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Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt, man hat die Mittel

Zu Besuch in Wilhelm Buschs Geburtsort Wiedensahl

Zum 150. Jubiläum der Veröffentlichung von Max und Moritz, einem der ganz wichtigen Wegbereiter der sequenziellen Kunst im deutschsprachigen Raum, wurde unter anderem auch in Wilhelm Buschs Geburtsort Wiedensahl gefeiert, und zwar mit der Ausstellung Endlich Comic!. Erstaunlicherweise war es das erste Mal, dass im Wilhelm-Busch-Geburtshaus eine Comicausstellung stattfinden sollte. Flankiert wurde diese Präsentation der deutschsprachigen Preisträger des Max-und-Moritz-Preises 2014 von Aktionen wie einem Comic-Workshop des Berliner Künstlers Mawil. Für Comicgate schildert Stefan Svik seine Eindrücke aus dem beschaulichen niedersächsischen Ort Wiedensahl.

Im Oktober 2014 fand im Alten Pfarrhaus, dem Ort, in dem Busch lange Jahre lebte, ein dreitägiger Workshop mit Mawil statt. Dafür begab ich mich auf den Weg nach Wiedensahl, das von Hannover aus mit Regionalzug und Bus in etwas über einer Stunde zu erreichen ist. Wenn denn ein Bus fährt. Sonntags ist das nicht der Fall, wie mir der Kurator der Ausstellung Endlich Comic, Darjush Davar, erzählt, der mich am Bahnhof abholt und mit dem ich an Feldern und Wäldern vorbei durch eine ländliche Gegend fahre, die so aussieht wie zahlreiche andere Orte in Niedersachsen auch. Eine erste Ahnung entsteht, warum sich Busch, den seine Arbeit in mehrere Großstädte führte, immer wieder gerne nach Wiedensahl zurückzog: Hier ist es ruhig und die Ablenkungen sind überschaubar.

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In Buschs Geburtshaus zu Gast: eine Figur von Mawil (Alle Fotos: © Stefan Svik)

Beim Geburtshaus, dem heutigen Museum, angekommen, erwartet uns eine Gruppe Gäste, der Museumsdirektorin Gudrun Sophie Frommhage-Davar gerade eine neue Ausstellung vorstellt, in der Landschaftsbilder gezeigt werden. Das Publikum ist größtenteils zwischen 40 und 60 Jahren alt, ein Journalist einer Regionalzeitung berichtet über den Termin. „Bei der Eröffnung der Comicausstellung war es ein Who is Who der deutschen Comicszene, sagte mir Martin Jurgeit“, berichtet Kurator Davar stolz. Er ist enthusiastisch und führt mit einem Lächeln und glänzenden Augen durch diese, die allererste Comicausstellung in Wiedensahl, für die seine Frau und er viel Überzeugungsarbeit leisten mussten und in die sie viel Zeit und Mühe investiert haben. So wurden etwa alle Künstler, deren Werke im oberen Stockwerk, einer recht beengten Dachkammer, ausgestellt werden, vorab an ihren Arbeitsplätzen besucht.

Im Erdgeschoss kann ein Bett, ein Schreibtisch und anderes aus dem Besitz Wilhelm Buschs besichtigt werden. Die Einrichtung ist spartanisch; das Bett ist tatsächlich dasjenige, in dem der Dichter schlief, und obwohl es so winzig wirkt, war es für zwei Personen ausgelegt. Im Flur kündigt sich mit einem Pappaufsteller bereits Mawil an. Vorbei an einem 50-Zoll-Fernseher und einem Touchscreen, auf dem etwa ein Film über Kinderland gezeigt wird, führt eine Treppe nach oben zur Comic-Ausstellung. Ich bin mit Davar allein in der Dachkammer, so ist die Bewegungsfreiheit noch groß. Aber dicht gedrängt wird es dort für gewöhnlich ohnehin selten, erzählt der Kurator.

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Kurator Dajush Davar führt durch die erste Comicausstellung in Wiedensahl

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Museumsdirektorin Frommhage-­Davar begutachtet Mawils Werke

Zu den ersten Exponaten, die auffallen, gehört eine gut 1,80 Meter große Puppe, die zur Präsentation der Werke Ralf Königs gehört. Ein eifriger Sammler von Königs Werken habe bereits neidvoll sein Interesse an diesem Unikat bekundet, verrät Davar schmunzelnd. Neben Königs Medaille aus Erlangen 2014 sind beispielsweise Ulli Lusts Trophäe aus Angoulême und die aus dem Fototeil des Comics Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens bekannten Pappschilder, mit denen Lust damals in Italien unterwegs war, zu sehen. Manche Stücke liegen in Vitrinen, andere sollen gerne in die Hand genommen werden. Kleine Comicseiten wurden extra vergrößert, und auf einer Couch bietet es sich an, in Ruhe etwas zu lesen. Im Vergleich zur teilweise parallel laufenden Ausstellung von Ralf König in Hannover ist der Raum, der den Werken zur Verfügung gestellt wurde, winzig. Es bleibt ein Vorgeschmack, und bei dieser Premierenausstellung ist es von Vorteil, dass nur gut eine Stunde entfernt in Hannover ein halbes Museum mit den Werken von Ralf König zu einer vertiefenden Beschäftigung einlädt. So steht vor allem der Ort an sich im Mittelpunkt: Hier lebte und wirkte Wilhelm Busch, und diese Künstler sind eine Auswahl von derzeit aktiven Comicschaffenden aus dem deutschsprachigen Raum.

Für eine umfangreiche Beschäftigung mit den einzelnen Künstlern bleibt aus baulichen Gründen kein Platz, kritischen Tönen aber wird trotzdem Raum gegeben: So wird Königs Ablehnung von Amazon-Rezensionen mit einem Exponat thematisiert, es handelt sich dabei um eben eine solche Rezension, die auf eine große Tafel gedruckt wurde. Weiterhin schildert einer der Künstler sein Unbehagen bezüglich Buschs antisemitischen Äußerungen, das wollte Davar nicht verschweigen, verweist aber auch auf den Zeitgeist im 19. Jahrhundert, in dem solche Ansichten keine Seltenheit waren.

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Letzlich ist der halbe Ort Wiedensahl ein einziges großes Busch-­Museum

Mit dem Geburtshaus muss und sollte der Besuch in Wiedensahl nicht enden, es gibt noch mehr zu sehen. Ein Ortsplan vor dem Museum zeigt Wanderwege auf Buschs Spuren. Vorbei an Gaststätten und Cafés führt uns der Weg die Hauptstraße entlang zum Pfarrhaus. Dort lebte Busch mit seiner Frau. Heute befindet sich hier das Heimatmuseum, in dem es Stücke mit und ohne direkten Bezug zum bekanntesten Sohn des Ortes gibt. Ober- und Erdgeschoss sind dabei so übervoll mit Exponaten, dass kaum noch weitere Beiträge zu Comicausstellungen unterzubringen wären – das sei aber ohnehin nicht geplant, bestätigt Davar. Räumlich ist es hier erheblich üppiger als im Museum.

Reisekoffer, Notgeld aus den 1920er-Jahren mit Figuren von Busch, Werkzeuge und vieles weitere gibt es im Pfarrhaus zu sehen. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Heimatmuseums, Kurt Cholewa, freut sich über das Interesse an der Comicausstellung, die letztlich auch für das Pfarrhaus neue Besucher nach Wiedensahl lockt. Gut gelaunt erklärt er Ausstellungsstücke und erzählt aus der Geschichte des Ortes, von Schlossern, Schmieden, den 40 Schuhmachern, die es dort einst gab und von Familie Oetker. Neben dem Teil der Familie, die mit den Dr.-Oetker-Backprodukten erfolgreich wurde, gab es einen zweiten Zweig, der in Wiedensahl daheim war.

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Alicia hat zuerst mit Post­-its ein Konzept erstellt und danach den Comic gezeichnet

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Marika (10) mag Asterix und Obelix und freute sich sichtlich über lobende Worte zu ihrem Comic

Im Erdgeschoss wird derweil nicht gebacken, sondern gezeichnet. Mawil hatte seinen Workshop am Freitag mit einer Lesung von Kinderland begonnen, bei der er drei Szenen aus seinem Comic vorstellte. Eine halbe Stunde dauerte sein Vortrag, weitere 30 Minuten wurden Fragen beantwortet. Beim Workshop wurden dann Konzepte für die Comics der Teilnehmer erarbeitet, an diesem Sonntag ist vieles bereits ausgearbeitet. Die acht Teilnehmer sind zwischen zehn und 18 Jahren alt, zwei Mädchen, sechs Jungs aus der näheren Umgebung. Sie begeistern sich für Asterix, Spider-Man oder Pokemon. Merlin (12) zeichnete einen Comic im Stil des Computerspiels Minecraft und zieht seine Tischnachbarin Marika (10) auf: „Ich darf schon Iron Man gucken, sie nicht“. Auch wenn Merlin zwischendurch – seinen Comic hatte er bereits fertig – Lust bekommt, auf dem Hof zu spielen, so halten doch alle Teilnehmer diszipliniert durch und beweisen, dass sie mit Begeisterung bei der Sache sind. Max (18) und Alicia (17) verraten mit ihren Arbeiten, dass sie schon seit Jahren zeichnen und dass sich diese Übung gelohnt hat. Alicia veröffentlichte ihr Ergebnis aus dem Workshop anschließend auf ihrem Blog.

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Mawil begutachtet Resultate des Kurses

Mawil gibt seit acht Jahren Workshops, sechs Stück sind es meist pro Jahr. Auf Lehrbücher verzichtet er dabei gerne. Für ihn ist es besonders reizvoll, wenn die Teilnehmer noch ganz aufnahmebereit für neues Wissen sind und Neues wagen. Ob er ihnen viele Vorgaben gibt, frage ich. Seine Antwort: „Sie sollen ja nicht so zeichnen wie ich, sondern in ihrem eigenen Stil.“

Während die Teilnehmer zeichnen, Konzepte nochmal überdenken, Mawil mit ihnen Zeichnungen bespricht, komme ich mit Frommhage-Davar ins Gespräch, die neben dem Job als Museumsdirektorin auch noch die Verpflegung der Kinder in der Pfarrkirche übernimmt und anders als ihr Ehemann, der Comic-Enthusiast, eher bei der Malerei zu Hause ist und sich darüber freut, mit Künstlern ins Gespräch zu kommen. Sie erzählt von zweistündigen Führungen mit Schulkassen durchs Museum, bei denen bestimmte Themen mit Bezug zu Busch im Mittelpunkt stehen. Kürzlich etwa ließ sie das Bild Der Schreihals nachspielen, 30 bis 45 Minuten wurden Schüler für ein Rollenspiel verkleidet, es gab Requisiten, ein Kind wurde gewickelt – erzählt die Museumspädagogin mit leuchtenden Augen.

Nach dem langen Wochenende wird es Zeit für die Heimfahrt. Mawil schläft auf der Zugfahrt erschöpft ein, lobt vorher noch die Ausstellung und verrät beim gemütlichen Umtrunk, dass er, wenn er die Wahl zwischen einem vertrauten und einem bisher unbekannten Ort habe, immer den neuen Ort bevorzugen würde, wenn es um die Wahl eines Reiseziels geht. In diesem Sinne: Wer noch nicht in Wiedensahl war, darf ruhig auf Mawil hören!

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Busch als Tourismusfaktor

Die Ausstellung Endlich Comic! im Wilhelm-Busch-Geburtshaus lief vom 28.09.2014 bis 18.01.2015. Ab Ende Oktober 2015 ist sie als Sonderausstellung Die besten deutschen Comiczeichner im Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach/Saale zu sehen.
Der Vers aus der Artikel-Überschrift stammt aus Wilhelm Buschs Bildergeschichte Maler Klecksel von 1884
Mehr zu Mawil und seinen Workshops im Comicgate-Interview von 2014:
Ping-Pong mit Mawil

Auf der nächsten Seite: Zwei Interviews – eine Workshop-Teilnehmerin stellt ihren Comic vor und die Ausstellungsmacher ziehen ein Fazit