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Als Batman mal auf Salman Rushdie traf

Derzeit lese ich Josef Anton, die sehr lesenswerte Autobiografie von Salman Rushdie. Das erinnert mich daran, dass 1997 in der Reihe Legends of the Dark Knight eine zwiespältige Batman-Story namens „Stories“ erschien, die auf den Fall Rushdie anspielte: Eine Gruppe von Terroristen – bei Batman sind es schlichtweg „Fundamentalists“ – hat den untergetauchten Schriftsteller Saul Fisher aufgespürt, der es wagte zu schreiben, dass die „Wahrheiten“ dieser Fundamentalisten nur Lügen seien. Aber Saul Fischer wird vom Autor der Batman-Story, Michael T. Gilbert, als unangenehmer Pedant gezeigt, der nur glaubt, was er mit eigenen Augen sieht.

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Alle Abbildungen: © DC Comics

Ausgangspunkt der Story ist, dass Fisher mit einigen anderen Personen im Aufzug steckt, da aufgrund einer von den Terroristen verursachten Explosion der Strom ausgefallen ist. Eine mögliche Rettung durch Batman schließt Fisher kategorisch aus, da dieser seiner Meinung nach nur in „Stories“ – daher der Titel dieser Episode – existiere. Die anderen Passagiere versuchen ihn vom Gegenteil zu überzeugen, denn jeder von ihnen kann eine Anekdote erzählen, in der er – oder sie – Batman traf: Eine alte Dame traf ihn in den 30er Jahren, eine weiterer Herr in den 50ern und der jüngste von ihnen in den 70er Jahren. Für Fisher sind alle diese Erzählungen absurd, stets kann er erklären, warum es sich bei dem Erzählten um etwas Eingebildetes handeln muss. Gipfel der Ironie ist, dass Fischer just in dem Moment, als er tatsächlich durch Batman gerettet wird, die Brille runterfällt und er den leibhaftigen Batman, damals in der spektakulär modernisierten Variante der 90er Jahre, nicht sieht.

Soll das nun aber heißen, dass Fisher mit seinem Urteil über die Fundamentalisten falsch liegt, weil er auch mit seinem Urteil über Batman irrt? Das Verdikt des Autors dieser Batman-Story, Michael T. Gilbert, scheint jedenfalls ziemlich deutlich zu sein: Der intellektuelle Autor hätte sich aus Glaubensfragen raushalten sollen, da er davon keine Ahnung hat. Denn nur deswegen ist das zwangsläufige passiert: Er ist an die Falschen geraten – und nun fliegt ihm seine eigene atheistische Hybris um die Ohren.

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Aber Gilbert hat es sich leicht gemacht. Bei ihm hat der Intellektuelle nicht nur die vermeintlichen Wahrheiten der Fundamentalisten zu Lügen erklärt, sondern auch gesagt, sie müssten dafür sterben (die „Wahrheiten“ oder die „Fundamentalisten“, da wird der Text nicht ganz deutlich). Damit hat Gilbert die Aktion der Verbrecher quasi gerechtfertigt, da sie erst auf die ursprüngliche Aggression durch Fischer aktiv werden. Dahinter steckt wohl nichts anderes als die naive Hoffnung, ein Opfer solcher Anschläge hätte die Gewalt wenigstens zum Teil selbst zu verantworten. Als müsse man sich nur unauffällig durchs Leben schlängeln und die Fundamentalisten nicht reizen. Als könne man die Probleme so verdrängen. Schlimmer noch: Als gäbe es dann kein Problem.

Auffällig ist immerhin auch, dass Gilbert diese – in ihrer Aussage ärgerliche – Story mit einigem Talent gestaltet und die Zeichenstile der jeweiligen Ära, der 30er, der 50er und der 70er Jahre lustvoll und mit viel Witz adaptiert. Dass das Ganze in der Continuity von Batman keinen großen Sinn ergibt, ist dabei irrelevant. Im Gegenteil erhält „Stories“ dadurch den Touch einer Meta-Erzählung, die die Realität mit dem Unwirklichen einer „Comic“-Erzählung verflicht. Es ist ein postmoderner Ansatz, der Paradoxien zulässt und Glaubenssysteme unkommentiert nebeneinander stehen lässt, ohne zu werten. Beim vorliegenden Thema stößt dieser Ansatz, zumindest bei gleichzeitiger Vereinfachung der Motive, an seine Grenzen. Zu sehen, wie ein bedrohter Schriftsteller durch den Kakao gezogen wird und radikale Ansichten relativiert werden, ist zumindest unangenehm. Besser wäre gewesen, bei diesem Thema hätte sich der Verfasser etwas kritischer positioniert.

Cover

Legends of the Dark Knight 94 von Michael T. Gilbert: Lesenswert und diskussionswürdig.