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Währenddessen … (KW 50)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

coverChristian: Ich lese gerade die ersten Punisher-Stories aus den Siebzigern, die Marvel in dem preisgünstigen Essential-Sammelband nachgedruckt hat. Damals bestimmte ja noch der Comics Code, was in amerikanischen Heftchen statthaft war und was nicht; es war aber auch schon die Zeit, in der der Code aufgeweicht wurde, was Figuren wie den Punisher ja erst möglich machte. Einige der frühen Stories erschienen sogar ohne Code-Approvement, was den Autoren die Möglichkeit gab, die Härte des 70er-Jahre Kinos auch einmal ins Comic zu übertragen. Es dürfte ein ziemlicher Befreiungsschlag gewesen sein. Im Marvel-Super-Action-Heft Nr. 1 lässt sich Frank Castle sogar eine Prostituierte ins Haus kommen. Es machte wirklich fast punisherden Anschein, als wären mit einem Mal alle Tabus gefallen. Aber ganz so weit wollte man auch im Erwachsenencomic dann doch nicht gehen.

Zunächst erblickt die Dame Franks Punisher-Gewand, das wie zufällig herumliegt, so dass Frank sich erst mal erklären muss. Das bietet Gelegenheit, die Punisher-Origin-Story nachzuerzählen und hält vor allem auch die Situation mit dem Callgirl ziemlich lang in der Schwebe. Die Pointe der Story ist, dass die Dame sich als Killerin entpuppt. Frank hat sie nur kommen lassen, um durch seine offene Aussprache eine Attacke zu provozieren und sie dann abzuknallen. Im Grunde eine raffiniert konstruierte Story, die die Rahmenhandlung mit der Origin-Story des Punishers verschränkt, aber auch ein klarer Beleg, dass Selbstjustiz in amerikanischen Stories absolut konsensfähig ist, Sex mit Nutten aber selbstverständlich ein No-Go bleibt – so outside of society ist auch der Punisher nicht.

Aber Prostituierte zeichnen wollen sie natürlich schon, die Marvel-Künstler; und Prostituierte angucken wollen die jugendlichen, männlichen Leser auch, und solange Frank Castle mit der Knarre die Ordnung aufrechterhält bevor etwas Schlimmeres passiert, bleibt die moralische amerikanische Comicwelt völlig mit sich im Reinen. Da braucht es keinen Comic Code. Das ist verinnerlicht.

Daniel: Die Fernsehserie Westworld soll HBOs nächster Hit werden. Mit dem Remake als Serie, basierend auf Michel Crichtons gleichnamigen Buch bzw. Film aus dem Jahr 1973, soll an Erfolge wie Die Sopranos und den bald auslaufenden Fantasyepos Game of Thrones angeknüpft werden. Der Pilot, der Western-Sci-Fi-Serie um Billy und Dolores hat mich auch wirklich vom Hocker gerissen. Welch gelungene Erzählung! Doch bei jede weitere der zehn Folgen von Westworld war ein Schritt zurück. Ein Rückschritt für das zeitgenössische Erzählen in Serie. Das wirklich spannende Thema von Westworld, nämlich die Frage nach der Legitimität von der Erschaffung künstlicher Intelligenz und der menschlichen Moral, gerät in den Hintergrund.

Dazu ein kleines Gedankenexperiment: Welche Folge von Westworld habt ihr als letztes gesehen?

Mit ziemlich großer Sicherheit werdet ihr eure Antwort an einem sogenannten Cliffhanger festmachen: Die Folge, in der herauskam, dass Mensch Z und Roboter Y überraschenderweise zusammen X gemacht haben. Es sind diese Cliffhanger, die uns in Erinnerung bleiben, da sie wichtige Zäsuren in der Narration beschreiben. Das alleine ist noch kein Problem. Zu einem Problem wird es aus meiner Sicht, wenn das eigentlich Thema hinter jedem Cliffhanger unterzugehen droht. Genau das passiert bei Westworld: Wenn interessiert noch das Labyrinth aus Fragen, wenn die Antwort, welcher Mensch in Wirklichkeit ein Roboter ist, so viel verlockender klingt. Mit jeder Folge von Westworld wird der Einfluss der Cliffhanger stärker. Nicht das Thema sondern die Sensationslust regt zum Weiterschauen an. Der eigentliche Hype um Fernsehserien, die Stilisierung zu ach so hochwertigen Erzählformen, ist das Problem, dass aus interessanten Serien wie Westworld wieder leicht konsumierbare Produkte macht. Die Serie selbst wird zum Themenpark, den sie porträtiert, der mehr auch cheap thrills als auf Charakterentwicklung angelegt ist. Schade eigentlich, dass narrative Errungenschaften wie Twin Peaks immer weniger Auswirkungen auf die Produktion von aktuellen Serien haben. Aber dafür ist das Intro von Westworld großartig – inklusive Titelsong.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.