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Wes Brot ich ess‘ – Der Max-und-Moritz-Preis 2016

Am Freitagabend fand die Max-und-Moritz-Gala im Erlanger Markgrafentheater statt, wie schon 2014 und 2102 moderiert von Hella von Sinnen und Christian Gasser. Der Ablauf der Preisverleihung hat sich über die Jahre gut eingespielt und folgt routiniert dem gewohnten Muster. Von Sinnen und Gasser harmonieren als Tandem sehr gut; erstere gibt die Rampensau (diesmal im gelb-schwarzen Charlie-Brown-Outfit), Gasser ist der keineswegs auf den Mund gefallene, aber eher geerdete Experte mit der geballten Comicfachkompetenz, der dann auch erzählen kann, wie er mal in Angoulême hinter Claire Bretécher an der Toilette anstehen durfte.

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Die internationalen PreisträgerInnen glänzten leider durch Abwesenheit, die Tamaki-Cousinen (Bester Internationaler Comic: Ein Sommer am See) ebenso wie Lebenswerk-Preisträgerin Claire Bretechér (ihre Gesundheit erlaubt der 76-jährigen leider keine weiten Reisen mehr) und Sonderpreisträger Luz (Katharsis), der nur unter enormen Sicherheitsbemühungen nach Erlangen hätte kommen können. Der ehemalige Charlie Hebdo-Zeichner ließ dafür einen schönen Dankes-Comicstrip übermitteln, in dem Max und Moritz auf zwei Würstchen namens Petry und Pretzell treffen.

Bei den 25 Nominierungen war es der Jury durchaus gelungen, zu überraschen: Die Liste enthielt nicht nur typische „Preisträgercomics“ mit seriösem Anspruch und thematischer Relevanz, sondern auch etliche frische Genrestoffe und Unterhaltungscomics wie Descender, Das Nichts und Gott oder 78 Tage auf der Straße des Hasses (siehe dazu auch „Wir brauchen mehr Scheiß“ von Marc-Oliver Frisch beim Tagesspiegel). Bei den endgültigen PreisträgerInnen war dieser frische Wind jedoch schon wieder verweht – die Max-und-Moritz-Brote gingen fast durchweg an jene Comics und ZeichnerInnen, die für derlei Auszeichnungen am Naheligendsten sind und bereits an anderer Stelle prämiert wurden (wie etwa Madgermanes von Birgit Weyhe, erst 2015 mit dem Comicbuchpreis der Leibinger-Stiftung bedacht). Das ist nicht schlimm – zweifellos sind alle prämierten Titel und KünstlerInnen preiswürdig und auf ihre Weise herausragend – man verpasste aber leider die Chance, ein Ausrufezeichen zu setzen, indem man die Waage zwischen E und U auch mal anders auspendelt als gewohnt. Die Jury ging am Ende lieber auf Nummer Sicher und blieb beim bewährten Kurs.

Die Kiste mit Kiste

So war es jemand anderem überlassen, einen ordentlichen Überraschungsmoment auf der Bühne zu kreieren: Als Bester Comic für Kinder wurde Kiste von Patrick Wirbeleit und Uwe Heidschötter (Reprodukt) ausgezeichnet. Anwesend waren weder Zeichner noch Autor, also betrat Mattias Wieland die Bühne, der beim gleichen Verlag aktiv und als umtriebiger Vorleser von Kindercomics bekannt ist. Er verlas einen Brief von Kiste-Autor Wirbeleit, in dem dieser sich zunächst bei Verlag und Lektor bedankte, ehe er mit den Worten schloss, solange beim Max-und-Moritz-Preis so gute Zeichner wie Kim Schmidt und Sascha Wüstefeld ignoriert würden, könne er den Preis weder ernst noch an-nehmen.

Huch! Jetzt waren sie dann doch irritiert, sowohl das Publikum als auch Gute-Laune-Frau Hella von Sinnen. Da will doch glatt jemand nicht mitspielen beim Gruppenkuscheln und Selbstvergewissern der Comicbranche! Darf man das? Frau von Sinnen war sichtlich überrascht und auch ein wenig empört über diese Form der Verweigerung und brachte sie im weiteren Verlauf mehrmals aufs Tablett – inklusive Referenz an Marlon Brandos Protestaktion bei der Oscarverleihung 1973 und der völlig unangebrachten Nachfrage bei Publikumspreis-Gewinnerin Mikiko Ponczek (Crash ’n‘ Burn), was sie denn von so einer Aktion halte. Für Diskussionsstoff im Anschluss an die Gala war damit jedenfalls gesorgt. Die Irritation wurde noch gesteigert durch den Fakt, dass Kiste-Zeichner Uwe Heidschötter den Preis mitnichten ablehnte. Via Twitter bekundete er seine Freude über den (undotierten) Preis – eine Absprache zwischen Autor und Zeichner hatte es hier wohl  nicht gegeben. Wäre für so etwas nicht notfalls auch der Verlag zuständig?

Wie dem auch sei, keine Jury der Welt kann es allen recht machen und die Liste der PreisträgerInnen kann sich durchaus sehen lassen, auch wenn sie am Ende weniger bunt aussah, als viele es sich wünschten. Mit Barbara Yelin als „Beste deutschsprachige Comickünstlerin“ ging diese Kategorie zum dritten Mal in Folge an eine Frau: Aufgemerkt, Angoulême!

Eine Meckerei muss ich dann aber doch noch loswerden: Muss so eine Veranstaltung wirklich geschlagene zweieinhalb Stunden dauern? In einem sehr warmen Theater, ohne Getränke- und Frischluftversorgung? Wenn im Schlussapplaus die spürbare Erleichterung mitschwingt, dass die Chose nun überstanden ist, sollte man sich Gedanken machen, wie man die Gala auf anderthalb bis zwei Stunden straffen könnte. Große Teile des Publikums wären dafür gewiss sehr dankbar.