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Währenddessen … (KW23)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Letzte Woche noch auf dem Comicfestival in München, diese Woche schon in Frankfurt. Bis hoch nach Bonn zur großen Comicausstellung hat’s leider nicht ganz gereicht, aber das macht nichts, denn mein Aufenthalt in Frankfurt entschädigt das mehr als reichlich. Zum Beispiel mit einer großen Magritte-Ausstellung, die leider nur noch an diesem Wochenende zu sehen war. René Magritte ist mir der liebste Surrealist: Manche Bilder sind einfach unendlich schön, aber auch den theoretischen Unterbau finde ich sehr reizvoll.Scott McCloud hat dessen Bild mit der Aufschrift „Das ist keine Pfeife“ ja in seinem Buch Understanding Comics aufgegriffen und kreativ weiterverarbeitet. Auf völlig andere Art und Weise haben sich dagegen das Autorenduo Peter Milligan und Chris Bachalo von Magritte inspirieren lassen. Deren surreale Serie Shade the changing man, erschienen vor 25 Jahren bei DC, ist eine Comicserie wie keine andere. Zu schade, dass sie etwas in Vergessenheit geraten ist.

Außerdem gibt es in Frankfurt seit letztem Wochenende im Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung Kartografie der Träume: Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu zu besichtigen. Neben Originalzeichnungen und Drucken gibt es einige schöne Installationen, Projektionen und Sammlerstücke zu sehen. Interessant ist bereits die Einrichtung selbst, die in strengem Schwarzweiß die Grafik von Mathieu perfekt in den real erfahrbaren Raum transportiert. Höhepunkt der Ausstellung sind die Bronzeplastiken des Künstlers, die seine Entwürfe noch einmal in einem völlig neuem Licht zeigen. Bezieht beispielsweise Mathieus Erzählung Richtung in Buchform ihren Reiz vor allem aus dem Umstand, dass er darin mit einem Minimum an Linien verblüffende Szenarien entwirft, so geben die danach entstanden Bronze-Pastiken der Darstellung noch einmal eine völlig andere Wirkung. Einfach umwerfend, wie dieser Künstler mit den Möglichkeiten spielt – und die Ausstellung wird dem in jeder Hinsicht gerecht. Sehr schön ist auch das Begleitprogramm. Einen Link findet man hier.

Niklas: Ich habe seit dem Münchener Comicfestival wieder mehr Comics gelesen. Neben Garth Ennis viel zu langer Serie Preacher (die ich größtenteils nur überflog. Zum Glück wurde er besser) und der unterschätzten Trilogie Berlinoir (der so wenig fehlte, um ein richtiger Klassiker zu werden), habe ich mir noch einmal Multiversity, eine Reise durch DC’s Multiversum, von Grant Morrison und Lost Girls, einen Porno unter anderem mit Wendy aus Peter Pan als Hauptfigur, von Melinda Gebbie und Alan Moore gegeben. Auf dem ersten Blick (und zweiten und dritten) Blick könnten beide Werke verschiedener nicht sein, aber beim genaueren Hinschauen erkennt man schon gewisse Parallellen. Multiversity und Lost Girls singen beide ein Loblied auf die Fantasie. Morrison verteidigt die Fantasie, im Strampelanzug Roboter zu vermöbeln, während Moore sich traut, so manchen schmutzigen Gedanken in Schutz zu nehmen, den viele Menschen wohl mal hatten. Das ist schon mutig und selbst zehn Jahre später muss ich bei vielen Szenen schlucken, da Moore und Gebbie wirklich tief in die Schmuddelkiste greifen und ich es niemanden verübeln kann, wenn er schon nach Wendys ersten Kapitel das Buch wieder aus der Hand legt. Aber es ist so schön gezeichnet. SO SCHÖN! Am Wichtigsten ist aber, dass weder Zeichnerin noch Autor davor zurückschrecken, auch die dunklen Seiten der Erotik zu beleuchten. So harmlos ein Gedanke auch ist, die Person die ihn denkt muss es noch lange nicht sein. Am Ende läuft es immer auf gegenseitigen Respekt hinaus und in einem Buch, in der das erigierte Glied eines Pferdes zu sehen ist, ist das immer noch eine schöne Botschaft, die ich Moore und Gebbie auch abkaufe, da sie nicht nur die Freude am Sex, sondern auch die Folgen aufzeigen, immer einer strengen Bildfolge unterworfen, immer darauf bedacht, jedes Kapitel in acht Seiten zu erzählen. Durch die stete Wiederholung von Formeln und Motiven, wird aus Lost Girls eine anregende Lektüre, bei der ich oft genug vergesse, dass die drei Bücher eigentlich ein Porno sein sollen.

Morrison lässt mich dagegen mal wieder mit einem Schulterzucken zurück. Ich mag das Konzept der Parallellwelten, ich mag die Idee wie Helden und Schurken aus verschiedenen Universen aufeinadertreffen, ich mag, dass ganze Universen bedroht werden und die Helden die Gefahr bekämpfen (vielleicht die einzige Art von Geschichte, in der auch heutige Superhelden wirklich noch Zuhause sein können) und ich mag, welche Welten Morrison mit Multiversity vorstellt, aber die eigentliche Geschichte ist … eine weitere Crisis. Groß, aufgeblasen und am Ende wird mit einem noch größeren Event geworben. Nicht, dass wir das nicht schon hatten, genau wie zahlreiche Seitenhiebe auf Watchmen, zu denen sich Morrison über dreißig Jahre später, im Heft Pax Americana #1 herablässt. Nur, dass diese Seitenhiebe völlig an dem vorbeigehen, worum sich Watchmen wirklich drehte. Egal, wie oft der schottische Autor seine Figuren zum Leser sprechen lässt, am Ende ist Multiversity mehr Schein als Sein, hübsch, aufgebläht und am Ende ein noch größerer Porno als Lost Girls es ist, da die Leser genau das bekommen, was sie erwarten und genauso schnell hat man den Inhalt wieder vergessen. Damit Multiversity mehr wäre, als es ist, müsste Morrison sich trauen, die Bestandteile des Superhelden noch einmal so genau auseinanderzunehmen, wie Moore es einst tat, versuchen tiefer zu graben oder die Geschichte besser zu strukturieren. Tut er nicht und vielleicht gibt es auch nach all den Jahren nichts mehr zu sagen, außer dass Superman gut darin ist Leute zu vermöbeln. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik des Superhelden: es gibt nichts Neues, alles wiederholt sich nur und die Helden sind dazu verdammt zyklisch Schlachten auszutragen, die nie enden werden, weder in ihrem Universum noch in einem anderen. Das hätte ich wahrscheinlich viel lieber gelesen, als das aufgesetzte positive Ende, das ein Genre feiert, das sich in all den Jahren mehr durch die Assimilation anderer Genres denn durch echte Fantasie am Leben erhielt.  Hach, es ist schön wieder Comics zu lesen.

Daniel: „Brettspiele? Ich hasse Brettspiele.“ Mit diesen freundlichen Worten reagierte eine junge Kollegin bei der SZ als ich ihr erzählte, dass Brettspiele und Comics meine Hobbys seien. Über Comics sagte sie sonst nichts. An welche Spiele sie dabei denke, wollte ich wissen. „Na Monopoly und Siedler von Catan, aber ganz besonders Risiko. Kann man sich mit Freunden nicht lieber einfach so treffen, was trinken und reden?“ Ja, das kann man. Man kann das aber auch während man neue Spiele spielt, die eben diese Unterhaltung anregen. Spiele wie CLANK!. Bei diesem Deck-Buildung-Spiel versuchen zwei bis vier Diebe den Schatz des Drachen zu klauen, ohne dabei unnötige Geräusche zu machen. Denn macht man zu viel CLANK! wacht der Drache auf und frisst die Diebe. Warum ist dieses Spiel sozialer als eine normale Unterhaltung mit Freunden? Weil man stets guckt, wo im Verliess sich die Konkurrenz befindet. Wer leicht aus dem Verliess mit einem Schatz fliehen kann, lässt vielleicht absichtlich etwas fallen und macht unnötig viel Geräusche: CLANK! Eine solche Dreistigkeit ist das Äquivalent einer fiesen Unterhaltung. Doch bei Brettspielen kann man nachher sagen: „Ist doch alles nur ein Spiel.“

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