Berichte & Interviews
Schreibe einen Kommentar

„In einem zweiten Leben würde ich das Gleiche wieder machen“ – Interview mit Hansrudi Wäscher (2009)

Am 7. Januar 2016 ist im Alter von 87 Jahren Hansrudi Wäscher verstorben, der in den 1950er und 1960er Jahren als Zeichner von erfolgreichen Serien wie Sigurd, Akim oder Nick der Weltraumfahrer ein umfangreiches Werk schuf, das heute als Pionierleistung des deutschen Comics gilt. Sein Agent Hartmut Becker schreibt in seinem Nachruf: „Zeitweise zeichnet Wäscher bis zu vier wöchentlich erscheinende Comic-Hefte gleichzeitig und zusätzlich auch noch Titelbilder für nicht von ihm stammende Reihen, die der Verlag in Lizenz aus dem Ausland übernommen hat, sowie für die ständigen Neuauflagen seiner eigenen. Sammler werden später nachzählen, dass Wäscher allein für Lehning weit über 22.000 Comic-Seiten und fast 3.500 Titelbilder geschaffen hat. […] Hansrudi Wäscher war vor allem ein fulminanter, überbordender Erzähler, der sich in jedem Genre sofort zu Hause fühlte. In die Abenteuer seiner Helden zog er seine Leser förmlich hinein und ließ sie am Ende eines jeden Heftes mit geschickten Cliffhangern der Fortsetzung entgegenfiebern.“

Beim Comicfestival München im Jahr 2009 hatten Frauke Pfeiffer und Stefan Dinter die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Hansrudi Wäscher, der dort den Peng!-Preis für sein Lebenswerk verliehen bekam. Das damals entstandene Interview wurde zunächst nur als Audio-Version im Zettgeist-Podcast (Folge 89) veröffentlicht. Zum Gedenken an Hansrudi Wäscher bieten wir es nun erstmals auch in seiner schriftlichen Fassung an.

(Mit im Raum war auch Wäschers Agent, Hartmut Becker, der sich an einigen Stellen kurz zu Wort meldete.)

Hansrudi Wäscher beim Comicfestival München 2009 (CC Splashcomics, Siegfried Scholz)

Hansrudi Wäscher beim Comicfestival München 2009 (CC Splashcomics, Siegfried Scholz)

Frauke Pfeiffer: Erst einmal vielen Dank, dass Sie uns diese Gelegenheit geben, wir haben schon gehört, dass Sie nicht mehr oft Interviews geben …

Hansrudi Wäscher: Ja, eigentlich überhaupt nicht.

FP: Weil die Fragen sich wiederholen?

Ja, auch das – im Prinzip ist ja schon alles gesagt. Aber wenn Sie spezielle Fragen haben, will ich versuchen, sie zu beantworten.

Stefan Dinter: Wir werden sicherlich Sachen fragen, die sie schon gefragt worden sind. Das liegt auch einfach daran, dass wir aus einer Generation kommen, die nicht mit Ihren Comics direkt aufgewachsen ist, für uns war es tatsächlich auch Neuland, die zu entdecken.

FP: Erst mal Gratulation zu Ihrem zweiten Lebenswerkpreis nach dem Max-und-Moritz-Preis im vergangenen Jahr. Bedeutet Ihnen das viel, dass Sie jetzt sogar zwei solche Ehrungen erhalten haben?

Ich weiß nicht, vielleicht war’s ein Unfall, aber man freut sich natürlich über so einen Preis. Man denkt ja, dass man nach so vielen Jahren praktisch in Vergessenheit gerät. Aber es gibt ja eine lebhafte Fanszene, die das immer wieder ein bisschen belebt und anstachelt. Na ja, ich mach das ganz gerne noch ein bisschen.

cs2008_waescher1

Hansrudi Wäscher erhält von Denis Scheck den Max- und Moritz-Preis 2008 für sein Lebenswerk überreicht (Foto: Frauke Pfeiffer)

cs2008_waescher2

Eingang zur Ausstellung anlässlich des 80. Geburtstags von Hansrudi Wäscher auf dem Comic-Salon 2008 (Foto: Frauke Pfeiffer)

cs2008_waescher4

Einer der Begleittexte zur Hansrudi-Wäscher-Ausstellung auf dem Comic-Salon 2008

SD: Ist das etwas, womit Sie je gerechnet hätten, als Sie damals die Comics gemacht haben?

Damals sprach man nicht über Preise, das lag völlig außerhalb der Möglichkeiten. Es war ja eine Publikationsart, die wenig Freunde hatte, damals, als wir angefangen haben. Man machte damals, was man machte – was kommen sollte, wussten wir nicht und haben auch nicht drüber nachgedacht. Die Jugend ist eben so, Gott sei Dank. Ist ja heute auch noch so. Die machen natürlich Sachen, die ich zum Teil weniger schätze, aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Das ist dann, weil ich eine andere Sichtweise habe. Wenn man sich da mal richtig mit beschäftigt, findet man da ja auch sehr viele Perlen auf diesem Heuhaufen, würde ich sagen. Früher war das auch schon so.

FP: Eine Generationensache …

Das ist ja bei allem so, die Musikgeschmäcker sind ja auch ganz verschieden. Ich vergesse nicht, früher, wenn ich meine Platten von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald hatte, Cool Jazz und das alles, da haben alle den Kopf geschüttelt. Für meine Verwandten war solche Musik ein Tabu, aber da haben wir uns auch nicht drum gekümmert.

SD: Hatten Sie damals schon Kontakt mit Fans ihrer Comics?

Nein, überhaupt nicht. Es gab keine Fanszene, die Leser waren ja Kinder. Davon erfuhr man immer nur am Rande, die Kinder waren ja auch damals schon sehr vorlaut. Wenn ich in Hannover meine Belegexemplare geliefert bekommen habe, stand da immer schon eine kleine Gruppe, oder eine große Gruppe, die wussten genau, wann das war. Die haben mich dann geplündert. Ich bin ja kein Sammler, und deswegen habe ich das immer fröhlich weggegeben und die haben sich natürlich gefreut.

Tibor Sohn des Dschungels 102, Lehning Verlag

Tibor Sohn des Dschungels 102, Lehning Verlag

FP: Sie haben ja bis heute sehr aktive und begeisterte Fans. Können Sie diese Popularität verstehen oder ist Ihnen das auch ein bisschen unheimlich?

Nein, unheimlich ist mir das überhaupt nicht. Ich finde das ganz gut.

FP: Man sieht auf dem Festival, wenn Sie da sind, eigentlich immer einen ganzen Tross von Leuten, die hinterher laufen. Das ist schon toll, wenn man so eine treue Fanschar hat …

SD: .. zu der ja auch immer noch neue Leute dazu kommen. Ich sehe, dass die Fans immer jünger werden.

FP: Die meisten Fans sind ja mit Ihren Comics aufgewachsen und haben sich mit Ihren Geschichten sehr identifiziert, das war ihr Eskapismus. Heute sind Comics nur noch eine von vielen Möglichkeiten. Damals hatten Sie eine Million verkaufte Exemplare, habe ich gelesen.

Wenn Sie das sagen, wird’s wohl so sein, ich weiß es nicht (lacht). Heute sind Comics für Kinder meiner Ansicht nach praktisch obsolet. Durch Fernsehen und Computerspiele ist das den Kindern wahrscheinlich zu statisch geworden. Sie möchten gerne Bewegung haben, Farben undsoweiter. Man sieht das auch in England und Italien, wo ich manchmal bin. Das ist überall dasselbe. Auch in Frankreich, wissen Sie ja selbst, sind diese schönen Zeitschriften, Spirou etc., alle eingegangen. Das ist dieser Wandel, der ist meiner Ansicht nach irreversibel, das ist so und wird sich wahrscheinlich auch auf die Erwachsenen und die Halbstarken, wie man früher sagte, ausdehnen. Die Inhalte der heutigen Comics sind ja auch meistens so, dass sie für Kinder nicht mehr geeignet sind.

FP: Beziehungsweise sie werden bewusst für Erwachsene produziert oder für ganz bestimmte Zielgruppen.

Was mich dagegen freut, ist, dass Comics heute auch in der Schule eingesetzt werden. In Sachbüchern werden Sachen mit kleinen Comics erklärt, das finde ich schon sehr interessant.

Falk 46, Lehning Verlag

Falk 46, Lehning Verlag

FP: Verbinden Sie mit Comics auch Papier? Ich frage, weil der Trend ja immer mehr zu elektronischen Angeboten geht.

Ich bin ja wie gesagt der Dinosaurier der Comics, und deswegen brauche ich dafür auch keinen Computer. Bei mir ist der Lichttisch immer noch die Fensterscheibe, ich halte das dann immer da hin.

SD: Wirklich? Sehr cool, das mach ich auch so!

Ja, ich sollte mir immer einen Lichttisch anschafften, aber ich dachte immer „soviel Platz haste ja auch nicht“, und so oft kommt es auch nicht vor, dass man das braucht. Ab und zu für Titel, wo man nicht so recht weiß, wo sie hin sollen, da kann man dann gut ein bisschen rumspielen.

SD: Zeichnen Sie denn noch viel?

Och, das ist relativ. Für mich ist es viel …

SD: Offensichtlich nicht so viel wie früher (lacht)
Sie haben ja in den Achtzigern mit Fenrir noch mal was Neues angefangen …

Ja, das ist für mich die interessanteste Serie, die ich gemacht habe. Weil man da viel im Hintergrund und überall rumstacheln konnte, die meisten haben’s zwar nicht gemerkt …

Szene aus Fenrir

Szene aus Fenrir, erschienen im Magazin Sprechblase (Farbversion von 2009), Norbert Hethke Verlag

SD: Aber sie sind noch ziemlich stark im Mediengeschehen drin, wenn ich Sie jetzt so höre.

Na, ich lebe ja nicht auf dem Mond! (lacht)

FP: Sie interessieren sich also noch dafür, was so alles passiert. Sind Sie gerne auf Festivals wie diesem hier?

Also, das ist eine Ausnahme. Das mache ich sonst nicht. Es gibt ja viele Möglichkeiten, wie man sich informieren kann.

FP: Schauen Sie sich dann auch auf dem Festival um?

Ja, die Zeit nehme ich mir dann schon, dass ich mal herumgehe und schaue, was es so gibt. Das, was ich suche, finde ich allerdings meistens nicht.

Wäscher beim Stöbern auf dem Comicfestival München 2009 (CC Splashcomics, Siegfried Scholz)

Wäscher beim Stöbern auf dem Comicfestival München 2009 (CC Splashcomics, Siegfried Scholz)

FP: Wonach suchen Sie?

Nach alten Sonntagsbeilagen von den großen Zeitungen aus den USA. Hal Foster und alles, was es da so gab. Aber ich bin wie gesagt kein Sammler, und deswegen bemühe ich mich immer nur bis zu einem gewissen Grad.

FP: Wir haben für unser Magazin einen kleinen Fragebogen an verschiedene Comicmacher geschickt, ein paar dieser Fragen würde ich Ihnen auch gerne stellen. Was mich besonders interessieren würde, Sie haben ja ein sehr ereignisreiches Comicleben hinter sich: Was war da Ihr schönster und Ihr schlimmster Moment?

Oh, das ist schwierig zu sagen. Es gibt natürlich schlimme Momente … Also bei meiner Arbeit war es nie frustrierend, mir wurde kaum jemals etwas zurückgeschickt. Es sind eigentlich nur persönliche Eindrücke, die mich erschüttert haben, zum Beispiel der Tod von Herrn Hethke. Der erste große Schock war die Insolvenz von Herrn Lehning, die hätte eigentlich nicht nötig sein müssen. Aber na ja, es ist passiert. Das sind so die schlimmsten Momente, aber die hatten mit meiner Arbeit selbst nichts zu tun. Wenn ich jetzt eine Serie entworfen hätte, die abgelehnt worden wäre – das habe ich nie erlebt.

Sigurd 158, Lehning Verlag

Sigurd Großband 158, Lehning Verlag

FP: Gibt es einen schönsten Moment oder einen erfüllendsten, etwas wo Sie denken, „Dafür war es das wert“ oder „Das hat richtig Spaß gemacht“?

Ja, das macht immer noch Spaß!

SD: Der schönste Moment kommt immer wieder, wenn du zeichnest. Wenn du die Story fertig hast, ist das der schönste Moment.

Was ich dazu sagen kann, ist eigentlich nur, dass, wenn ich in einem zweiten Leben nochmal die Chance hätte, ich das Gleiche wieder machen würde. Und zwar mit allen Einschränkungen: Am Anfang wurde man ja noch für verrückt erklärt, wenn man Comics machen wollte. Ich hatte damals ein Atelier für Kinoreklame und alles mögliche, es lief alles blendend, aber es half nichts, ich musste es tun! Und dann bekam ich durch den Lehning-Verlag, der durch einen glücklichen Zufall auch in Hannover war, diese Möglichkeit. Als ich diese Heftchen gesehen hatte, da bin ich ausgerastet, weil ich so was eigentlich selber produzieren wollte. Das war natürlich total utopisch, ich hatte überhaupt kein Geld dafür in dem Alter. Und in Comics wollte keiner einen Pfennig reinstecken. Alle sagten, das hätte keine Zukunft. Meine Kinoplakate, die hätten Zukunft. Und dann ist es genau umgekehrt gekommen. Das freut mich auch.

Hartmut Becker: Man muss das vielleicht für die jüngere Generation erklären, die kennt das ja nicht mehr mit den gemalten Kinoplakaten. Das waren riesige Tafeln, die über den Kinos aufgehängt wurden.

Das größte, das ich hatte, war für das Regina-Kino, das war 6 Meter breit und 2,50 Meter hoch ungefähr.

Hartmut Becker: Und für jeden neuen Film musste wieder ein neues Plakat gemalt werden …

Und das war Stress!

SD: War es stressiger, als Comics zu zeichnen?

Ja ja, die Termine! Die Filme wechselten ja ununterbrochen, sie liefen immer nur solange, wie sie gut gingen. Es gab Filme, die lang liefen, Vom Winde verweht, das werde ich nie vergessen, hat mich beinahe ruiniert. Der lief zwei Monate, glaube ich. Da brauchte ich dann nichts zu machen (lacht). Aber ich hatte ja Gottseidank vier Kinos zu betreuen. Es lief immer so: Das Plakat für einen neuen Film musste aufgehängt werden – ich hatte da so einen Wagen, mit dem man das zum Kino fuhr, und dann musste man das aufhängen, während die letzte Vorstellung lief. Dann konnten sich die Leute, wenn sie aus dem Kino kamen, umdrehen und wussten, was es als nächstes gab.

Ich hatte damals viel Ärger mit meinen Busen, das muss ich schon sagen, weil ich immer etwas übertreiben musste. Weil der Inhaber von dem Kino sich davon immer viel versprach. Ich kriegte dann Anrufe: „So eine Sauerei“ und so …. Aber Gottseidank saß mein Vetter im Ordnungsamt an leitender Stelle, der hat das dann alles abgeblockt. Ich hab denen dann immer gesagt, „Sie sind nur neidisch“. Aber es war stressig, plötzlich wurde ein neuer Film angesagt, dann wieder zurückgenommen, da musste man dann auch manchmal eine Nacht durcharbeiten.

Regina-Lichtspiele Hannover im Jahr 1954. (Quelle: KinoWiki)

Regina-Lichtspiele Hannover im Jahr 1954. (Postkarte aus dem Verlag Dr. Müller, Quelle: KinoWiki)

FP: Was passierte denn danach mit den Plakaten, wurden die einfach vernichtet?

Nein, nein, die waren auf Leinwand aufgespannt. Die wurden mit weißer Farbe grundiert, und man malte dann einfach wieder drüber. So wurden die immer dicker. Das ging so lange, man glaubt es nicht, bis man sie nicht mehr anheben konnte. Dann musste neu bespannt werden.

Hartmut Becker: Über dieses Phänomen gibt es Bücher! Das war zeitlich begrenzt, bis Mitte oder Ende der Sechziger Jahre. Danach wurde das kaum mehr praktiziert.

Andere haben mit nichtwetterfesten Farben gearbeitet, die wollten nicht, dass die Plakate immer schwerer wurden. Die Farben konnte man dann wieder abwaschen. Aber wenn es mal stark geregnet hat, dann liefen den Frauen die Tränen runter und so – und das wollte ich nicht.

FP: Wie frustrierend ist das, wenn man ständig seine eigenen Bilder wieder übermalen muss?

Überhaupt nicht! Je schneller, je besser! Man darf auch nicht vergessen, dass die Honorare damals ziemlich niedrig waren. Wir malten nebenbei auch noch kleinere Plakate, aber das große Plakat kostete 60 Mark. Man muss aber auch dazu sagen, dass eine Drei-Zimmer-Wohnung damals 47 Mark Miete kostete. Das kann man mit heute nicht vergleichen. Naja, das war nun ein Abstecher in die Abgründe der Jugend … (lacht)

FP: Sie haben die komplette Comic-Entwicklung in Deutschland mitbekommen. Comics haben ja in anderen Ländern einen ganz anderen Stellenwert – beneiden Sie diese Länder?

Nein, überhaupt nicht. Jeder muss machen, was er kann, was er will, ansonsten soll er es lassen.

FP: Bei uns ist es ja heute noch so, dass Comics von vielen als Kinderkram wahrgenommen werden. Wenn man da an Frankreich oder Belgien denkt, dort sind Comics ganz anders präsent.

Ja, sicher. Für mich ist da die Grenze, ich habe keine Lust, da neu anzufangen oder irgendetwas neu auszudenken. Ich mache das, was ich kann, was mir Spaß macht und sonst gar nix. Ich finde persönlich, dass diese ganze Geschichte viel zu sehr überfrachtet wird, also mit psychologischen Momenten und diesem und jenem … Wir haben das mehr so als Unterhaltung, als Spaß gemacht, auch für die Kinder. Es musste spannend sein, es musste sauber sein – das kam mir immer sehr entgegen, weil ich auch ein bisschen altmodisch bin in verschiedener Richtung. Die Kinder sollten gefesselt werden und sollten das nächste Heft auch wieder kaufen.

Cliffhanger aus Tibor Sohn des Dschungels 102

Cliffhanger aus Tibor Sohn des Dschungels 102

FP: Dafür sind Sie ja bekannt, für Ihre Cliffhanger …

Die wurden auch vom Kino inspiriert. Ganz früher gab es ja diese Abenteuerfilme, die liefen ja in Etappen in den Kinos – erster Teil, zweiter Teil, dritter Teil – Tarzan zum Beispiel. Die hörten immer mit so einem Cliffhanger auf. Er hat schon den Fuß im Krokodilhals, aber … (lacht)

Cliffhanger aus Falk 46

Cliffhanger aus Falk 46

SD: Sie haben ja wirklich sehr viele Serien gezeichnet, auch gleichzeitig. Sind sie irgendwann mal mit den Figuren durcheinander gekommen?

Nein, das nicht, aber derjenige, der gelettert hat. Ich hatte das ja in solchen Kladden, und da kam schon mal was durcheinander und er war ganz verzweifelt. Es waren ja immer drei, vier verschiedene Sachen unterwegs.

FP: Noch ein paar Fragen aus unserem Fragebogen: Was könnte man auf dem Comicmarkt besser machen?

Da fühle ich mich nicht kompetent genug, das muss jeder selber wissen.

SD: Sie gehen da sehr pragmatisch ran.

Ja, absolut.

SD: Wenn Sie selber einen Comic lesen, ist es für Sie wichtiger, dass die Story gut ist oder dass die Zeichnungen gut sind?

Das muss zusammen gehören. Nun muss ich sagen, deutsche Comics lese ich eigentlich überhaupt nicht. Noch nicht einmal die Micky Maus, die Sprache passt für mich überhaupt nicht. Ich bin ja mit der italienischen Micky Maus und dem italienischen Donald Duck aufgewachsen, und da muss man sagen, dass die Italiener besser übersetzt haben als die Deutschen. Es hat mich immer gestört, dass Frau Erika Fuchs Taler aus den Dollars gemacht hat.

FP: Die hochgelobte Erika Fuchs …

Ja, das habe ich ihr sehr übel genommen. Es ist gerade interessant, zum Beispiel bei Donald Duck der Uncle Scrooge, bei uns heißt er Dagobert. Das ist ja praktisch eine Schulung, da sind so viele moralische Winkel drin, die werden völlig übertüncht, wenn man den Dollar Taler nennt, alles wird ins Märchenhafte gebracht. Im Grunde sind das ja komische Kritiken unserer Gesellschaft. Und das wird hier völlig niedergebraten, Kinder dürfen sich keine Gedanken machen um Geld oder so.

FP: Das finden Sie also schon gut, wenn es nicht nur Unterhaltungswert hat, sondern noch mehr dahinter steckt.

Ja, aber es muss halt so aufbereitet werden, dass die Kinder das auch verstehen. Manches wird halt wieder zu sehr hochgeschaukelt, das verstehen sie nicht.

FP: Das führt mich zur nächsten Frage: Gibt es einen Comic, den Sie immer wieder lesen?

Ja, meine alten Micky Maus-Hefte. Ich habe einen Schrank, da sind die drin, auch die von Carl Barks. Aber alle auf Italienisch. Und da räume ich so herum und dann nehm‘ ich das mit ins Bett und kann dann gut schlafen. Das ist so ein sauberer Humor irgendwie. Eine meiner Lieblingsstories ist „Der Schatz von Klarabella“, wo sie in die Prärie gehen und einen Schatz heben, das ist fantastisch. [Anm. d. Red.: Gemeint ist vermutlich die Storyline „Race for Riches“ aus dem Mickey Mouse-Zeitungsstrip von Floyd Gottfredson, 1935] Oder Donald Duck mit all seinen Problemen, das ist ganz wunderbar.

FP: Ich weiß nicht, ob die Frage Ihnen schon gestellt wurde, aber haben Sie schon mal an Memoiren gedacht?

Nein, habe ich nicht.

FP: Könnten Sie sich so was vorstellen?

Ja, wenn ich einen Autor finde, wie Herr Lorenz zum Beispiel, der könnte ja sowas für mich schreiben, wenn er wollte. Der hat jetzt das Buch über Tibor geschrieben, der würde das gut machen. [Anm. d. Red.: 2009 erschien in der Edition Comics etc. Detlef Lorenz‘ Buch Tibor – Eine Legende in Afrika über Wäschers Dschungelserie]
Ich glaube aber, an meinen Memoiren ist kaum jemand interessiert, eine größere Auflage wird man da nicht erreichen.

Hartmut Becker: Nicht so bescheiden!

Mir hat mal jemand gesagt, Bescheidenheit ist auch eine Art von Arroganz. Deshalb muss man da auch vorsichtig sein.

Bei der Verleihung des Peng!-Preises in München 2009 (CC Splashcomics, Bernd Glasstetter)

Bei der Verleihung des Peng!-Preises in München 2009 (CC Splashcomics, Bernd Glasstetter)

FP: Aber Sie kriegen ja oft gezeigt, dass man noch sehr an Ihnen interessiert ist und Sie schätzt.

Ja, das hat mich auch gefreut, es gab ja [bei der Preisverleihung] richtig viel Applaus auf der Bühne.

SD: Vielen Dank, dass wir Sie so lange in Anspruch nehmen durften, das hat wirklich großen Spaß gemacht.

FP: Es ist sehr angenehm, wie Sie das alles mit Abstand, Ironie und Gelassenheit sehen.

Das kommt daher, dass ich das Ganze nicht so wichtig nehme. Es macht mir Spaß, und das ist die Priorität.

FP und SD: Herzlichen Dank!

Das Interview zum Anhören:
Zettgeist-Podcast Folge 89
(Erstveröffentlichung am
27.08.2009)
MP3, ca. 30 Minuten