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Comics und Musik – Interview mit Fabian Stoltz

Es war 2008 in Erlangen auf dem Comic-Salon, dass ich Fabian Stoltz zum ersten Mal traf. Damals kam gerade Fabians viertes Heft seiner Geschichten aus den Neunzigern beim Schwarzen Turm heraus, eine Indie-Serie, die ich seit ihrer ersten Nummer verfolgt hatte und die mich unter anderem inspirierte, selbst einmal das Zeichnen persönlicher Geschichten zu probieren. Ich trug damals einige meiner selbst gestalteten Seiten mit mir herum und suchte das Gespräch mit sympathischen Künstlern abseits der Großverlage, um deren Meinung zu meinen Gehversuchen einzuholen. Das hat neben vielen konstruktiven Rückmeldungen zu einigen netten Gesprächen geführt und mir von Fabian die abgebildete Zeichnung eingebracht.

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Ein kleiner persönlicher Sketch von Fabian Stoltz. Erlangen 2008.

Jetzt ist 2015. Ich habe mich die letzten paar Wochen mit der Frage herumgeschlagen, inwiefern es zwischen Independent-Comics und handgemachter Punk-Musik Berührungspunkte oder Überschneidungen geben könnte, als mir Fabian wieder einfiel. Immerhin handelt sein Heft Punkrock von einer Lokalband in Murnau. Mich erinnerte Fabians autobiografischer Ansatz bei gleichzeitiger Nähe zu handgemachter Musik schon damals an Love and Rockets von den Gebrüdern Hernandez – immerhin einer meiner Lieblingscomics – und so beschloss ich, Fabian etwas genauer auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Musik und Comics zu befragen.

Meine erste Frage galt der Serie Geschichten aus den Neunzigern (ein inhaltlicher Überblick zu den Comics findet sich am Ende des Interviews):

Christian: Sind die Geschichten aus den Neunzigern ein abgeschlossenes Projekt oder ist da noch mal was geplant?

Fabian: Grundsätzlich ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Es gibt die Idee und einen Plot für einen abschließenden fünften Band, der wieder in Griechenland spielt. Ich würde gerne noch einige lose Enden verknüpfen, aber ich werde es auf keinen Fall noch mal selbst finanzieren. Insofern steht das Projekt in den Sternen.

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Schatten der Vergangenheit. „Geschichten aus den Neunzigern 4 – Ausscheider“. Fabian Stoltz, 2008.

Wie ist dein künstlerischer Hintergrund? War das damals pures „Do it yourself“? Ein Fanprojekt? Und hast du deine ersten Comics alleine gestemmt oder hattest du früh auch Unterstützer? Wann kamen Schwarzer Turm und Elektrocomics dazu?

Ich habe mit 14 meinen ersten Comic gezeichnet und immer weiter gemacht. Anfang der Neunziger habe ich in Erlangen Eliot & Scunk kennengelernt. Über die bin ich zu Kromix gekommen, wo ich die ersten Sachen veröffentlicht habe. Ausserdem war ich bei zwei oder drei Comicstrich-Ausstellungen in München dabei. Stefan Riedl wollte einen Sammelband mit Arbeiten von mir rausbringen, daraus wurde aber nix. In Augsburg habe ich ein Grafik-Studium begonnen, Kromix und Comicstrich sind sanft entschlafen.

In Hamburg habe ich wieder verstärkt Comics gezeichnet. Ich wollte eine längere, abgeschlossene Geschichte machen. Das wurde dann 2001 Ok, Griechenland. Über Dirk Schwieger, der eine Geschichte von mir in seinem Heft ineinander veröffentlicht hat, bin ich an die Druckerei gekommen, wo er hat drucken lassen. Das war dieselbe wie von Schwarzer Turm, und so ist Mille auf meine Sachen aufmerksam geworden. Als ich 2004 an solchen tagen fertig hatte, habe ich einen Verlag dafür gesucht, und Mille hat Interesse signalisiert.

2006 war ich eingeladen, an einer Ausstellung in Neapel teilzunehmen: Kleiner als das Leben, größer als die Realität, die im selben Jahr auch in Erlangen zu sehen war. In Neapel habe ich Ulli Lust kennengelernt, und die wollte Ok, Griechenland bei Electrocomics veröffentlichen.

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Panelfolge aus „Ok, Griechenland“. Fabian Stoltz, 2001.

Findest du, dass Musik in deinen Comics eine wichtige Rolle spielt? Oder geht es dir mehr um die jungen Leute – und Musik ist nur Lokal- und Zeitkolorit?

Unterschiedlich. Zunächst spielt Musik in meinem Leben eine wichtige Rolle. Ich halte sie für die unmittelbarste Kunstform. Jeder Mensch hat einen Bezug dazu. Ich sammle Platten und lege gelegentlich auf.

Musik spricht mich emotional an, was bei Comics oder generell Bildender Kunst seltener passiert. Das ist alles viel rationaler. Liegt vielleicht dran, dass ich Musik „nur“ als Konsument wahrnehme und nicht als Produzent.

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„Punkrock“. Fabian Stoltz, 2002

In Punkrock ist die zitierte Musik sozusagen der Soundtrack zur Geschichte, bei an solchen tagen der auf dem Schmutztitel zitierte gleichnamige Song, und die zweite Geschichte ist um die Bambule-Platte von den Absoluten Beginnern gestrickt. Bei den anderen beiden Teilen kommt Musik dafür höchstens am Rand vor.

Daneben habe ich auch schon Song-Texte in Comics umgesetzt, zum Beispiel „Der Papa“ vom Rödelheim Hartreim Projekt in Panik Elektro 5 (Disco) oder mit zwei Freunden eine Vinyl-Single herausgebracht, für die ich das Artwork und einen Comic beigesteuert habe.

Ähnlich wie Ed Piskor, der bezüglich Hip Hop Family Tree explizit davon spricht, dass er „sampelt“, versuche ich in meine Arbeiten verschiedene kulturelle Referenzen einzubauen. Im Fall von Ok, Griechenland habe ich auch ganz bewusst mit Collagen gearbeitet; die Erinnerungen des Protagonisten sind Panels aus einem Comic-Fragment, mit Pinsel und ohne Schwarz-Flächen gezeichnet. Die Visionen mit weisser Tusche auf schwarzem Karton.

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Collage verschiedener Erzählebenen. „Ok, Griechenland“. Fabian Stoltz, 2001.

Deine Comics sind autobiografisch angehaucht. Stammst du tatsächlich aus Murnau und bist später nach Hamburg gezogen? Wie unterschiedlich sind diese Welten letztendlich? Murnau hat doch sicherlich auch interessante Menschen zu bieten, nehme ich an?

Interessante Menschen findet man tatsächlich überall, wie auch langweilige. Mein Vater hat im Ausland gearbeitet, und meine Familie ist nach Oberbayern gezogen, als ich elf war. Das war ein großer Kulturschock, und ich war erst mal froh, als ich zum Zivildienst wegging und aus dieser konservativen Umgebung raus war. Es hat erst des räumlichen und zeitlichen Abstands bedurft, um die regionale Kultur wertschätzen zu können. Das liegt natürlich daran, dass das Bild von Bayern so stark konnotiert, voller Klischees und von der CSU okkupiert ist.

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Murnau. Panel aus „Punkrock“. Fabian Stoltz, 2002

Nach dem Grundstudium an der FH Augsburg habe ich ein Jahr in Paris studiert und mich währenddessen schon um einen Wechsel nach Hamburg beworben. Ich wusste um die dortige Szene, habe bei Anke Feuchtenberger Diplom gemacht, und die Musikszene hat mich auch sehr stark angezogen.

Abseits des generellen Unterschieds zwischen Metropole und Provinz ist Hamburg protestantisch, liberal und kaufmännisch geprägt. Oberbayern katholisch, konservativ, monarchistisch und landwirtschaftlich.

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Hamburg. Panel aus „an solchen tagen“. Fabian Stoltz, 2005.

Gleichzeitig lehne ich Pauschalisierungen ab. Herkunft ist nur ein prägendes Identitätsmerkmal neben vielen anderen, und kaum war ich ein Jahr in Hamburg, wurden „Richter Gnadenlos“ Schill und seine lächerliche rechtspopulistische Idiotentruppe mit 19(!)% in die Bürgerschaft gewählt und aus machtpolitischem Kalkül gleich an der Regierung beteiligt. Insofern wundert mich das Aufkommen der AfD auch kein bisschen, es war nur eine Frage der Zeit, bis die RassistInnen wieder ein Ventil für ihren Dreck bekommen würden.

Als ich Ok, Griechenland vor vielen Jahren las, hatte ich das Gefühl, das wäre von den Hernandez-Brüdern inspiriert. Stimmt das? Oder was waren deine Inspirationsquellen?

Love and Rockets ist prinzipiell eine wesentliche Inspirationsquelle, aber unmittelbarer war es damals Stray Bullets. Ausserdem habe ich mich stark von Michalkes Artige Zeiten und Golschinskis Krm Krm angesprochen gefühlt.

Daneben waren es aber auch gerade die Hamburger KollegInnen wie Wittek, TeER, Calle Claus, Jule K., die alle zu der Zeit im Eigenverlag Hefte rausbrachten.

Andere Künstler, die ich glaube, in deinen Comics zu erkennen, sind Eddie Campbell und John Ridgway. Kann das sein, oder ist das zufällig so, weil es eben naheliegend ist, einen realistischen Comic in diesem Stil abzufassen? Es steckt ja durchaus viel Eigenes drin. Gerade das Heimatnahe ist das Schöne. Ich kenne keinen anderen Comic, der in Murnau spielt.

John Ridgway kenn ich gar nicht, und Campbell hab ich auch nicht verfolgt, aber was ich gesehen habe, fand ich gut.

Zu den Comics bin ich über die frankobelgische Schiene gekommen, im Ausland war ich an einer französischen Schule, da kommt man zwangsläufig mit Comics in Berührung. Erst Franquin, Hergé und so weiter, dann Giraud/Moebius, Bilal, Tardi, über die U-Comix/Fluide Glacial-Sachen, und schließlich während meines Paris-Aufenthalts l’Association und andere VertreterInnen der sogenannten Nouvelle Bande Dessinée.

Wo genau es spielt, ist gar nicht so ausschlaggebend, es geht hauptsächlich um die Umgebung und die Sprache. Dass Eigenes drinsteckt, muss ja so sein, damit es authentisch wird, finde ich.

Wie stehst du zu Musikcomics? Und wie siehst du die Verbindung zwischen Musik und Comics generell? Da gibt es ja die verschiedensten Ebenen: vom ultrakommerziellen KISS-Comic über Vehikel wie Kleists Johnny Cash bis zum Independent von Klaus Cornfield, der sowohl Underground-Zeichner als auch Indie-Musiker ist. Siehst du dich selbst irgendwo in diesem Feld?

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„Punkrock“. Fabian Stoltz, 2002.

Da müsste man erst mal definieren, was „Musik-Comics“ ist oder nicht ist. Das Medium Musik wird akustisch rezipiert, Comics visuell. Da gibt es dann von jeher Annäherungen oder Synergie-Effekte, KünstlerInnen, die in beiden Genres tätig sind, wie der von Dir genannte Klaus Cornfield oder auch .Robert Crumb. Die größte Verbindung sind wohl von Comic-KünstlerInnen gestaltete Cover. Spannend finde ich den Bezug zu Superhelden im Funk und HipHop, gerade auch angesichts der Tatsache, dass schwarze SuperheldInnen nicht gerade überrepräsentiert sind. Das geht von Parliament/Funkadelic, dem Supersound eines Jimmy Castor über den Wu Tang Clan (Ghostface Killah, der sich auch „Tony Starks“ oder „Ironman nennt“) bis hin zum Rapper MF DOOM.

Reinhard Kleist bringt die Clubszenen in Fucked grossartig rüber. Oder Prudhomme den Rembetiko. Fats Waller von Igort und Sampayo hat mir auch gut gefallen.

Allerdings fällt mir kein Comic ein, der versucht, geschweige denn es auch schafft, das akustische Erleben der Musik nicht nur zu illustrieren, sondern visuell zu übersetzen. Ich bin aber sehr gespannt, ob jemandem im Bereich Comic so etwas ähnliches gelingt wie Todd Haynes mit I’m not there über Bob Dylan im Medium Film.

Kennst du Mawils Die Band? Das ist ja wesensverwandt mit Punkrock (deutsch, regional, geht um Schülerbands). Wie würdest du deine und Mawils Comics vergleichen?

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„Ausscheider“, Fabian Stoltz, 2008

Den habe ich damals gelesen, ja. Sein Comic ist viel umfangreicher; außerdem ist er autobiographisch, meiner nicht. Ich habe nie in einer Band gespielt, sondern nur Werden und Vergehen von Bands aus der Nähe beobachten können. Mawil ist auch viel humorvoller in seinen Arbeiten, ich nur manchmal, beispielsweise die Strips, die ich für den Freitag gezeichnet habe.

Interessant fand ich, dass Mawil eine Sprüher-Vergangenheit hat, und seine Hommage an Tocotronic letztens im Tagesspiegel hat mir aus der Seele gesprochen. Ansonsten haben Mawil und ich aber klar unterschiedliche Musik-Geschmäcker. Hip-Hop war ja nicht so seins, für mich ist es das prägendste Genre gewesen. Bei den Beatles können wir uns wieder einigen, wobei ich glaube, dass er deren Werk viel gründlicher kennt.

Arbeitest du momentan an Comics?

Ich mache derzeit Comics, ja. Im Moment arbeite ich mit zwei Bekannten an einem Projekt, bei dem es um die Zuhälter-Szene in St Pauli in den 70ern und 80ern geht. Von Anfang 2009 (seit dem Relaunch) bis April 2015 hab ich knapp 160 Folgen was davor geschah für die Wochenzeitung Der Freitag gezeichnet, im Wechsel mit unter anderem Simon Schwartz und Apfel Zet.

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„Was davor geschah“. Stripserie aus „Der Freitag“.

Im März 2013 ist ein Comic von Charalambos Ganotis und mir in Göttingen ausgestellt worden. Alles dazu findest Du unter diesem Link. (Der Katalog dazu ist angekündigt, aber bisher noch nicht erschienen.) Ebenfalls 2013 hab ich beim Gramic-Wettbewerb den dritten Preis bekommen. Im Juni waren vier Seiten von mir in dem deutsch-französischen Fanzine Beton Nr. 3, und in der Nr. 4 auch wieder vier Seiten.

Und welche Comics findest du derzeit richtig gut?

Richtig gut finde ich Der Alltägliche Kampf von Manu Larcenet; unerreicht, würde ich sogar sagen. Auch sein Blast ist sehr gut. (Die Zeichnungen vor allem, da war ich extremst beeindruckt). Christophe Blain, vor allem Isaac Der Pirat (schade, dass das nicht weitergeht) und Quai d’Orsay. Frederic Peeters auch. Beste Feinde von David B. und Jean-Pierre Filiu. Auf Deutsch leider nicht erhältlich: Garduno, en Temps de Paix und Zapata, en Temps de Guerre sind ursprünglich bei dem Indie-Verlag Les Requins Marteaux erschienen, inzwischen bei Delcourt.

Interessant, dass in Frankreich also explizit linke, politische Comics bei einem Major erscheinen. Kann man in Deutschland nur von träumen. Das ist aber kein spezifisches Comic-Problem, sondern der Diktatur der Angepassten geschuldet, um mal Blumfeld zu zitieren. Jason Lutes’ Berlin, um einen US-Zeichner aufzuzählen, Catel für Kiki de Montparnasse, eine der besseren Biografien, die im Moment ja den Markt überschwemmen, und schliesslich Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens von Ulli Lust.

Findest du, David Lapham hat nach Stray Bullets noch was Gescheites gemacht? Ich hab das erst kürzlich gelesen. Das find ich schon arg tarantinoesk – aber das war ja in den 90ern auch ein Riesending – und Lapham hat das richtig gut hinbekommen. Pulp Fiction gefällt mir inzwischen gar nicht mehr, aber Killing Zoe find ich cool.

Außer Stray Bullets kenne ich von Lapham noch Silverfish. Ist bei Vertigo rausgekommen, fand ich auch gut. Inzwischen arbeitet er wieder für Verlage, das kenne ich alles nicht, weil dieser ganze Superhelden-Kram mich nicht interessiert.

Das Interview wurde im Oktober 2015 via E-Mail geführt.

 

Geschichten aus den Neunzigern – kurz vorgestellt

o.k. coverOk, Griechenland

In Heft 1 der Geschichten aus den Neunzigern lernen wir den Studenten Thomas kennen. Er fährt mit einem Kumpel nach Griechenland, um seine persönlichen Probleme hinter sich zu lassen. Aber seine Dämonen kann er nicht abschütteln  am Ende springt er von der Fähre ins Wasser und ist seither verschollen.

Fabians Debut fesselt von der ersten Seite an, vor allem, weil er formal einen interessanten Ton anschlägt. Das aufgewühlte Innenleben der Hauptfigur lädt zur Identifikation ein und wirft Fragen auf, die auf eine baldige Fortsetzung hoffen lassen.

punk coverPunkrock

Nur ein Jahr später, 2002, erschien die Fortsetzung der Geschichten. Man erfährt Thomas‘ Vorgeschichte am Murnauer Gymnasium. Dort bildet sich gerade eine Punkband, in der sein kleiner Bruder Tim Schlagzeug spielt. Aber wie das in der Provinz so ist: Findet sich erst mal ein Ventil für aufgestauten Frust, kann es zu gefährlichen Entladungen kommen. Ein ersäuftes Kätzchen, Exzesse während eines Schulkonzerts, zerbrochene Freundschaften und der Wunsch abzuhauen markieren das Ende einer deprimierenden Geschichte, die Fabian in sehr atmosphärischen, kontrastreichen Bildern zu Papier gebracht hat. Sehr energiegeladen, sehr dicht, sehr lesenswert.

an diesen tagen coveran solchen tagen

Der dritte Teil ist gleichzeitig der erste bei Schwarzer Turm erschienene Band. Von der Story her knüpfte er direkt an Ok, Griechenland an. Thomas ist in Griechenland verschwunden  vermutlich tot  und seine Freunde versuchen, den Verlust zu verarbeiten. Fabians Stil hat sich erneut weiterentwickelt und ist lockerer geworden als im sehr präzisen zweiten Teil. Auch erzählerisch sticht der Band heraus, da er subjektiv-introspektive Szenen und erzählte Handlung unkommentiert und gleichwertig nebeneinanderstellt. Im Gegensatz zum sehr geradlinigen Punkrock bleibt hier vieles angedeutet und nebulös, eine Endzeitstimmung durchzieht die Erzählung. Wunschvorstellungen, Verzweiflungstaten und Weltschmerz verbinden sich zu einer überzeugenden Bestandsaufnahme, die durch den Kontext, der durch die Vorgängerhefte hergestellt ist, noch gewinnt. Passenderweise skizziert die Zweitstory im Heft den Lebensweg Ulrike Meinhofs nach, was die Hauptstory auf interessante Art und Weise spiegelt. Der geheime Soundtrack zu der Story stammt von der Trip-Hop Band Dein Cyan.

AusscheiderAusscheider Cover

Der vorerst (?) letzte Band der Serie spielt zwei Jahre nach Punkrock und zeigt die Figuren nach Bestehen des Abiturs. Man befindet sich im Schwebezustand zwischen Prüfung und dem weiteren Leben, was einmal mehr Endzeitstimmung aufkommen lässt, nur mit einem anderen Spin. Aber auch wenn das Hauptinteresse der Story Thomas und den Figuren aus Punkrock gilt, der coolste Moment gehört der verhassten Streberin der Schule, die mit ihrem machohaften Englischlehrer Brüderschaft trinkt und ihn dann vor den Augen der versammelten Mannschaft küsst. Das Bild, in dem den Schülern kollektiv die Kinnlade runterfällt, ist herrlich. Tja, nach dem Abi werden die Karten neu gemischt – und es ist halt nicht garantiert, dass die, die irgendwann mal cool waren, das auch Zeit ihres Lebens bleiben.

Bleibt zu hoffen, dass es irgendwann zu einem fünften Teil der Geschichten aus den Neunzigern kommt, Fabian Stoltz sagt ja, er hätte die Idee für einen Abschlussband. Zwingend notwendig ist es nicht, denn die Serie überzeugt ebenso als offen angelegtes Projekt ohne feste Auflösung, aber freuen würde es mich schon, wenn die Story einen runden Abschluss bekäme. Vielleicht aktiviert man ja bei electrocomics einstweilen wieder den Zugang zur Web-Version von Ok, Griechenland, dem einzig vergriffenen Band der Serie (im Moment gibt es dort eine 404-Fehlermeldung). Die Nummern 2, 3 und 4 sind nach wie vor lieferbar.