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„Just a few cops!“ – Vor 25 Jahren erschienen die ersten Preacher-Hefte

Kommt der Dorfpfarrer Samstagabend sternhagelvoll in die örtliche Kneipe und pöbelt: He Wirt, ich weiß, dass du dein Bier mit Wasser verdünnst. Und du, Mark Bannon, hast doch kürzlich Hundescheiße probiert, ich weiß das, denn du hast es mir gebeichtet. Hey, Harvey, was machst du eigentlich mit deiner Knete? Kate hat doch kürzlich in deiner Scheune diesen Porno mit dem Hengst gedreht, oder? Und da drüben ist doch Terry, der die Anhalterin vergewaltigt hat … ZACK, kriegt er nun endlich einen Billardqueue über den Schädel und wird rausgetragen. Schöner Auftakt. So fängt Garth Ennis‘ Serie Preacher von 1995 an.

Alle Abbildungen © DC-Vertigo, Steve Dillon, Garth Ennis.

So realistisch und subtil geht’s aber nicht weiter. Am folgenden Sonntagmorgen sind alle der am Abend zuvor von Reverend Jesse Custer bezichtigten in der Kirche, um zu sehen, wie sich der Reverend jetzt völlig demontiert, da schießt ein himmlisches Wesen wie ein Kugelblitz durchs Tor, ergreift vom Reverend Besitz und lädt ihn mit einer wunderbaren Gabe auf. Die komplette Gemeinde allerdings wird durch die freigesetze Energie gegrillt – der erste von mehreren Overkills gleich im Anfangszyklus. Von nun an kann Jesse Custer jedem Wesen dieser Welt Befehle erteilen – zum Beispiel dass er oder sie sich auf den Kopf stellen, mal eben in Flammen aufgehen oder sich selbst ficken soll – und er oder sie tut das im wortwörtlichsten Sinn.

Kürzlich habe ich mir die erste Folge der Preacher-Fernsehserie angesehen und war genervt von den grässlich coolen Typen und der grässlich coolen Inszenierung. Ich dachte mir, lieber noch mal den Comic lesen, denn der bietet stattdessen …

warte mal …

grässlich coole Typen und grässlich coole Dialoge? Die einzig normalen bzw. sympathischen Texte kommen tatsächlich von Arseface, dem Teenager, der ein grässlich deformiertes Gesicht hat, weil er bei dem Versuch gescheitert ist, sich die Rübe runterzuschießen. Was da wohl das reale Vorbild von Arseface dazu sagen würde? 1985 haben sich zwei Jugendliche in Amerika mit der Schrotflinte erschossen, der eine hat jedoch drei Jahre ohne Gesicht weitergelebt, bis er an einer Überdosis starb. Auf seinem Plattenteller war zum Zeitpunkt seines Selbstmordversuchs eine Judas-Priest-Scheibe aufgelegt, angeblich soll er von ihr die verborgene Botschaft „Do it!“ gehört haben.

Warum aber gefällt mir der Comic dennoch besser als die TV-Serie? Es liegt an Steve Dillon, dessen erste Preacher-Hefte zwar nicht zu seinen besten Arbeiten zählen (spätere schon), die aber so flapsig und rotzig aussehen, dass sie eine stimmige Einheit mit der Story bilden. Mit einer Millionen-Dollar-Produktion, noch dazu in High Definition-Optik geht das eher nicht gut zusammen. Auch die aalglatten CGIs sehen blöder aus als Dillons Klare-Linie-Splatter, den der mit lockerer, aber auch präziser Hand recht unkompliziert gezeichnet hat, ohne dass mehrere Dutzend Fachkräfte dafür nötig waren, um das steril aussehen zu lassen. Dillons Dirtyness rettet den Comic.

Im Himmel gibt’s auch nur Trottel.

Nie und nimmer hat Garth Ennis das Ziel verfolgt, mit Preacher eine ernstzunehmende Story zu erzählen. Der wollte randalieren, der Political Correctness der frühen 1990er den Finger zeigen und obendrauf das Vertigo-Imprint ein bisschen aufmischen. Was Ennis mit Preacher betrieben hat, war fast schon Konterrevolution. Während die sensiblen und progressiven Vertigo-Comics der frühen Jahre zwar ebenfalls explizit sein konnten, war Preacher in der völligen Überhöhung von allem, was irgendwie schamlos oder exzessiv war, fast schon die Subversion davon. Ennis profitierte enorm von den Freiheiten, die das Vertigo-Imprint ihm bieten konnte. Es ist durchaus charmant, wenn er uns auf seiner Leserbriefseite erklärt, wie es ihm nicht gestattet ist, das Wort „c**t“ zu verwenden, während er gleichzeitig Monat für Monat die Grenzen des Zeigbaren auslotet, dass es selbst dem Wort „c**t“ die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Muss ich erwähnen, dass Ennis mit Preacher ganz offensichtlich ein anderes Publikum ansprach, als die typischen Leser und Leserinnen von Rachel Pollacks Doom Patrol oder Neil Gaimans Sandman? (Schnittmengen aber nicht ausgeschlossen.)

Aber zurück zum Plot und zu den nächsten Overkills: Nachdem erst die Kirchengemeinde ausgelöscht wurde, kommt ein paar Seiten später der „Saint of Killers“ ins Spiel und mäht eine komplette Polizeieinheit nieder. „Just a few cops“ kündigt eine Textbox fröhlich dazu an, offensichtlich in Anlehnung an einen Dialog aus Quentin Tarantinos Regiedebut Reservoir Dogs:

„- Mr. Pink: You kill anybody?
– Mr. White: A few cops.
– Mr. Pink: No real people?
– Mr. White: Just cops.”

Evil, Jesse! Evil!

Und so geht das weiter, bis in Heft 4 ein paar besonders perverse Jokes die eigenartige Gaudi auf die Spitze treiben. Überlegt mal, Jungs! Wie würdet ihr euch wohl selbst ficken? Sorry wegen der Sprache, aber bei Preacher geht’s nicht ohne.

Ehrlich, man muss dabei gewesen sein, um den Hype um Preacher zu verstehen. Objektiv betrachtet sind die ersten Preacher-Hefte nämlich nicht so irre toll, doch hat Ennis es meisterhaft verstanden, auch skeptische Leser mit seinen launigen Leserbriefseiten bei Laune zu halten. Als ich damals – 1995 und die Folgejahre – Heft für Heft gekauft habe, war das immer auch in Vorfreude auf die Leserbriefe, denn gerade Ennis‘ Ansagen und Kommentare waren oft lustiger als der Comic. (Manchmal waren sie auch das einzige, was lustig war.) Bis man bei DC-Vertigo irgendwann aus Sparsamkeitsgründen die Leserbriefe abschaffte. Gerüchte, dass die Leserbriefseiten auch Opfer der Verlagszensur wurden, sind durchaus glaubwürdig.

Overkill … Overkill … Overkill … Overkill …!

Nein, mies war die Reihe deswegen nicht, aber die ersten vier Hefte zeigen wo die Reise hingeht – und das ist derber Trash. Schon allein, dass die Engel im Himmel den gleichen Sprachduktus draufhaben wie die Typen in Texas, ist unverschämt grob geschnitzt, außerdem scheinen gerade die Szenen in der himmlischen Wunderwelt wie vor Pappkulissen inszeniert, was sowohl an Low-Budget-Produktionen wie John Carpenters Dark Star oder die BBC-Verfilmung von Per Anhalter durch die Galaxis als auch an Peter Jacksons Bad Taste erinnert (was ja keine schlechten Referenzen sind). Gar nicht elegant ist es, wie die Hauptfiguren Jesse, Tulip und Cassidy die Rahmenhandlung selbst in Form eines Gesprächs nacherzählen. Schon klar, Tarantino hat damals auch so gearbeitet, trotzdem durchbricht Ennis hier die vierte Wand noch einmal auf besonders plumpe Art und Weise.

Wollen wir fair sein: Der Kerl war damals gerade 25 Jahre alt und bei DC trotzdem schon seit Jahren ein Shooting-Star. Gerade deswegen sollte man aber auch erwarten dürfen, dass Ennis irgendwann über seine Späße hinauswächst. Da stört es dann schon, wenn auch 25 Jahre später immer noch die alten Arseface-Jokes abgefeiert werden. Aber die ausgehenden 1990er waren für manche Leute eben die Zeit ihres Lebens und da ist es wohl kein Wunder, dass Künstler wie Fans partout an dem alten Kram festhalten wollen. In Wirklichkeit sind es, wie Bruce Springsteen 1984 schon treffend sang, „nothing, Mister, but boring stories of glory days.”

„So, Mr Arseface! Will it get any better than this?” – „Yuhh buhhh!”

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