frauke: Na gut. Ich hab lange Arrow geguckt und schaue ab und zu immer noch rein. Aber der Rest … Und Wentworth Miller ist immer einen Blick wert (der aber nun dort aufhört).

Ich möchte noch mal kurz generell über das Marvel-Universum auf Netflix zu sprechen kommen. Ich mochte eigentlich alle gern; diese durchgefilmte, schnittlose Kampfszene in Daredevil ist legendär! Jessica Jones fand ich auch sehr stimmig, ebenso wie Luke Cage. Einzig Iron Fist ist für mich rausgefallen. Bei Euch?

Julian: Iron Fist mochte ich sehr gern, das hatte etwas, was mich ungemein ansprach. Lieblingsserie ganz klar: Jessica Jones, dicht gefolgt von Daredevil, schon allein wegen des Kingpin-Darstellers Vincent D’Onofrio. Der war brilliant.

Stefan: Iron Fist mag niemand, glaube ich, außer Julian. :-). Netflix macht das gut, viel besser als ABCs Agent Carter und Agents of S.H.I.E.L.D., aber sie sollten sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen.

Julian: Ich mag Peggy Carter. Was aber daran liegt, dass sie ziemlich mein Typ ist.

Frauke: Christian, Du hast Punisher nach drei Folgen abgebrochen. Warum?

Chris: Zu wenig Zeit, und mir gefiel dieser Afghanistan-Plot nicht. Wenn ein Comic eine Richtung einschlägt, die mir nicht gefällt, dann habe ich das Trade trotzdem in zwei Stunden durch, bei einer Serie nimmt das Wochen in Anspruch. Ich entdecke mehr und mehr, dass mir eher episodisches Erzählen besser gefällt. Mir war Punisher einfach zu wenig spektakulär. Die erste Folge war aber ganz nett. Das mit dem Hammer war ein bisschen arg, aber wie in den Comics auch schön vorbereitet. Frank mit dem Hammer gegen die Wand. BUMM BUMM BUMM, dann die blöden Kommentare der Kollegen, Frank bleibt stoisch, und immer so weiter, und irgendwann dann die Entladung. Das war eine Folge mit Pointe, das war gut.

Stefan: Ich hätte den Stoff auch lieber auf Filmlänge eingedampft gehabt, ist viel Langeweile und Leerlauf dazwischen. Was ich liebe: Frank beim Rührei-Essen.

Julian: Bei Punisher fand ich es seltsam, dass es drei Folgen brauchte, ehe die Serie richtig in Schwung kam, während Jessica Jones mittendrin plötzlich einige Episoden durchhängt.

Stefan: Ja, Chris, den unüberlegten, verharmlosenden und glorifizierenden Umgang mit Gewalt mag ich nur bei Ennis, aber real ist er unrealistisch und abstoßend, erinnert mich eher an Gestapo und SS.

Frauke: Soll dieser dramaturgische Aufbau uns Zuschauer nicht einfach mehr mit ihm sympathisieren lassen; es okay finden, was er dann tut?

Julian: Die Eskalation geschieht auch erst, nachdem die Typen den Jungen zum Überfall mitnehmen und ihn dann danach töten wollen.

Chris: Ja, es war zu brutal. Comics, selbst realistische Comics, sind abstrakter. Und ohne die Abstraktion fehlt was Entscheidendes. Deswegen funktioniert das ganz selten. Auch die Batman-Filme von Nolan kranken daran.

Frauke: Fandet Ihr die Gewalt in den anderen Marvel-Netflix-Serien noch okay, ist Punisher also noch mal härter?

Stefan: Ich bin bis heute geschockt von der Fahrstuhl-Szene in Jessica Jones. Das ist … das Grauen, um mal Apocalypse Now zu zitieren. Bei Punisher sind Gewalt und Waffendarstellung oft unnütz und Selbstzweck.

Julian: Ich habe generell kaum Probleme mit Filmgewalt, mir ging aber die Folterszene etwas zu weit. Also die an Frank. Da ging man bewusst an die Grenzen und das legte dann auch noch mal einen auf Frontier (großartige Serie) drauf. Wobei ich Gewalt ablehne, wenn es um die reale Welt geht.

Frauke: Nun ja, der Zuschauer wird ja bzgl. Gewalt am Punisher vorbereitet bzw. es wird relativiert, da er ja zwischendurch so was sagt wie, „Schmerz kann man immer überwinden“. Auch hier wieder eine Manipulation des Zuschauers.

Stefan: Mir ist vieles zu stumpf. Ich mag die Schlussszene, da wird eine schöne Metapher für Franks Trauma gefunden. Das hat mich berührt, während mich vieles andere kalt gelassen hat.

Frauke: Fandet Ihr es eigentlich auch auffällig, dass der Senator, der sich für schärfere Waffengesetze einsetzt, dann doch nur als Selbstdarsteller dargestellt wird und seine Meinung zu Waffen nur als Mittel zum Zweck seiner Kampagne? Tenor war dann ja: Waffen helfen.

Chris: Das ist aufgesetzt ambivalent.

Stefan: Punisher misstraut allen. Alle Mächtigen lügen und betrügen. :-)

Julian: Ist ja immer die Frage: Man ist gegen Waffen, aber nicht gegen Sicherheitsbeamte mit Waffen. Wo fängt man da an? Schwer. Die Szene fand ich jedenfalls ziemlich amüsant. Und Karen verliert auch ihre Waffe, kommt nicht heran. Wunderbar durchdachte Szene.

Frauke: Also doch nicht so eindeutig lobbymäßig pro N.R.A., wie ich meinte?

Julian: Ja, die sagen ja immer: Wenn die Guten Waffen haben, können sie die Bösen stoppen. Karen hatte eine, konnte sie aber nicht benutzen.

Stefan, Frauke, nicht unbedingt. Aber halt sehr pro USA und Freiheit. Auch die Freiheit, furchtbare Fehler zu begehen.

Chris: Bei Jason Aarons Punisher stirbt der Punisher. Aber sein Vermächtnis ist, dass sich die Bürger der von Gangs und Mafia unterdrückten Viertel jetzt im Punisher-Style wehren und quasi endlich ihre Rechte durchsetzen, wo Justiz dazu ja nicht mehr in der Lage ist. Das ist für mich eine ganz heikle Message. Sie steckt immer im Punisher.

Chris: Jede Serie ist zu ihrem Zeitpunkt ja auch ein gesellschaftliches Barometer. Zum einen kann ein verjüngter Punisher natürlich keine Vietnamheimkehrer mehr repräsentieren, dazu gibt es heute keinen Bezug mehr. Das Problem ist, dass die heutigen Konflikte in ihrer Essenz anders sind. Sie traumatisieren Amerika nicht mehr, wie das Vietnam damals tat. Der Punisher war ja wie Rambo eine Figur, die Verständnis für die damals geschmähten Veteranen erzeugte und deshalb eine wichtige Identifikationsmöglichkeit bot. Dieses damalige Potenzial gibt es nicht mehr, deswegen ist der modernisierte Punisher inhaltlich an dieser Stelle hohl. Das Vietnamthema wird ersetzt durch nahezu beliebige Konflikte, die Amerika inzwischen führt, aber die Rolle des früheren kleinen G.I.s wird jetzt von Söldnern ausgefüllt. Das erlaubt aber keine richtige Identifizierung mehr. Der zweite Themenkomplex ist aber das „Make America Great Again“-Thema und das N.R.A.-Thema. Hier sehe ich die große Chance, dass der Punisher noch relevant bleiben kann. Auch das war schon in den frühen Tagen der Figur ein Thema. Sie bleibt relevant, aber es droht die Gefahr, dass sie vom Afghanistan- und Söldnerthematik zu sehr vereinnahmt wird.

Stefan: Also, empfehlen wir die Netflix-Serie?

Julian: Ich empfehle sie, weil sie – zusammen mit Jessica Jones – die verschiedenen Auswirkungen von PTBS zeigt. Es wird nicht alles und jede Reaktion abgedeckt, aber die Richtung war interessant. Während sich JJ völlig zurückzieht und auf Flucht und Alkohol setzt, eskaliert der Punisher ebenso wie der junge Veteran. Das gefiel mir sehr. Ein unangenehmes Thema, welches, besonders zu Kriegszeiten in den USA, sehr relevant ist.

Stefan: Captain America verkörpert die Ideale der USA, Tony Stark den Unternehmergeist, der Punisher ist die Stimme der Übersehenen. Allein wegen dieser Seite mag ich die Figur. Es ist sicher KEINE Familienunterhaltung, aber ein guter, erwachsener Action-Thriller. Kein Meisterwerk mit Hochspannung wie Breaking Bad, kein Daredevil, aber solide Unterhaltung.

Julian: Dietmar Dath nannte den Punisher vor kurzem „Batman für Bekloppte“. Fand ich passend. ;-)

Stefan: Das Element des Bestrafens kam mir zu kurz. Zwar ist das im Finale ein Thema. Aber davor wirkt mir die Gewalt von Frank zu beliebig. Er ist eben kein Rächer, sondern ein Bestrafer. Wie bei Daredevil schwingt auch hier eine religiöse und moralische Thematik mit: Schuld und Sühne. Ansonsten bleibt Frank, wie auch Rambo, natürlich der Held der störrischen Teenager, ein emotional verkrüppelter bzw. unfertiger Mensch. Kein Übermensch à la Nietzsche, aber ganz sicher auch kein Batman für Blöde.

Frauke: Vielen Dank an die Runde für die rege Diskussion!