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Grant Morrisons „The Invisibles“ – Essay Teil 1: Von Verschwörungstheorien und Terrorismus

Verschwörungstheorien, Terrorismus, Revolution – das sind die Zutaten der Serie The Invisibles, die von 1994 bis 2000 bei DC-Vertigo erschien und nachweislich als Inspirationsquelle für den Film The Matrix diente. Die Reihe genießt Kultstatus und wird den besten Werken Grant Morrisons zugerechnet, doch ist sie nie wirklich über den Status eines Geheimtipps hinausgekommen. Das hat seine Gründe. Dennoch gehört die Serie zu den aufregendsten Serien der 90er Jahre, und ich möchte erläutern, warum das so ist.

King Mob

Leder auf nackter Haut, Waffen und magische Symbole. Aus dem Teaser-Sonderheft „Absolute Vertigo“ von 1995. © DC Comics

The Invisibles ist eine sperrige Serie, die dem Leser keinen echten Sympathieträger an die Hand gibt, sondern ihn stattdessen mit kruden Verschwörungstheorien, Esoterik und Gewaltphantasien konfrontiert. Aber auch die Tatsache, dass die Reihe keinen festen Zeichner hatte und stilistisch sehr heterogen ist, erschwert den Zugang, und das, obwohl die Zeichnungen der kompletten Serie durchgängig von hohem Niveau sind. Phil Jimenez und Chris Weston beispielsweise haben für diese Reihe einige ihrer besten Arbeiten abgeliefert.

Zum Autor Grant Morrison möchte ich vorneweg noch sagen, dass er in vielerlei Hinsicht die Antithese zum berühmten britischen Autor Alan Moore ist. Wo Alan Moore methodisch vorgeht und seine Geschichten streng durchplant, bevor der Zeichner auch nur die erste Seite des Skripts zu sehen bekommt, sind Morrisons Geschichten häufig ergebnisoffen und immer wieder Änderungen unterworfen.[1]  Seine grenzenlose Fabulierfreude hat seine Künstler durchaus inspiriert und immer wieder zu Höchstleistungen angespornt, gleichzeitig hat er sie aber auch durch Verspätungen mit seinen Texten genervt und frustriert. Von Phil Jimenez immerhin ist bekannt, dass er aus diesem Grund genervt das Handtuch warf.

Jedesmal, wenn die Künstler wechselten, hatte dies einen deutlichen Wechsel in der Atmosphäre zur Folge – und trotzdem ist das Ergebnis oft erstaunlicherweise stimmig. In gewisser Weise spiegelt diese künstlerische Heterogenität den Inhalt der Reihe wider, in welcher die menschliche Wahrnehmung – und eben auch das Vertrauen des Lesers zu den Bildern – immer wieder hinterfragt und auf den Kopf gestellt wird. Das Chaos ist Teil des Erzählprinzips und verleiht manchen Teilen der Reihe einen besonderen Glanz. So kam es zu den grandiosen Bildern und Kompositionen von Chris Weston beispielsweise nur, weil der Perfektionist Phil Jimenez keine Lust mehr hatte. Wo Jimenez den Figuren eine fast übermenschliche Schönheit und Coolness verlieh, machte Weston sie von einem Heft zum anderen zu echten Personen.

1. Vertigo – Der Kontext der Serie

1993, als der amerikanische DC-Verlag sein Imprint „Vertigo“ startete, wurde das vorläufige Ende einer spannenden Entwicklung besiegelt: der Öffnung amerikanischer Superhelden- und Mainstreamcomics für erwachsene und anspruchsvolle Inhalte. Mit dem Start von Vertigo wurde erfolgreichen Reihen wie Hellblazer, Animal Man oder Doom Patrol zwar ermöglicht, von editorischen Zugriffen weitgehend unbehelligt zu bleiben, gleichzeitig wurde aber die Aufspaltung zwischen „Jugend-“ und „Erwachsenencomics“ (for mature readers) endgültig: Beim herkömmlichen DC erschienen ab 1993 die Superheldengeschichten mit jugendfreier, „sauberer“ Gewalt und harmlosem, jugendfreiem Splatter (blutig ging’s oft genug zu im Mainstream-Comic), bei Vertigo hingegen gab es nur noch die ambivalenten Inhalte, die oft von moralischen Grauzonen, Drogenerfahrungen aller Art und dem Spiel mit sexuellen Identitäten handelten.[2]

Grant Morrison befand sich in der Frühphase des Vertigo-Imprints in seiner wahrscheinlich interessantesten, zumindest in einer sehr experimentierfreudigen Phase. Nach seinen originellen Storylines in den Superheldenserien Animal Man und Doom Patrol schien er Feuer und Flamme zu sein für neue Ansätze abseits des Superheldengenres. Kurz hintereinander schrieb er die Steampunk-Miniserie Sebastian O, die rätselhafte Graphic Novel The Mystery Play und das tarantinoeske Kill your Boyfriend. Nichts deutete darauf hin, dass Morrison seine Zukunft als Starautor für Superhelden-Events noch vor sich hatte, dagegen schien es offensichtlich, dass er sich freischwimmen wollte von Genregrenzen. The Invisibles schließlich, die 1994 startende fortlaufende Serie, sollte diesen Ansatz krönen, eine esoterische SF-Serie mit reichlich provokantem Inhalt, die alles beinhaltete, wofür Vertigo zu diesem Zeitpunkt stand: Psychedelisch-halluzinogene Rauschzustände, das Spiel mit sexueller Identität, die Auflösung der Grenzen zwischen Gut und Böse, Esoterik und das Entwerfen neuartiger Lebenskonzepte. The Invisibles markiert den Höhepunkt der ursprünglichen Vertigo-Formel, nur wenige Monate später begann Garth Ennis mit seinem Preacher, die Formel ironisch zu unterminieren.

Dane McGowan und sein Lehrer, Mr Malkie

Dane McGowan und sein Lehrer, Mr. Malkie. The Invisibles Kapitel 1. Zeichnung von Steve Yeowell. [3] © DC Comics

 2. The Invisibles – Eine Counterculture-Kolportage?

Das erste Kapitel der Invisibles, „Dead Beetles“, wirkte bereits 1994 anachronistisch. Einerseits ist es wohl eine der stringentesten und zugänglichsten Erzählungen, die Morrison je geschrieben hat, andererseits war es eine offensichtliche Wiederverwertung von Versatzstücken der Gegenkultur-Literatur der 70er Jahre. Dane McGowan, ein Schüler aus Liverpool, hochintelligent, aber rebellisch, verübt mit seinen Freunden einen Brandanschlag auf seine Schule und schlägt seinen Lehrer Mr. Malkie zusammen, einen gut meinenden Pädagogen, der seine Schüler zu politisch aufgeklärten und kritischen Bürgern erziehen will. Dane wird auf Grund dieser kriminellen Tat zu zehn Wochen Therapie im „Harmony House“ verurteilt, einer Institution, die jugendliche Straftäter mit allerlei dubiosen Maßnahmen, unter anderem medikamentöser Behandlung und Gedankenmanipulation, zu konformen und funktionierenden Mitgliedern der Gesellschaft umerzieht.

Dane McGowans Verbrechen

Dane McGowans Verbrechen. The Invisibles Kapitel 1. Zeichnung von Steve Yeowell. © DC Comics

Spätestens als Dane herausfindet, dass seinem Freund als Teil der Therapie ein Teil seines Gehirns entfernt wurde, werden dem Leser allerdings die Anleihen an zwei große Klassiker der 70er Jahre überdeutlich: Anthony Burgess‘ A Clockwork Orange wegen der Umerziehung krimineller Jugendlicher durch Gehirnwäsche, und Ken Keseys Einer flog über das Kuckucksnest. Auch bei Ken Kesey werden schwierige Patienten durch Kopfoperation (bei Kesey eine Lobotomie) zu menschlichem Gemüse gemacht.[4] 

Im Grunde hat Grant Morrison diese Motive nur mit Action und Esoterik angereichert und damit eine klassische Kolportage geschrieben, im Gegensatz zu seinen Vorbildern schweift er allerdings recht schnell in reine Fantasy ab. Morrisons „Harmony House“ – immerhin eine wichtige Stütze der staatlichen Ordnung – ist von dämonischen Wesen durchdrungen, was den Befreiungskampf der Invisibles, einer Zelle von Freiheitskämpfern, die einer großen Geheimorganisation angehört, von vorneherein legitimiert. Als King Mob, der Anführer der Invisibles-Zelle, Dane McGowan befreit, geht er skrupellos über Leichen und kommentiert dies mit lakonischem Zynismus.

King Mob in seiner Kampfmaske

King Mob in seiner Kampfmaske. Aus: The Invisibles Kapitel 1. Zeichnung von Steve Yeowell. © DC Comics

3. King Mob – Der Terrorist als Held?

Zwar wird das Böse in Mainstream-Erzählungen seit jeher gewaltsam bekämpft, und auch die Rebellion gegen ein böses Empire ist nicht neu, so nah an der Lebensrealität des Lesers war dieser Befeiungskampf allerdings bisher nur selten. Morrison begibt sich auf gefährliches Terrain, wenn er den realen Terrorismus einer außerparlamentarischen Opposition gerade durch Dämonisierung der Obrigkeit legitimiert – man muss fast zwangsläufig an Ulrike Meinhof denken, die im Spiegel 1970 schrieb:

„und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“

Aber auch wenn Morrisons Figuren provokativ wirken, sollte man zuerkennen, dass dieses frivole Spiel durchaus der Haltung entspricht, mit der man auch Horrorfilme über Hexen, Besessenheit, Dämonen und Teufel goutiert, während man im realen Leben jegliche Form von religiöser Sektiererei und Exorzismus eindeutig ablehnt. Ganz offensichtlich konsumiert man in Literatur und Film nicht nur Vernünftiges, sondern gerne auch eine Portion Wahnsinn, auch wenn man sich dessen nicht immer bewusst ist.

Tatsächlich hält sich Grant Morrison mit der Dämonisierung des Feindes in den Folgeheften zurück, zumindest missbraucht er sie nicht, um den Feind moralisch zu diskreditieren. Zwar stehen im Hintergrund, an den Schaltstellen der Macht, tatsächlich Dämonen, doch bereits die Menschen, die sich in ihrem Dunstkreis bewegen, werden in den Folgekapiteln dreidimensional und menschlich charakterisiert, teilweise bis zur schmerzhaften Identifikation. Dem Securitymann, der von King Mob im ersten Kapitel erschossen wird, widmet die Reihe gar ein eigenes Kapitel, das im Rückblick dessen ergreifende Lebensgeschichte nacherzählt. Morrison erzählt darin mit viel Einfühlungsvermögen von einem britischen Falkland-Veteranen, der aus Angst vor sozialem Abstieg dem Sicherheitsdienst des Harmony House beitritt, was sein grimmiges Schicksal besiegelt.

Menschen

Kurz vor King Mobs Überfall: Menschen in Uniform. The Invisibles Kapitel 12. Zeichnung von Steve Parkhouse. © DC Comics

Gewalt verharmlosend ist The Invisibles damit sicherlich nicht. Im Gegenteil wird erst im Kontext derartiger Reflexionen deutlich, dass King Mob ein empathieloser Killer ist. Das ist eine erfreuliche Klarstellung, mit der Grant Morrison immerhin einen deutlichen Unterschied zu artverwandten Erzählungen wie John Carpenters Sie leben oder The Matrix der Wachowski-Brüder herstellt, in denen ebenfalls Außerirdische die Lebenswirklichkeit manipulieren, um die Menschheit in ihrer Unwissenheit zu versklaven. Gerade in letztgenanntenen Werken wird das Umnieten der gesichtslosen Schergen des Gegners nie hinterfragt. Die Annahme des kämpfenden Helden, im Recht zu stehen, reicht aus, seine Gewalt zu legitimieren, die für nicht informierte Außenstehende in beiden Beispielen wie ein Amoklauf wirken muss.

Grant Morrison hingegen reflektiert durchaus, welche Konsequenz die Verwendung einer Waffe auf Täter wie Opfer hat. Gerade deswegen allerdings ist die Gore-Show, mit der sich die Invisibles zu Beginn der zweiten Staffel der Serie den Weg durch ein unterirdisches Geheimlabor schießen, irritierend und abstoßend. Wo ist Dane McGowan da nur hineingeraten?

Blutig – The Invisibles

Dies ist weder die blutigste noch die verstörendste Szene. King Mob in: The Invisibles Kapitel 28, Zeichnung von Phil Jimenez. © DC Comics

4. Grant Morrison – Das Leben imitiert die Fiktion (und andersrum)

Neben der offensichtlichen Erzählebene gibt es bei The Invisibles eine zweite, metaphorische Ebene. Grant Morrison hat die Figuren der Reihe nach seiner eigenen Persönlichkeit entworfen, teilweise passte er sein Leben auch den geschriebenen Figuren an. Im Kapitel „King Mob – My life as a superhero“ seines autobiografischen Buchs Supergods erzählt er:

„King Mob was the action lead. He was shaven headed, my age, and he’d made his money as a writer. As an anarchist activist, he borrowed some of his praxis from my dad. He was a Tantric sex adept, a kung fu master, and wore slick leather coats, PVC pants, and mirror shades. […] I intended to blend my life, my appearence, my world with his until I could no longer tell us apart. I had no idea what I was letting myself in for.“[5] 

Grant Morrison

King Mob in seiner Zweitidentität, dem futuristischen Gideon Stargrave. So möchte wohl auch Grant Morrison gerne sein. Aus: The Invisibles Kapitel 30, Zeichnung von Phil Jimenz.© DC Comics

Morrison, damals bereits ein anerkannter Comicautor, brach zu dieser Zeit die neunjährige Beziehung zu seiner Freundin ab, um einen Zustand lähmender Depression zu überwinden und seinem Leben eine neue, aufregende Richtung zu geben. Natürlich galt es bei dieser Entscheidung, Skrupel abzuschütteln, und so ist es nur folgerichtig, dass Morrison für sich die Figur des King Mob entwickelte, eines Killers, der seine Ziele gewissenlos und konsequent verfolgt. Die Identifikation mit King Mob sollte jedoch mit Fortschreiten der Serie teils groteske Züge annehmen. „By the time I realized I’d become semifictional, it was too late to defend myself“ [6] schreibt Morrison in Supergods und spielt dabei auf die unheimliche Vermischung seines Lebens mit dem Skript zu The Invisibles an.

Es scheint, als wäre Morrison zu dieser Zeit die Beschäftigung mit Magie und Drogen über den Kopf gewachsen, denn er machte einige quasi-religiöse Erfahrungen und erinnert sich unter anderem daran, während eines Ausflugs in Kathmandu von Aliens entführt worden zu sein.

„What’s important about this experience is not whether there are ‚real‘ Aliens from a fifth-dimension heaven where everything is great and we’re all friends. There may well be, but I have no real proof. […] I was willing to write off the whole thing as some very enjoyable drug trip, but I never found a substance capable of reproducing that place, and I eventually gave up.“ [7]

Als King Mob im Verlauf der ersten Staffel der Heftsereie in die Brust geschossen wird und ihm in Gefangenschaft mittels Psychodrogen vorgegaukelt wird, er habe ein entstelltes Gesicht, erkrankte Grant Morrison an einer kollabierten Lunge und hatte einen Gesichtsausschlag.

„I had no idea what I was letting myself in for when I wrote King Mob into the hands of his enemies. Tortured and drugged, he was made to believe his face was being disfigured by a necrotizing fascitis bug. Within three months, bacteria of a different kind  had nibbled a hole in my cheek. […] I came out in boils, traditional signs of demon contact. […] On the night before I was hustled into the hospital, with what I later found out was probably less than forty-eight hours to live, I hallucinated something I recognized immediately as ‚Christ‘.“[8]

Diese unheimlichen Erlebnisse motivierten Morrison dazu, King Mob in späteren Heften eine Pause zu gönnen und ihm Szenen mit viel Sex und wechselnden Partnern auf den Leib zu schreiben.

Aber nicht nur King Mob erhielt Anteile von Morrison, auch Dane McGowan und die anderen Teammitglieder erhielten Charakterzüge des Autors. Dane McGowan repräsentiert dabei den ursprünglichen Working-Class-Morrison während die Drag-Queen Lord Fanny die in Morrison erwachende Vorliebe für Fetischkultur und Grenzüberschreitung repräsentiert. Aber auch die bösen Mächte der Ordnung haben ihren Ursprung in Morrisons Wesen: „Even the villains, blind Gnostic forces of repression, tyranny and cruelty, were my own self-hate and fear given form, named and tamed like demons.“ [9]

The Invisibles ist in Plot gegossene Reflexion von Morrisons inneren Konflikten und durchaus dazu geeignet, auch dem Leser eine Spiegelung in den Figuren zu ermöglichen. Wie Tarotkarten sind die Charaktere der Invisibles dazu geeignet, das Leben zu deuten.

5. „And the rich eat you“ – Der Verschwörungs-Komplex

„Every paranoid fantasy, every conspiracy theory, every alleged cover-up and government deception, every tabloid crank story you’ver ever heard… IMAGINE IF ALL OF IT WERE TRUE?“ [10]  

Mit diesem Slogan eröffnete die zweite Staffel der Serie. Man war daran interessiert, neue Leser ins Boot zu holen, denn die Serie war während ihres ersten Erscheinens nicht gerade außerordentlich erfolgreich, und was lag näher als die potentielle Leserschaft im Lager der Verschwörungs-Buffs zu suchen. Verschwörungen waren seit den 70er Jahren sowohl im kommerziellen Lager en vogue, was man beispielsweise an Filmen wie Unternehmen Capricorne, Fletchers Visionen, JFK oder der Reihe Akte X erkennen kann, als auch im Agit-Pop.

„They murdered X  and tried to blame it on Islam“ lautet beispielsweise eine Textzeile im Lied „Wake Up“ der Gruppe Rage Against the Machine, in welcher suggeriert wird, dass Malcolm X vom amerikanischen Geheimdienst ermordet wurde und nicht, wie die allgemein akzeptierte Version lautet, durch Mitglieder der Sekte „Nation of Islam“. Kurioserweise findet sich „Wake Up“ auch auf dem Soundtrack des Films The Matrix, was einmal mehr die Nähe diese Films zu The Invisibles belegt. Ganz offensichtlich war latent aggressives Misstrauen in die offiziellen Erzählungen staatlicher Medien und Erziehungsanstalten spätestens in den 90er Jahren im Mainstream angekommen – und Grant Morrison wollte mit seinen Invisibles ganz offensichtlich teilhaben an diesem Lebensgefühl.

Deportiert

„Züge rollen, Dollars rollen, Maschinen laufen, Menschen schuften, Fabriken bauen, Maschinen bauen, Motoren bauen, Kanonen bauen. Für wen? Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ – Ton Steine Scherben. Das Bild ist aus: The Invisibles Kapitel 20. Zeichnung von Tommy Lee Edwards. © DC Comics

Subtil geht er dabei in seiner Serie allerdings nicht vor: In The Invisibles bringen Deportationszüge unliebige Afro-Amerikaner mitten in Amerika in Konzentrationslager, während andernorts englische Fuchsjäger Obdachlose und Punks durch Fußgängerzonen hetzen, um sie abzuschlachten. Die zivilen Mitarbeiter der Elite und die anonymen Soldaten räsonieren die eigene Rolle im bösen Spiel immerhin auf psychologisch recht plausible Weise. Ähnlich den Mitläufern und Bescheidwissern des Dritten Reichs rechtfertigen sie vor sich selbst ihren eigenen Anteil an den Verbrechen, indem sie ihn durch soziale Zwänge und Umstände kleinreden.

Am hellichten Tag, mitten in London

Jagdszenen aus London. Aus: The Invisibles Kapitel 2, Zeichnungen von Steve Yeowell. © DC Comics

Gerade das Auftreten einer reichen Mörderbande in roter Fuchsjagdmontur ist grell und wirkt fast wie eine deplatzierte Karikatur. Morrison spitzt hier das Lagerdenken der Verschwörungstheoretiker dramatisch zu, nach deren Logik es ja genau „die da oben“ sind, die Reichen, die Aristokraten, die Bosse und die Bonzen, die mit „uns da unten“ machen was sie wollen und „uns“ keine Teilhabe an der Macht zugestehen. Und sind es etwa nicht „die da oben“, die verantwortlich sind für Umweltverschmutzung, Kriege und die ungerechte Verteilung des Wohlstands? Und halten etwa nicht „die da oben“ fest an den Verhältnissen und zementieren sie in Freihandelsabkommen? Denken wir nur mal an Alan Moores dokumentarisch gehaltenen Comic Brought to Light, in dem er die direkten und indirekten Opfer amerikanischer Geheimdienstoperationen in Südamerika in Swimmingpools gefüllt mit Blut aufsummiert.

Denken wir andererseits aber auch an die vielen Anhänger einer 9/11-Verschwörung, den „Truthers“, die glauben, die amerikanische Regierung hätte das abscheuliche Verbrechen begangen, um einen Krieg zu rechtfertigen. Denken wir an die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine Verschwörungstheorie, die schon lange widerlegt ist, die aber früher wie heute für unfassbares Unheil sorgte und immer noch sorgt. Verschwörungstheorien als Artikulation von Machtlosigkeit, das ist bis zu einem gewissen Grad Alltagskultur, manchmal wirken die Erklärungsmuster sogar plausibel. Aber die Grenze zur Paranoia, zur gezielten Manipulation und zur Rechtfertigung von Verbrechen ist schnell überschritten. „Where do yo draw the line? I’m not telling you, I’m asking you?“ Die Frage stellten in den Achtzigern schon die Dead Kennedys.

In The Invisibles #10 bringen amerikanische Konzernmanager tödliches Crack unter die afroamerikanischen Konsumenten, um sie anschließend als Zombies für unappetitliche Greueltaten fernsteuern zu können. Die politische Haltung, die man auch in diesen Plot hineindeuten kann, ist ebenso wie Morrisons Vorgehensweise mit Verschwörungstheorien unangenehm plakativ und eindimensional: Selbst wenn die Armen und Machtlosen sich gegenseitig umbringen, hat die korrupte Elite das zu verantworten. Verschwörungstheorien sind eben dazu geeignet, für unerklärliche und ungeheuerliche Vorgänge einen eindeutig Verantwortlichen nennen zu können. Sie geben dem Ohnmächtigen den Triumph, etwas zu „durchschauen“ und lassen ihn nie alleine, da es stets noch weitere Anhänger dieser Theorie gibt. Und im Gegensatz zu kritischeren und reflektierteren Gemütern weiß ein Verschwörungstheoretiker, die Zeichen zu deuten und hat für alles eine Antwort.

In der zweiten Staffel der Serie wird das Spektrum der Verschwörungstheorien völlig ins Absurde gesteigert und schreckt auch vor den abgegriffensten Topoi nicht zurück: In einer unterirdischen Zentrale in Südamerika hat die Regierung das Roswell-Ufo deponiert und hält dort einen Impfstoff gegen AIDS versteckt, darüber hinaus manipulieren die dämonischen Diener des Bösen die Gedanken aller Menschen, die in ihrer Kindheit gegen Polio geimpft worden sind.

Gedankenkontrolle dank Polio-Impfung

Sie impfen uns, um uns zu kontrollieren. Aus: The Invisibles Kapitel 27, Zeichnung von Phil Jimenez.© DC Comics

Sie kontrollieren uns alle!

Sie kontrollieren uns alle! Aus: The Invisibles Kapitel 27, Zeichnungen von Phil Jimenez.© DC Comics

Bevor man als kritisch denkender Mensch mit gesunder Aversion gegen Verschwörungstheorien die Serie nun entnervt in die Ecke wirft, sollte man allerdings zur Kenntnis nehmen, dass Grant Morrsion seine klassenkämpferische Haltung recht frühzeitig auch auf den Kopf stellt: Bereits früh in der ersten Staffel der Serie konfrontiert uns Grant Morrison mit der Annahme, dass sich die Brutalität in der Welt auch durch eine Revolution nicht ändern lässt. Am Beispiel der Französischen Revolution erzählt er, wie die revolutionäre Gewalt der Unterdrückten in den chaotischen Folgejahren rasch in den Terror der Guillotine umschlägt.

Diese kritische Auseinandersetzung mit der Idee des revolutionären Umsturzes wird in der Serie mehrfach wiederholt – so auch in einer Szene, in der King Mob seine frühere Freundin Jacqi besucht, die ihn aufgrund seiner revolutionären Tätigkeit verließ.  Jacqui kristisiert darin King Mobs Verhalten mit einem Philip K. Dick-Zitat, das die Aussichtslosigkeit jeder bewaffneten Revolution anspricht: „To fight the empire is to be infected by its derangement. Whoever defeats part of the empire becomes the empire.“ King Mob entgegnet darauf ein lakonisches „Philip K. Dick is dead“ [11]  und verweigert sich einer kritischen Überprüfung seines Lebens. Seiner späteren Freundin Robin gegenüber ergänzt er diese Haltung mit dem Satz „We wanted this. We wanted to be special and important and cool and look! Here we are. So what can we do but live in the beds we made.“[12]  Dennoch wird King Mob im weiteren Verlauf der Serie eine Entwicklung durchlaufen.

Damit hat Morrison letztlich doch einen interessanten und philosophisch tragfähigen Ansatz gefunden. Egal wie absurd die Verschwörungstheorien auch erscheinen mögen, die Meta-Erzählung dahinter überzeugt: Jeder Sieg über die Unterdrücker erzeugt nur ein neues Machtgefüge und damit eine neue Art von Unterdrückung. Jede Revolution frisst ihre Kinder, der Skandal des Machtmissbrauchs bleibt unter umgedrehten Vorzeichen der gleiche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Grant Morrison jeder der Verschwörungstheorien, die er in The Invisibles anspricht, tatsächlich anhängt. Er verwendet sie lediglich als – provokativen – Aufhänger, um seine Idee von der Transzendierung dieses Konflikts zu vermitteln. Erst wenn man die menschlichen Verhaltensmuster hinter sich lässt, kann es Frieden geben.

Nächste Woche: Grant Morrisons Origin-Story, sein Vater und der Krieg, alles über Sex, Zeitreisen, Rollenspiele, Grant Morrisons utopische Vision und das abschließende kritische Urteil über die Serie.

 

Fußnoten:

[1] Grant Morrison ist in vielerlei Hinsicht die Antithese zu Alan Moore: So macht Alan Moore vor allem Independentcomics und verachtet die großen Verlage, Morrison dagegen arbeitet für die großen Player DC und Marvel. Außerdem ist ihr Äußeres diametral entgegengesetzt: Alan Moore ist der Typ Hagrid mit Rauschebart und vollem Haar, Morrison trägt Glatze. Muss man erwähnen, dass die beiden sich nicht sonderlich leiden können?

[2] Homosexuelle Haupt- und Nebenfiguren beispielsweise gab es 1993 nahezu in jeder Vertigo-Reihe, in Nancy A. Collins‘ Swamp Thing ebenso wie in Neil Gaimans Sandman, Peter Milligans Enigma und Shade, Rachel Pollacks Doom Patrol und Jamie Delanos Animal Man, um nur die Hauptserien der frühen Vertigo-Phase zu nennen. Ebenso waren Drogenkonsum und ähnliche Grenzerfahrungen ein Hauptmotiv nahezu aller Vertigo-Serien, was das Imprint recht früh zu einem Sammelbecken für alles werden ließ, was abseits der Norm lief, gleichzeitig aber die Tür für „Normales“ zuschloss, was nicht jeder Serie gleich gut bekam. Gerade Traditionsserien wie Swamp Thing, Doom Patrol und Animal Man haben sich von dieser Entkopplung zum Mainstream nie wirklich erholen können.

[3] Bei den Bildbeispielen gebe ich das entsprechende Kapitel der Serie mit an. Die Nummer 1 der zweiten Heftstaffel wird in dieser Zählweise zum Kapitel 26. Ich mache dies, um im Aufsatz nicht unnötig für Verwirrung zu sorgen. Die Serie wurde während ihres Erscheinens zweimal mit neuer Zählweise gestartet und in der dritten Staffel als Countdown von der Nummer 12 bis zur finalen Nr. 1 durchgezählt. In meiner Zählweise wird die Nummer 12 der dritten Staffel zum Kapitel 48, die finale Nummer 1 zum Kapitel 59. Die außerhalb der Heftserie erschienene Sonderepisode „Hexy“ ist in dieser Zählweise nicht berücksichtigt.

[4] Auf Ken Kesey nahm Morrison auch schon in der Serie Doom Patrol Bezug. Es handelt sich um die Episode mit Mr Nobody, der Brotherhood of Dada, dem Magic Bus und Albert Hoffmanns Fahrrad. Doom PAtrol lief damals noch ohne Vertigo-Imprint und ist meiner Meinung nach Morrisons beste Arbeit.

[5] Morrison, S. 258f: „King Mob war der Anführer. Er hatte etwa mein Alter, einen kahlrasierten Schädel und verdiente sein Geld mit dem Schreiben von Büchern. Seinen anarchistischen Antrieb hat er von meinem Vater. Er praktizierte Tantra-Sex, beherrschte Kung-Fu-Kampftechnik, trug Kleidung aus Leder und verspiegelte Sonnenbrillen […] mein Plan war, äußerlich wie innerlich komplett mit der Figur zu verschmelzen. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ.“

[6] Morrison, S. 281: „Als ich merkte, dass ich mich langsam aber sicher in die Figur aus meiner Story verwandelte, konnte ich mich bereits nicht mehr dagegen wehren.“

[7] Morrison, S. 279: „Es ist gar nicht so wichtig, ob es tatsächlich Aliens und eine fünfte Dimension gibt, in der wir alle Freunde sind. Gut möglich, dass es das alles gibt, aber ich habe keine Beweise. […] Ich war bereit, diese ganze Erfahrung für einen großartigen Drogentrip zu halten, aber die Suche nach einem Stoff, mit dem sich diese Erfahrung wiederholen hätte lassen, war leider erfolglos. Am Ende gab ich die Suche auf.“

[8] Morrison, S. 281f: „Ich konnte nicht wissen, was mir bevorstand, als ich King Mob in die Gewalt seiner Feinde schrieb. Gefoltert und unter dem Einsatz von Psychodrogen überzeugten sie ihn davon, dass sein Gesicht von einer nekrotisierenden Fasziitis entstellt war. Drei Monate später hatte ich ebenfalls auf Grund einer bakteriellen Infektion ein Loch in meiner Wange. […] Es bildeten sich Blasen, traditionelle Indikatoren einer dämonischen Begegnung. […] In der Nacht, in der ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, halluzinierte ich über Jesus Christus, später fand ich heraus, wie nahe ich dem Tod zu diesem Zeitpunkt war.“

[9] Morrison, S. 258: „Auch die Schurken, blinde, gnostische Mächte der Unterdrückung, Tyrannei und Grausamkeit, entsprechen meinen persönlichen Dämonen, denen ich Namen gab und die ich somit bezähmen konnte. „

[10] The Invisibles Vol. 2, Nr. 1: „Jede paranoide Einbildung, jede angebliche Vertuschungsaktion deiner Regierung, jede noch so wüste Story aus deinem täglichen Revolverblatt … WAS WÄRE, WENN DAS ALLES WAHR WÄRE?“

[11] The Invisibles Vol. 2, Nr. 5: „Das Imperium zu bekämpfen bedeutet, dessen Virus zu absorbieren. Bekämpfe das Imperium und du wirst selbst zum Imperium.“ King Mob entgegnet darauf ein lakonisches „Philip K. Dick ist tot.“

[12] The Invisibles Vol. 2, Nr. 6:“Wir sind, was wir immer sein wollten. Anders. Bedeutend. Cool. Wir haben es geschafft. Wir sind was wir sind. Damit müssen wir leben.“

 

Literatur:

Morrison, Grant (2011): Supergods, Spiegel & Grau, New York.
Deutsche Ausgabe: Superhelden: Was wir Menschen von Superman, Batman, Wonder Woman & Co lernen können, Hannibal Verlag, Innsbruck.

Morrison, Grant u.a. (1994 bis 2000): The Invisibles Vol. 1 (1 – 25), Vol. 2 (1 – 22), Vol. 3 (12 – 1) (sic.). DC Comics/Vertigo, New York.
Deutsche Ausgabe: Die ersten 25 Hefte erschienen in zwei Bänden als Invisibles Monster Edition, 2008, Panini Verlag, Stuttgart.

Morrison, Grant u.a. (1995): Hexy in Absolute Vertigo. DC Comics/Vertigo, New York.

Meaney, Patrick (2010): Our Sentence is Up: Seeing Grant Morrison‘s The Invisibles. Sequart, Illinois

Neighley, Patrick; Kereth Cowe-Spigai (2001): Anarchy for the Masses – An Underground Guide to The Invisibles. Mad Yak Press, Canada