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Währenddessen … (KW38)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Daniel: Hey Joe, lass mich bitte in Ruh‘! Zu lange hast du mich mit deinen leeren Versprechungen hingehalten, meiner armen Comicsammlerseele Schmerzen bereit. Jetzt kommst du nach 15 Jahren wieder an und willst mein Freund sein? Du willst doch nur mein Geld! Aber spulen wir 20 Jahre zurück: In den 90er Jahren war Joe Madureira der Golden Boy der amerikanischen Comicszene. Mit seinen durch Manga beeinflussten Zeichnungen machte er aus Marvels Flaggschiff-Titel Uncanny X-Men (#312-350) eine der beliebtesten Comicserien dieser Zeit. Für das DC Wildstorm Imprint Cliffhanger erschuf er seine eigene Serie Battle Chasers. In einer fantastischen Welt kämpfen stereotype Figuren wie der Golem Calibretto, der Schwertkämpfer Garrison und das Mädchen Gully. Obwohl der Fantasy-Comic weniger Story als eine Partie Gauntlet auf dem Atari besaß, waren Fans von dem Artwork begeistert. Während die anderen Serien bei Cliffhanger (Danger Girl, Crimson) schnell beendet wurden, siechte Battle Chasers dahin. Ein Wechsel zu DC und zurück zu Image Comics beschleunigten die Dinge nicht. Das letzte Heft, Nummer 9, erschien September 2001. Nun soll Heft 10 erscheinen und das zufällig zeitgleich mit Joes anderem Hobby: Videospielen. Nach zwei mittelerfolgreichen Darksiders-Spielen verhökert Madureira seine Designs zu Battle Chasers als JRPG, das er per Kickstarter-Kampagne finanzieren will. Ich will weder dein Spiel noch deinen Comic, Joe.

Christian: Weiterhin lückenlos verfolge ich die Conan-Comics von Dark Horse. Eine der berühmtesten Originalstories von Robert E. Howard, Queen of the Black Coast, hat Brian Wood in der Serie Conan the Barbarian adaptiert, der mit der Vertigo-Serie Northlanders ja durchaus bewiesen hat, dass er Kriegergeschichten aus unzivilisierten Zeiten gut kann. Bei Howard-Fans kommt Wood allerdings nicht sonderlich gut weg. Erstens hat er die Geschichte um Belit, die Piratenkönigin, stark mit eigenen, sehr modernen, Ideen angereichert, zweitens über lange Strecken auf jegliche Fantasy verzichtet und drittens – unverzeihlich – Conan in einen schmachtenden Verliebten verwandelt, der sich auf allerhand Blödsinn einlässt, nur um seiner Piratenkönigin zu gefallen. Trotzdem finde ich, dass Brian Wood eine recht charmante Conan-Soap verfasst hat, in deren Verlauf Conan seine Torte tatsächlich  in seine kalte Heimat Cimmerien bringt, um sie seinen Eltern vorzustellen. Das ist zwar reichlich out of character, aber knuffig erzählt. Gezeichnet wurden die Comics von wechselnden Künstlern, unter anderem Becky Cloonan und Davide Gianfelice, die den Bodybuilder-Look deutlich zurückfahren. Erst gegen Ende kehrt der Fantasy-Tonfall wieder in Conans Welt zurück, aber leider fällt gerade dieses letzte Kapitel zeichnerisch zurück. Nicht, dass Ricardo Burchiellis Design ein Totalausfall wäre, doch bleibe ich jedes Mal an diesem einen Panel von ihm hängen, das sich in unserem Bildbeispiel rechts befindet. Ich hab mir beim Lesen mehrmals die Augen gerieben, ich hab darüber geschlafen und es am nächsten Tag noch einmal angesehen, aber ich werde einfach nicht fertig mit der Frage: Wieviele Brüste hat Belit denn nun in diesem Bild? Und was davon ist vielleicht eine Schulterklappe? Oder sind das Conans fummelnde Hände und der Büstenhalter ist verschoben – und am Ende hat’s der Colorist nicht auf die Reihe bekommen? Trotzdem mag ich die Serie. Woods Conan the Barbarian war ein origineller Versuch, Conan ins 21. Jahrhundert zu holen.

two panels

Conan und Belit, einmal von Becky Cloonan, einmal von Riccardo Burchielli gezeichnet. © Dark Horse Comics.

Thomas: Im Mai 2014 wurde das Projekt Electricomics mit großen Tönen angekündigt: Mit Alan Moore als Zugpferd ist man angetreten, ganz neue Wege des Storytellings für digitale Comics zu erschließen. Nun gibt es das erste Ergebnis zu sehen: In einer kostenlosen iOS-App lassen sich vier Comics lesen, in denen unterschiedliche Wege ausprobiert werden, wie der Leser durch die Story navigiert. Das ist teilweise recht ansprechend (beim Beitrag von Peter Hogan und Paul Davidson hat man Einfluss auf die Reihenfolge der Seiten), teilweise überambitioniert und verwirrend (in „Sway“ von Leah Moore, John Reppion und Nicola Scott darf man das iPad schütteln und löst damit Zeitreisen aus). Garth Ennis dagegen hatte wohl keinen Bock auf Innovation: Sein Beitrag ist eher ein illustrierter Brief als ein Comic, der Leser scrollt dabei ganz simpel von oben nach unten – voll futuristisch! Am interessantesten liest sich „Big Nemo in Slumberland“ von Alan Moore und Colleen Doran, eine hübsch gemachte Little-Nemo-Variation, in der viel mit dem Seitenaufbau experimentiert wird und sich die Figuren teilweise von Panel zu Panel bewegen. Vollkommen neuartig ist auch das nicht, aber es macht Spaß und ist eine Form des Comic-Erzählens, die so in gedruckter Form tatsächlich nicht möglich ist.

© Electricomics

© Electricomics

Wirklich spannend wird Electricomics ohnehin erst in der zweiten Stufe, denn diese App ist nur als erster „Showcase“ gedacht, der ein paar Möglichkeiten aufzeigen soll. Demnächst soll ein Programm veröffentlicht werden, mit dem jeder, der sich berufen fühlt, seinen eigenen Electricomic basteln kann. Dann wird man sehen, ob tatsächlich neue, kreative Ansätze entstehen oder ob diese Form des digitalen Comics vor allem heiße Luft ist, auf die weder die Kreativen noch die Leser wirklich gewartet haben.

Frauke: Hyperbole TV ist eine von mir sehr geschätzte, mit dem Grimme-Preis 2015 ausgezeichnete Initiative, die in kurzen Videos Menschen zu Wort kommen lässt. Auf YouTube hat sie diverse Kanäle. Da ist das kurzweilige Disslike (Rap-Bereich, Non-Rap-Bereich),  in dem Prominente Hasskommentare vorlesen und darauf antworten. Interessanterweise sind die Antworten vieler Rapper – in ihren Songs nicht auf den Mund gefallen – recht lahm, während andere schlagfertiger sind als gedacht. Nachdenklicher wird es beim Kanal Frag ein Klischee, bei dem das Internetpublikum konkret bei Vertretern bestimmter Personengruppen nachfragen kann. So beantwortet eine Domina Fragen zu ihrer Freiberuflichkeit und dem Waschen von Latex, eine Asexuelle zum Verliebtsein und eine Afrodeutsche zu Menschen, die ihr ständig an die Haare fassen wollen. Ich bewundere den Mut, dass sich in diesem Kanal Leute offen vor die Kamera stellen; zum Beispiel zu den Themen Tourette-Syndrom, Depression und Zoophilie. Auch ein Mann mit pädophilen Neigungen gibt Antworten; er ist als einziger unkenntlich gemacht. Frag ein Klischee vereint Aufklärung, Unterhaltung und Nähe zum Publikum und entkräftet unaufgeregt viele Vorurteile. Tolles Ding. In weiteren Kanälen (Übersicht aller Kanäle von Hyperbole TV) berichtet unter anderem ein deutscher Soldat vom Kampfeinsatz, DJs erzählen Geschichten aus dem Nachtleben und Musiker zitieren und erklären Textpassagen, die sie besonders bewegt oder inspiriert haben.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.