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„Der mit den Zelten“: Das Messe-ABC zum Comic-Salon 2018

Der 18. Internationale Comic-Salon Erlangen ist Geschichte, und er wird vermutlich noch lange als „der mit den Zelten“ in Erinnerung bleiben, denn diesmal war vieles anders. Man rückte vom Kongresszentrum, das gerade saniert wird, mitten ins Zentrum der Altstadt, wo eigens Zelte aufgebaut wurden. Drumherum öffneten Erlangens Institutionen wie Theater, die Uni, die Stadtbibliothek oder Museen ihre Pforten für diverse Programmpunkte des Salons. Wir lassen die vier Tage noch einmal Revue passieren, wie gewohnt in Form eines Alphabets, in dem wir unsere ganz subjektiven Eindrücke vom Festival wiedergeben. Hier sind die Erinnerungen, Beobachtungen und Anekdoten der anwesenden Comicgate-Autoren:

Foto: Alexander Lachwitz

A

Antonia Botanika
Im Botanischen Garten, direkt zwischen Schlosspark und Markgrafentheater gelegen, hatte der „Kinder-Comic-Salon“ sein Domizil. Neben einem stets gut besuchten Veranstaltungszelt, in dem Lesungen und Workshops angeboten wurden, stand der Garten ganz im Zeichen der Figuren aus dem Bilderbuch Antonia war schon mal da von Max Fiedler und Patrick Wirbeleit. In Form von großen Papp-Aufstellern waren Fiedlers Figuren im ganzen Garten präsent, dazu gab es ein kostenloses Mitmach-Heft, mit dem sich die Zielgruppe auf aktive Botanik-Expeditionen begeben konnte. Bemerkenswerterweise waren sowohl das Heft als auch die Figuren komplett schwarzweiß, ganz gegen die weit verbreitete Annahme, dass es immer besonders bunt sein muss, wenn’s für Kinder sein soll. (tk)

Foto: Thomas Kögel

Siehe auch → „Kinderkram“

Asiatische Comics
Chinabooks aus der Schweiz bauen weiter ihre Präsenz auf dem Comicmarkt aus. Das ist nicht mehr nur eine obskure Randerscheinung aus dem Lehrbuchbereich, sondern entwickelt sich immer mehr zum ernstzunehmenden Engagement für Comics aus Taiwan und China. In den jüngeren Veröffentlichungen, beispielsweise dem im April erschienenen Der freie Vogel fliegt, sieht auch das Lettering schöner aus als in den ersten Büchern. Es ist immer noch maschinell erstellt, aber mit gefälligeren Schriftfonts als bisher – und will man tatsächlich einem Quereinsteiger vorwerfen, was auch etablierte Verlage oft nicht besser hinbekommen? Mit der Übersetzerin Martina Hasse hat man zudem eine Expertin für literarische Stoffe an der Hand, die auch ein gutes Händchen bei Comictexten hat. Natürlich ließe sich jetzt noch lästern, dass Chinabooks wohl auch Zugriff auf Fördermittel habe, da sie aus einem völlig anderen Milieu kommen. Die Auswahl des Materials und die Hingabe, mit der seit über zwei Jahren am Programm gebastelt wird, sollte trotzdem Argument genug sein, sich die Veröffentlichungen genauer anzusehen. Es mag seltsam anmuten, dass die Bücher bei Chinabooks zweisprachig erscheinen, tatsächlich schätze ich aber inzwischen die Möglichkeit, das originale Erscheinungsbild mit dem westlichen Lettering zu vergleichen.

Inhaltlich ist Der freie Vogel fliegt eine sehr berührende, entzückend schön gemachte Coming-of-Age-Geschichte über eine Schülerin, die von ihren Lehrern und Eltern unter Druck gesetzt wird und auf die harte Tour lernt, dass es oft ein Fehler ist, Gefühle frei und ungefiltert zu äußern. Für mich ist der autobiografisch angehauchte Comic der sympathischen Autorin Jidi eine echte Entdeckung. Die Bilder von Ageng sind fabelhaft schön. (cm)

B

Brösel
Nein, nicht die Reste vom Max-und-Moritz-Brot in Piwi Taubers Bart – der gleichnamige Künstler ist gemeint. Fast 14 Jahre nach dem letzten Werner-Comicband „Freie Bahn mit Marzipan“ kündigte sich (jedenfalls für mich) überraschend dessen Schöpfer Rötger Feldmann alias Brösel samt Entourage und einem neuen Band (Titel: „Wat nu!?“) im Schlepp für den Salon an. Angesichts der prallen Merchandise-Palette am Werner-Stand und der kürzlichen Werner-Werbekampagne für eine Tankstellenkette mutmaßte manch einer, dass der geschäftstüchtige Schleswig-Holsteiner den neuen Comic eher als begleitende PR-Maßnahme für sein anstehendes Motorsportfestival „Werner: Das Rennen 2018“ denn aus künstlerischen Ambitionen zu Papier gebracht hat.
Vielleicht juckte es den mittlerweile 68-jährigen Brösel aber auch einfach, sich der neuen Generation von Comiclesern vorzustellen. Schließlich war er in den 80ern und 90ern einer der meistverkauften deutschen Comickünstler mit Wahnsinnsauflagen und Vorbild für viele Jungzeichner, die sich damals an ersten humorigen Comics versuchten. So outete sich unter anderem Mango-Anarchist Hugi als stark von Brösel inspiriert und ließ es sich nicht nehmen, dem alten Torfrocker seinen Elefantenfriedhof samt Widmung zu überreichen – um Brösel vor Augen zu führen, was der mit seinen Comics angerichtet hat. (av)

Foto: Thomas Kögel

B-Location
Während im großen Zelt A auf dem Schlossplatz und im (eintrittsfreien) Zelt C im Schlossgarten rundum Zufriedenheit bei den Ausstellern herrschte, war man in Zelt B am Hugenottenplatz teils nicht ganz so begeistert. Hier fehlte es an zugkräftigen Großverlagen und Zeichenstars, um die Massen zu locken und so war der Publikumszustrom merklich geringer. Neben KAZÉ als größtem Verlag hatte man hier durchweg kleinere Aussteller wie dani books, Delfinium Prints, China Books und TheNextArt untergebracht, nebst einer Reihe Händler.
Eine praktikable Lösung für mehr Ausgleich wäre gewesen, einfach zwei Platzhirsche wie Panini und Splitter samt der mitgebrachten crowdziehenden Künstlerschar im B-Zelt unterzubringen. Aber vermutlich wollte jeder „A-Verlag“ auch im A-Zelt seinen Stand aufschlagen. Nutznießer der Situation waren so die Besucher, die ins Zelt B fanden: Hier gab es bessere und kühlere Luft, mehr Platz und kaum Wartezeiten bei den Signierstunden der Künstler. (av)

C

Cosplay
Cosplayer ungefragt fotografieren ist ein No-Go. Das habe ich in dem von Martina Peters moderierten Gespräch am Donnerstag gelernt. Eigentlich logisch. Das Recht am eigenen Bild und so weiter, das muss man nicht in Frage stellen. Wenn man höflich fragt, posieren sie in der Regel ja auch gerne. Cosplayer wollen auffallen. Das ist ein schönes, nachvollziehbares Bedürfnis, und eine Comicmesse bietet dafür den idealen Rahmen. Aber deswegen sollten sie nicht als Freiwild für sensationsgeile Hobbyfotografen gesehen werden.
Ich fand den Gedanken zunächst jedoch schräg, dass sich jemand einerseits kunstvoll spitze Ohren an den Kopf modelliert, dann aber gefälligst nicht auf die Ohren angesprochen werden will. Mit ein bisschen Einfühlungsvermögen ist jedoch klar, dass man auch als Cosplayer nicht den ganzen langen Messetag über ständig Posieren will und auch, trotz Kostüm, einfach mal normal seinen Kaffee trinken will. (cm)

Comic Solidarity
Alles Schlechte hat auch seine gute Seite. Vor fünf Jahren ist aus dem Indie-Verlag-Desaster des Münchner Comicfestivals die Comic Solidarity entstanden. Eine gemeinsame Plattform als Sprachrohr und Unterstützer für (Web-)Comiczeichner, egal ob Profi oder Nachwuchskraft. Schnell wuchs die Bewegung an und hat es tatsächlich unter dem koordinierenden und moderierenden Talent von Eve Jay geschafft, eine, wenn nicht gar die relevanteste Kraft im deutschen Nachwuchsbereich zu sein. Die Zugkraft der Comic Solidarity war auf diesem Salon unübersehbar, sie hat mit ihrem breiten Programm an Aktionen, Lesungen und Diskussionen für einen bemerkenswerten Zustrom in Halle C gesorgt, wovon natürlich die dort versammelten Nachwuchszeichner besonders profitierten. So geht aktive Förderung! Davon sollten sich die großen Verlage endlich mal ein paar dicke Scheiben abschneiden … (al)

Lesung mit Maki Shimizu und Annette Köhn bei der Comic Solidarity // Foto: Alexander Lachwitz

D

Dantes-Verlag
Auf dem Salon hatte ich Gelegenheit, mich mit Josua Dantes zu unterhalten, der im Alleingang ganz offensichtlich die erste komplette Slaine-Ausgabe stemmt. Der dritte Band stimmt euphorisch. Er enthält neben der Fortsetzung der Episoden auch einige Pen-and-Paper-Rollenspiel-Elemente, die seit den 80ern auch in England nie mehr nachgedruckt wurden. Typisches Soloabenteuer-Zeugs natürlich, aber herrlich retro und, hey, aus dem Mutterland von Steve Jackson und Ian Livingstone. Wer sich bei so viel Liebe zur Comicarchäologie nicht mit Begeisterung durch den Dungeon blättert, bis er auch den letzten Winkel kennt, der ist kein Fantasy-Fan. Meine Bewunderung für so viel Enthusiasmus und Qualitätsbewusstsein. (cm)

E

Eingepackt
Zum Teil erst auf den zweiten Blick wurde klar, dass das Salon-Team beim Aufbauen der Zelte vor architektonische Herausforderungen gestellt wurde und diese mit Bravour gemeistert hat. So ist die Statue inmitten des Zelt A kein Messe-Gimmick, sondern stellt den Universitätsgründer Friedrich Markgraf von Brandenburg-Bayreuth dar, der zu früheren Salon- und anderen Zeiten gerne mal verziert wird. Und auch das echte Straßenschild in Halle B sieht einfach wie ein hübsches Messeaccessoire aus. (fp)

F

Falsches Künstlerbild
„Wann kommt denn Ingo Römling zum Signieren?“ zu fragen, wenn man direkt vor besagtem Künstler steht, der gerade in seinem unnachahmlichen Stil zeichnet, hat schon was. Darauf hingewiesen erklärte der verdutzte Fan, dass er jemand ganz anderen erwartet hätte und dachte, dass der Zeichner vor ihm Till Felix sei, der andere am Comicgate-Stand signierende Künstler. Klar, die beiden kann man auf den schnellen Blick schon mal verwechseln. Passiert uns auch ständig. (av)
Siehe auch → „Römling, Uwe“

G

Girlsplaining
Nachdem im letzten Erlangen-ABC von 2016 der Begriff „Mansplaining“ zu finden war, darf man das 2018-er „Girlsplaining“ nicht unter den Tisch fallen lassen, immerhin hieß so auch eine gut besuchte Veranstaltung der Comic Solidarity, in der Katja Klengel ihren gleichnamigen Webcomic vorstellte. Girlsplaining bedeutet, dass heikle Themen wie unaussprechliche körperliche Dinge und Vorgänge auf teils humorvolle, informative und entkrampfende Weise vermittelt wird. Das ist schön gemacht und müsste gar nicht zwingend auf weibliche Themenfelder reduziert bleiben. Wer weiß, vielleicht gibt’s ja bald auch Boysplaining und Womansplaining. Letzteres ertrage ich aber sicher nur mit (Selbst-)ironie. (cm)

Gruselwusel
Ein echtes Erlebnis war die Vorstellung des Dunwich Orchestra im E-Werk am Donnerstag Abend. Die Kapelle war Teil der Veranstaltung „Doom over Erlangen“, bei der Andreas Hartungs Umsetzung von Lovecrafts The Colour Out Of Space gezeigt wurde. Wer es bisher nicht kennt: Die bisher veröffentlichten ersten zwei Kapitel kann man hier sehen. Warum hebe ich die Performance des Dunwich Orchestra hervor? Weil die vier Musikanten von Anfang an eine sehr dichte und bedrückende Klangatmosphäre erzeugt haben, die ob der leichten Übersteuerung körperliches Unbehagen zu erzeugen imstande war. Und wie ich im Nachhinein erfuhr, überbrückten sie nicht nur am Anfang fabulös eine längere Zeit technischer Probleme bei der Bildwiedergabe, sondern vertonten das bisher unveröffentlichte (und auch unfertige) dritte Kapitel mit einem beeindruckenden Live-Jam. Das war großer Sport. (tf)

H

Heldenreise
Die Heldenreise in 12 Stationen am Beispiel von Schlumpfissimus, dem König der Schlümpfe? Auf die Idee bin ich auch noch nicht gekommen, denn Schlumpfissimus erliegt ja bekanntlich dem Missbrauch der Macht und dem Bösen. Dann ist Anakin Skywalker am Ende auch ein vollendeter Held? Sind denn jetzt alle Helden oder wie? Trotzdem war Uwe Zimmermanns Vortrag über die Vielschichtigkeit der Schlumpf-Comics unterhaltsam, wenn auch ein bisschen zu lang geraten. (cm)

Hirsch adé
DAS Lästerorgan des Comic-Salons, der Röhrende Hirsch, hat mit dem Ende des CSE18 seinen Rückzug ins Altenteil vermeldet. Wir trauern still und sagen „Danke“ für die vielen doppelseitig schwarz-weiß bedruckten A4-Seiten, die uns jahrelang so viel Freude bereitet haben. (tf)

I

ICOM-Preisverleihung oder Wer hat eigentlich gewonnen?
Am Donnerstagabend sollten Independent-Comics gekürt werden, aber wen kümmert das schon. Viel mehr Aufsehen als die etwas unkonventionell moderierte Verleihung hat die Diskussion im Internet erfahren. Worum auch immer es genau geht, lässt sich nachlesen, über die Preisträger liest man sehr wenig. Schade, gewonnen haben unter anderem JAZAM Vol. 12: Spiel (Hauptpreis), Immigrant Star von Federico Cacciapaglia (Szenario) und Sterben ist echt das Letzte von Eva Müller (beste Newcomerin). Glückwunsch! (gl)

J

Joe, Biker
Der Stand der Comickünstler aus Dänemark zeigte, wie wenig wir doch über die Comickultur unserer Nachbarn – im Gegensatz zu Frankreich oder Belgien – wissen. Besonders die Comics von Frank Madsen überzeugten. Da gibt es z. B. Biker Joe (Zeichnungen: Sussi Bech, Text: Frank Madsen), den „Mausekater mit den großen Klickern“. Aufgemacht wie ein Pixibuch erinnert es stark an die Papa Diktator-Hefte aus dem Jaja-Verlag: Ein vermeintliches Kinderbuch in kindgerechtem Zeichenstil erzählt eine Geschichte für Erwachsene, denn der Kater Biker Joe liebt es, sich fortzupflanzen und vernachlässigt deshalb seine Arbeit, was zu Ärger mit seinem Besitzer führt. Ein kleines, turbulentes und sehr spezielles Buch, das man auf gar keinen Fall zwischen Pixibücher schmuggeln sollte.
Madsen zeichnet indes auch, so etwa den an Blake & Mortimer erinnernden Kurt Dunder (grafisch auf einer Ebene mit Jacobs) oder die Legofigur Jim Spaceborn. (ja)

K

Kinderkram
Das diesjährige Salon-Angebot für die Kleenen hatte es in sich: ein eigenes Programm unter dem Titel „Kinder lieben Comics!“ (Was ein bisschen nach Befehl klingt …) mit satten 25 Veranstaltungen. Eine Comic-Expedition durch den Botanischen Garten ( → „Antonia Botanika“), ein Dutzend Lesungen – teils zum Mitmachen, und ganz wichtig: zahlreiche Figuren-Zeichenkurse und Comic-Workshops, z.B. mit Sascha Hommer oder Dorothée de Monfreid, um den Nachschub an Comickünstlerinnen zu sichern. Passend dazu gibts auch unter ZeichnerInnen den Trend zur Comicfamilie, die den Salon komplett inklusive Nachwuchs absolviert. (av)

L

Lemire, Jeff
Jeff Lemire wurde ganz schön durchgereicht und hatte viele Termine – kein Wunder also, dass er im persönlichen Gespräch teils kurz angebunden war. Sehen konnte ich ihn beim Künstlergespräch mit Lars von Törne in der Orangerie, bei dem er einen offenen und sympathischen Eindruck hinterließ. Mir war tatsächlich nicht bewusst, dass viele Comics von ihm immer noch nicht ins Deutsche übertragen worden sind.

Foto: Thomas Kögel

Am Stand der Edition 52 hatte ich Gelegenheit, mir von Lemire eine kleine Skizze anfertigen zu lassen. Gerne hätte ich mehr über seine Arbeit bei DC zur Zeit des Relaunches und der „New 52“ erfahren, aber zu mehr als einer Aussage darüber, dass ihm manche Serien mehr Freude bereitet hatten, andere weniger, und dass er froh sei, jetzt sein eigener Chef sein zu können, hat es leider nicht gereicht. Außerdem hat er zugegeben, dass seine Image-Serie Royal City von Jonathan Franzens Die Korrekturen inspiriert ist. Das ist Literaturadaption nach meinem Geschmack: Eben keine Adaption von Inhalt, wohl aber eine Überschneidung in Geist und Haltung. Lemire ist auch ein viel zu interessanter Erzähler, als dass er sich in das Korsett einer Literaturadaption quetschen würde. (cm)

M

Mahlzeit
Schmerzlich vermisst wurden heuer der Bierwagen und das Zelt, welche üblicherweise beim Künstlereingang auf dem Rathausplatz standen und wo man sich während der Salonöffnungszeiten stärken konnte. Dieses Jahr wurde die Gastronomie vom Team Gummi Wörner übernommen, und das bot im Schloßpark belegte Brote und diverse Getränke aus Flaschen an. Die Brote waren zwar lecker, doch gehören Bier vom Fass und Fränkische Bratwürste im Weggla eben auch zum Salon dazu. Letztere gab’s zum Glück am Freitag und Samstag auf dem Markt direkt vor der Halle A. Hiermit sei auch nochmal die reizende Dame des Würstelstands gegrüßt, die just am Salonwochenende das erste Mal nach langem krankheitsbedingten Ausfall wieder Standdienst machen konnte. (tf)

Fränkische Küche (Symbolbild) // Foto: Thomas Kögel

Mollig warm
Die beiden großen Ausstellungen im Redoutensaal, die dem jeweiligen Schaffen von Jeff Lemire und Flix gewidmet waren, glänzten mit gut gewählten Exponaten und informativen Begleittexten der Künstler. Leider glänzte auch der Schweiß in den Gesichtern der Anwesenden. Denn der im Obergeschoss liegende Saal erwies sich bei den hochsommerlichen Temperaturen als hervorragender Wärmespeicher. Die durch Stellwände geschaffenen relativ schmalen und labyrinthartigen Ausstellungsgänge waren stimmungsvoll, aber taten ihr übriges, die teils dichtgedrängten BesucherInnen noch mehr transpirieren zu lassen. Das war entgegen der allgemeinen Stimmung ein Punkt für die just vielgeschmähte Heinrich-Lades-Halle mit ihrem kühlen und weitläufigen Ausstellungssaal. (av)

N

Nerd Girl
Ich hab mich schon vor dem Salon aufs Heft gefreut und wurde nicht enttäuscht. Gibt es eigentlich noch jemanden, der eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Sarah Burrinis Stil und dem Stil von John McCrea (Hitman) sieht? (cm)

O

Ohne Ausstellung
Klar, der Platz für Ausstellungen war durch den Wegfall der Heinrich-Lades-Halle und des anschließenden Rathauses knapp. Aber wenn man schon den legendären Valerian & Veronique-Zeichner Jean-Claude Mézières mit dem Lebenswerk-Preis nach Mittelfranken lockt, hätte sich eine Werkschau seiner fantastischen Comicwelten doch heiß angeboten. Die Lobrede von Andreas C. Knigge lässt erahnen, was den BesucherInnen hier entgangen ist. (av)

P
P(anini)einlich
Das war wohl eine ziemliche Klatsche. Da beendet man nach mageren Verkäufen (die wiederum die Folge von magerem, sprich nicht vorhandenem Marketing sind) die Kooperation mit Zwerchfell und Sarah Burrini und prompt erhält letztere für ihre Panini-Ausgabe von Das Leben ist kein Ponyhof den Max-und-Moritz-Preis als bester deutscher Comic-Strip. Tja … Typischer Fall von dumm gelaufen und absolut vermeidbar gewesen. Aber damit hat man auch ein sehr gutes Einzelbild, wie im Moment das Verhältnis zwischen Großverlagen und Indie-Zeichnern aussieht. (al)

Provisorium
Selten hat sich eine Notlösung so vollkommen richtig angefühlt wie das, was der Comic-Salon aus der Tatsache gemacht hat, dass die Heinrich-Lades-Halle nicht zur Verfügung stand. Extrem kurze Wege im Herzen der Stadt, ein wunderbarer Park zum Entspannen mitten im Festival-Gelände, dazu noch tolle Locations wie die mit prächtigem Stuck ausgestatte Orangerie, wo viele Gesprächsrunden stattfanden. Noch mehr als sonst hatte man den Eindruck, dass sich Erlangen an diesem langen Wochenende wirklich in eine Comic-Stadt verwandelt. Gerne wieder. (tk)

Q

Quote
Max-und-Moritz-Preis:
2 einzelne Preisträgerinnen, 1 gemischtes Team (das Paradies-Team von der HBKsaar) wurden ausgezeichnet; insgesamt gab es 9 Preiskategorien (2016 noch 10). (-4 gegenüber 2016)

Max-und-Moritz-Jury:
3 von 7 Plätzen hatten Jurorinnen inne. (+/- 0)

ICOM-Preis:
1 Künstlerin, 1 Künstlerinnenduo wurden ausgezeichnet; insgesamt gab es 7 Kategorien. (+/-0)
1 lobende Erwähnung ging an eine Frau, 1 an ein gemischtes Duo (+1)

ICOM-Jury:
1 Jurorin von 4. (+/-0 und ne Menge Stress deswegen.)

Ausstellungen:
9 von 22 Ausstellungen waren Künstlerinnen oder gemischten Gruppen gewidmet.

Comicgate-Crew insgesamt über die Tage vor Ort:
1 Frau und 11 Männer (+/- 0)
(av)

R

Ratzfatz
war wohl die aktuelle 3-D-Ausgabe von U-Comix (und damit die Restauflage) auf dem Salon ausverkauft. Erstaunlich, dass dieses Gimmick immer noch so zieht. (av)

Römling, Uwe
Hat Ingo Römling etwa einen noch talentierteren Bruder namens Uwe? Nach dem erkundigte sich nämlich ein Fan auf Signaturenjagd am Comicgate-Stand. Oder hatte er ihn einfach mit Uwe Lemire verwechselt? (av)

S

Schönster Stand
Die originellsten Messestände findet man traditionell im Bereich der Hochschulen, das war in diesem Jahr nicht anders. Eine „Best Booth“-Trophäe gibt es beim Salon nicht, aber wenn es sie gäbe, hätte sie nach einhelliger Meinung an die Studierenden der HBK Saar gehen müssen, die einen erstklassigen Papp-Kiosk errichtet hatten. Einen Preis bekamen sie trotzdem, und zwar keinen egalen: Die Anthologie Paradies bekam den Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Comic-Publikation. (tk)

Foto: Thomas Kögel

Signierstunden
Schade, dass am Panini-Stand außer Daniela Schreiter keine deutschen Zeichner signiert haben. Man setzte auf die Zugkraft anglo-amerikanischer Zeichner und fürchtete wohl, dass sich um deutsche Zeichner keine vergleichbaren Trauben von Fans bilden würden. Aber ist das nicht zu kurz gedacht? Es gibt auch Fans, die sich nicht eine Stunde anstellen wollen, sondern auf die günstige Gelegenheit warten, dass sie den Künstler in einer entspannten, ruhigen Minute antreffen, vielleicht umgeben von zwei, drei Fans, aber eben nicht von 20 oder 30. Das sind die Signiertermine, die wirklich etwas bedeuten, an denen man sich mit dem Künstler auch mal unterhalten kann und nicht nur abgearbeitet wird. Es ist ja nicht so, dass diese weniger belagerten Künstler nichts zu tun hätten und daher ihr Geld nicht wert wären. Im Gegenteil sind diese Begegnungen oft von ganz anderer Qualität. (cm)

Dass deutsche Künstler, die aktuell einen Comic im Programm eines großen Verlags haben und in Erlangen anwesend sind, nicht ganz selbstverständlich eingeladen werden, an dessen Stand zu signieren, selbst auf eigene Nachfrage nicht, lässt einen doch leicht (ver-)zweifeln. (av)

Stickeralbum
Dass man auf dem Salon viele bunte Sticker sammeln und diese in ein passendes Album einkleben kann, gehört inzwischen auch schon zur Tradition. Zur zentralen Kleb- und Tauschstation und damit auch Müllhalde für die Rückseiten der Abziehbildchen entwickelte sich dieses Jahr die Statue des Markgrafen auf dem Marktplatz, um die man das Zelt A kurzerhand drumherum gebaut hatte (siehe → „Eingepackt“). Ich persönlich gehöre nicht zur Spezies der Stickersammler und habe das Sammelalbum daher nie besonders beachtet. Diesmal ist das Heft aber auch ohne eingeklebte Sticker ein Highlight: David Füleki  hat es gestaltet; er lässt eine Horde von außerirdischen Monstern als Cosyplayer auftreten, die sich als bekannte und weniger bekannte Comicfiguren verkleidet haben. Das Figurenraten macht hier großen Spaß, vor allem weil nicht nur übliche Verdächtige wie Schlümpfe oder Avengers darunter sind, sondern auch viele weniger berühmte Figuren, z.B. aus einheimischen Produktionen wie Das UPgrade oder Survivor Girl. (tk)

T

Tilman for Tilman
heißt ein Signaturenbuch, das auf dem Comic-Salon entstand, initiiert von Zeichner Armin Parr. 48 Künstlerinnen und Künstler porträtieren darin den auch als „Rogueman“ bekannten notorischen Signaturenjäger, der auf keiner größeren Comicveranstaltung fehlen darf. Am Ende des Salons wurde ihm das Buch als „Preis für den besten Fan“ überreicht. Eine tolle Idee und schöne Geste, die auch ein bisschen was über die Großartigkeit dieser Szene aussagt. (tk)

Trigger-Warning
Enthält mein Beitrag im Erlangen-Tagebuch Teil 2 tatsächlich eine Trigger-Warnung? Das kann ja wohl nicht angehen. Natürlich enthält Sonja Schlappingers Die Kraft der heil(g)en Familie, ein Comicbuch über Kindesmissbrauch in der Familie einige verstörende Szenen, aber das ist schlichtweg dem Thema geschuldet. Man kann das aber bedenkenlos lesen. Die Aufbereitung ist behutsam, durchdacht, positiv und nicht vulgär. Die zarte Seele wird an dem Buch sicher keinen Schaden nehmen. (cm)

U

Unglaublich nett
waren mal wieder all die HelferInnen und das Orga-Team des Comic-Salons. Freundlich, entspannt und hilfsbereit, das kann man gar nicht oft genug loben. (av)

V

von Sinnen, Hella
Das fand ich herrlich, wie Hella den Dirk Rehm von Reprodukt in gespielter Empörung angefahren hat, ob er denn so ein „Charakterschwein“ sein könne und eine Serie bei Nichterfolg vorzeitig beenden würde. Lieber nicht riskieren, denn: Hell hath no fury like Hella. (cm)

VR-Brillen
Ein Highlight unter den vielen sehenswerten Ausstellungen war die Schau „Gefangener der Träume“ zum Werk von Marc-Antoine Mathieu. Dessen meta-mediale Erkundungen von Zeit und Raum mit den Mitteln des Comics wurden im dreidimensionalen Raum des Kunstpalais kongenial weitergeführt. Und zusätzlich noch in der virtuellen Realität: Mit VR-Brillen konnte man sich maximal immersiv in die kahle Welt begeben, welche der Protagonist in Mathieus Richtung erkundet, und sich dort von Pfeil zu Pfeil hangeln (Wer’s zu Hause probieren möchte, bitte hier entlang). Auch wenn hier zwischendurch mal die Technik hakelte, gehörte diese Ausstellung definitiv zur „sollte man gesehen haben“-Liste. (tk)

W

Welche Realität, Papa?
So heißt unser Aufsatz im neuen Comicgate-Printmagazin über Crossover-Comics und so betitelt Oliver Ristau den Absatz über Comic-Reportagen in seinem Erlangen-Report beim Tagesspiegel. Nett, wenn solche obskuren Formulierungen ein Eigenleben entwickeln. Vielleicht erinnert die Überschrift ja auch daran, dass sich endlich mal ein Verlag der großartigen Science Fiction-Reihe Die Vagabunden der Unendlichkeit annehmen sollte, denn da ist die Überschrift ursprünglich her. (cm)

X

X-Ausgabe (in eigener Sache)
Am Comicgate-Stand, eingerahmt von Splitter, Cross Cult und dem Alfonz-Magazin, wurde die zehnte Ausgabe (Jubiläum, Jubiläum!) des Comicgate-Printmagazins vorgestellt. Schwerpunkt der Ausgabe, nomen est omen, sind Crossover, aber es gibt auch einen Artikel über Comics und Weihnachten (sprich: X-Mas). (gl)

Wer hätte gedacht, dass X-Mas eine seit dem 16. Jahrhundert verwendete Schreibweise ist? Weniger offensichtlich ist der X-Bezug dagegen in unserem Comicbeitrag über Perspektive. Dafür muss man sich die Linien des X ansehen. Vier Linien, die sich im Fluchtpunkt treffen. (cm)

Z

Zelte
Alle sind sich einig: Der Comic-Salon sollte als klimatisierte Zeltstadt inmitten von Erlangen-City in den kommenden Jahren fortgeführt werden. Wie auch immer das Orga-Team es geschafft hat, dieses Improstück ohne Ausfälle auf die Bühne zu bringen – es gab einen Besucher/innenrekord von 30.000 Gästen. (gl)

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