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Währenddessen … (KW 51)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Niklas: Jedes Mal wenn ich ein Buch von Ursula K. Le Guin lese, nehme ich mir jedes Mal vor, mehr Bücher von Ursula K. Le Guin zu lesen. Allerdings fällt mir dann beim Lesen eines Romans von Ursula K. Le Guin auf, warum ich nicht öfter Bücher von Ursula K. Le Guin lese. Liest sich vielleicht kompliziert, ist aber im Grunde sehr einfach: ihre Bücher sind intelligent, einfühlsam und gehaltsam, aber auch gemächlich und man sollte sich ganz auf ihre Geschichten einlassen, ansonsten wird man mit dieser Lektüre keinen Spaß haben.

Denn Le Guins Roman Winterplanet (im Original The Left Hand of Darkness) ist ein interessantes Gedankenexperiment darüber, wie eine Welt aussehen würde, in der eine eingeschlechtliche Menschenart nur wenige Tage lang einen Sexualtrieb empfindet und in dieser Zeit geschwängert werden kann. Dabei ist es vollkommen willkürlich, wer plötzlich die nötigen Voraussetzungen für eine Schwangerschaft besitzt. Klingt doch perfekt, diese Welt müsste also ein wahres Utopia sein, in dem es keine Vorurteile und Ungerechtigkeit gibt oder? Falsch.

Es gibt viel mehr Möglichkeiten, Andere zu unterdrücken, wie Le Guin anhand zweier Gesellschaften aufzeigt. Eine Nation ist ein feudales Königreich, aufgeteilt in zerstrittene Fürstentümer und Clans, die andere eine Bürokratie, in der vor dem Gesetz alle gleich sind, aber letztendlich am Ende doch einige wenige wieder die Strippen ziehen. Eine Gesellschaft muss tiefer gehen, um wirklich besser zu werden. Um diese starren Strukturen aufzubrechen, muss es zu Veränderungen kommen. Veränderungen, die ein einfacher Anthropologe von der Erde mit seiner bloßen Anwesenheit heraufbeschwört, aber die Machthaber auch in Angst und Schrecken versetzt. Le Guin erzählt diese Geschichte nicht als ein Kriegsepos, sondern mehr als eine philosophische Reise, in der wir durch die Augen des Anthropologen diese Welt kennen und verstehen lernen, was auch eines der Themen des Buches ist. Das augenscheinlich Fremde kann verstanden und Gemeinsamkeiten gefunden werden. Wird es einfach sein? Nein, das zeigt die Gewalt, der der Protagonist durch staatliche Organe ausgesetzt wird. Ist es den ganzen Ärger wert? Ja, wenn man sieht, was für eine tiefe Beziehung die Hauptfigur mit einem sehr wichtigen Nebencharakter eingeht. Es bedarf nur ein wenig an Geduld und Hingabe, so wie der Winterplanet selbst.

Der Schreibstil ist mir manchmal ein wenig zu blumig und wie schon geschrieben, braucht man einen wachen Geist, um sich wirklich auf das Buch einzulassen. Aber wenn man es tut, merkt man wie zeitlos die Bücher dieser Autorin eigentlich sind und wie ihre fantasievollen Welten sogar neugierig auf die Zukunft machen können.

PS: Außerdem war der Winterplanet mein achtzigstes Buch in diesem Jahr. Kein schlechter Abschluss, würde ich sagen.

Christian: „Another truck stop on the way, Another game I learn to play, Another word I learn to say“, das sang schon Lemmy 1980 in We are the road crew. Ich habe heute auch einen neuen Begriff gelernt: „Accumulative Song“. Das sind Musikstücke, die immer länger werden, weil bei jeder neuen Strophe die vorhergegangenen Strophen auch mitgesungen werden müssen. Ein übles Beispiel, das ich noch aus meiner Kindheit kenne, ist das berüchtigte Lied von der Hobelbank: „Ist das nicht die Hobelbank, ja das ist die Hobelbank, ist die nicht gar blitzeblank, ja die ist gar blitzeblank, Hobelbank, blitzeblank. Oh du schöne Hobelhobelbank, heute sind wir bsoffn, morgen sind wir krank. Ist das nicht der Adenauer, ja das ist der Adenauer, war das nicht ein ganz ein schlauer, ja das war ein ganz ein Schlauer, Adenauer, ganz ein schlauer, Hobelbank, blitzeblank, oh du schöne ….“. Genau das richtige für Besoffene eben. Davon gibt’s hunderte Varianten. Ist ja auch schon über hundert Jahre alt.

Auch das alte Volkslied Drunt in der Grünen Au gehört zu dieser Gattung. Darin geht es um einen Birnbaum, an dem ein Ast hängt, an dem ein Astl hängt, an dem ein Zweigerl hängt, an dem ein Blattl hängt, auf dem ein Nestl sitzt, in dem ein Ei liegt, in dem ein Vogerl ist, an dem ein Federl hängt, aus dem ein Bettl wird, in dem ein Madl liegt, das ein Kindl kriegt, das ein Baumerl pflanzt, das ein Zweigerl hat und wieder von vorne. Ich kann jetzt nicht gerade behaupten, dass ich vom Birnbaumlied ein großer Fan bin, trotzdem war ich ziemlich von den Socken, als ich sah, dass ein nahezu inhaltsgleiches Lied im 70er Jahre Horrorfilm The Wicker Man gesungen wird:

In the woods there grew a tree,
And a very fine tree was he.
And on that tree there was a limb,
And on that limb there was a branch,
And on that branch there was a spray,
And on that spray there was a nest,
And in that nest there was an egg,
And in that egg there was a bird,
And on that bird there was a feather,
And on that feather was a bed,
And on that bed there was a girl,
And on that girl there was a man,
And from that man there was a seed.
And from that seed there was a boy,
And from that boy there was man,
And from that man there was a grave,
And on that grave there grew a tree.
In the Summerisle wood.

Der Tree Song ist viel schneller als die behäbige Grüne Au, aber es akkumuliert auf die gleiche Weise und hat den gleichen Inhalt. Da möchte man doch gerne nach weiteren Gemeinsamkeiten forschen.

Auch die Weihnachtszeit hat ihre Accumulative Songs, z.B. Bob Dylans „Must be Santa, zu finden auf seiner herrlich swingenden Christmas in the Heart. Sicher schon mehrere hundert Jahre alt ist auch das altbekannte 12 Days of Christmas, zumindest in der Chant-Version. Die Melodie, vor allem mit dem gedehnten „Five Golden Rings“ gibt es allerdings erst seit knapp 100 Jahren. Gerade die wiederkehrende Passage „Five Golden Rings“ hat das Stück enorm populär werden lassen. Ich habe vor einigen Jahren selbst mal miterlebt, wie Schulkinder auf der Isle of Man in der Vorweihnachtszeit von Tür zu Tür zogen und die 12 Days of Christmas geträllert haben.

Da ging die Post ab. Eine schöne, witzige Version des Lieds hat John Denver mit den Muppets eingesungen, für mich jedes Jahr die ideale Einstimmung auf die Weihnachtszeit. Natürlich gibt es von den 12 Days unzählige Variationen und Parodien, z. B. von Shrek, den Disney-Prinzessinen oder den Simpsons (hier und hier). Aber es gibt unzählig viele Versionen. Einfach mal selbst online suchen.

Fröhliche Feiertage.