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Währenddessen … (KW 49)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Julian: In den letzten zwei Wochen lief auf Arte die zweiteilige Dokumentation Abba, Bee Gees, Carpenters – Das ABC der Rock-Tabus und Das ABC der Rockjuwelen. Wie Titel und Nebentitel bereits nahelegen, beschäftigt man sich in den knapp einstündigen Dokumentationen mit den ungemein erfolgreichen, wenn auch von Rockfans geschmähten Bands Abba, Bee Gees und den Carpenters, Bands die ich selbst ob ihrer dichten Arrangements, komplexen Melodieführungen und handwerklicher Fähigkeiten sehr schätze.

Das ABC der Rock-Tabus widmet sich den 1970er Jahren und dem Umfeld der Bands: Wie reagierten Kritiker, Hörer und andere Musiker auf die glatten, fröhlichen Sound und das Boy/Girl-Next-Door-Image? Wer waren die Musiker hinter der Fassade, wie erarbeiteten sie ihre Musik? Als besonders interessant darf hier sicherlich die Rezeption Abbas in Schweden gewertet werden, denn nachdem der Grand Prix mit „Waterloo“ gewonnen war, stand man der Band und ihren kapitalistischen Engagements äußerst ablehnend gegenüber. Ebenfalls von Interesse der Kompositionsprozess von Benny Andersson und Björn Ulvaeus: Ohne Aufnahmegerät oder Stift und Papier zog man sich in einen heruntergekommenen Schuppen zurück und erarbeitete nur Musik, die man sich auch sofort merken konnte.

Weiterhin überraschte das Segment über die Carpenters. Karen Carpenter, jene mysteriöse Sirene, stellt sich als ungemein sympathische Person heraus, die noch während ihres Erfolgs bei ihren Eltern wohnte (man sieht hier u. a. ihr Kinder-/Jugendzimmer) und am Glauben an die große Bilderbuchliebe und unter dem Druck der Tourneen und den Augen der Medien langsam zerbrach.

Das ABC der Rockjuwelen legt seinen Fokus indes auf die 80er und 90er Jahre: Die einst verschmähten Bands erfuhren ein Revival, langsam wurden sie auch bei Rockkritikern und Musikern anerkannt. Musiker wie etwa Neil Hannon, Chilly Gonzales oder Sonic Youth berichten über den Einfluss der Bands auf ihre Musik. Zudem werden einige obskure Coverbands vorgestellt, die sich der alten Musik annehmen. Der Durchschnittshörer erfährt zudem einiges über die Karriere der Brüder Gibb vor Saturday Night Fever und wird der psychedelischen Beatmusik der Alben Bee Gees 1st und Odessa nahegebracht, auf denen sich z. B. auch ein Stück befindet, das ursprünglich für Otis Redding komponiert wurde, dann aber – bedingt durch sein Ableben – in das Repertoire einer Janis Joplin überging.

Beide Dokumentationen präsentieren ein Bild der drei beliebtesten Hassobjekte der Musik der 1970er Jahre, das dem durchschnittlichen Musikfan bisher verborgen blieb und es gelingt den Musikern und Freunden der Band (u. a. Petula Clark) Feinheiten der Arrangements und der Musikproduktion zu vermitteln. Warum sind ausgerechnet diese Musiker so erfolgreich? Was hebt ihre Musik von anderen Bands ab? Abba, Bee Gees, Carpenters klärt diese Fragen auf unnachahmliche Weise und regt dazu an, die alten Alben erneut zu hören.

Leider befindet sich nur noch der zweite Teil der Dokumentation in der Arte Mediathek.

Christian: Am 12.11.2017 gab es ein ausführliches und sehr hörenswertes Interview mit Jean-Claude Mézières im Kulturjournal von Bayern 2 (ab ca. Minute 44). Nicht zur Sprache kam jedoch, dass Pierre Christin und Mézières in der allerersten Episode von Valerian und Veronique bereits die Prämisse des Films Matrix vorweggenommen haben, wenn auch auf eine recht freundliche, verspielte Weise. So heißt es in der Nullnummer „Schlechte Träume“, der Begriff „Arbeit“ habe für die Menschen keine Bedeutung mehr, man begnüge sich mit schönen Träumen, die der Raum-Zeit-Service für sie produziert. Aber der durchtriebene Kombul begehrt dagegen auf. Er irritiert die heile Welt mit Albträumen, damit die Bevölkerung aus ihrer Unmündigkeit aufwacht und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Selbstredend fangen die Helden den Rebellen schnell wieder ein und bringen ihn hinter Gitter. Jetzt ist mir klar: Valerian und Veronique haben Neo verhaftet.

„Schlechte Träume“ ist ein schönes Album. Stilistisch hat es noch eine gewisse Nähe zu klassischen Kindercomics wie Die Schlümpfe, aber natürlich zeichnet sich auch schon ab, wohin die Reise zukünftig gehen wird. Insgesamt ist das Album ein sehr vergnüglicher Auftakt zu einer der besten europäischen Science Fiction Serien. (Auch enthalten in Band 1 der Valerian & Veronique Gesamtausgabe bei Carlsen)

Niklas: Ich bin mir sicher, ob Mike Mignola, Neil Gaiman und Eddie Campbell irgendwann mal dieselben Bücher gelesen haben. Zwischen Mignolas Monstergekloppe und Gaimans schwarzgekleideten Philosophieren im Regen, empfinde ich aber Campbells Bacchus als das … eigenwilligste Werk. Denn wo Gaiman gerne mal verschwurbelt einfache Lektionen fürs Leben vermittelt und Hellboy zumindest Drachen vermöbelt, beschäftigt sich Campbells Hauptfigur hauptsächlich mit dem Genuss von Wein. Viel Wein. Einer Menge Wein. Und wenn er nicht Wein trinkt, erzählen er und seine Freunde sich Geschichten. Bei einem Glas Wein, versteht sich.

Passiert sonst viel? Na ja, einmal kloppen sich Hermes und das „Eyeball-Kid.“

Gibt es einen großen Plot, dessen Fäden am Ende zusammenlaufen? Öhm, es geht ums älter werden. Glaube ich zumindest. Bacchus ist ja auch nicht mehr der Jüngste.

Bacchus ist etwas für Liebhaber von (teilweise sehr derben und abstrakten) Geschichten, die auch nichts dagegen haben, wenn der Künstler mal um des Experimentierens Willen experimentiert und sie auch mal nachdenken müssen, worum es wirklich geht (wenn es denn um überhaupt was geht). Ich lasse die beiden dicken Bände (über tausend Seiten) erstmal liegen und lese sie bestimmt in ein paar Jahren noch mal. Bis dahin gönne ich mir noch mal Campbells The Lovely Horrible Stuff. Das ist genauso abstrakt, aber kürzer und viel spaßiger.

Mit dem Sammelband Lord Darcy von Randall Garrett hatte ich dagegen einige Stunden. Was ist Lord Darcy? Kurz gesagt: Sherlock Holmes mit Magiern. Richard Löwenherz ist der Gründer des größten Imperiums der Welt und die gelehrten Zauberer tragen ihren Teil dazu bei die Feudallgesellschaft am Leben zu erhalten. Ist es eine Dystopie? Zumindest nicht aus Sicht der adeligen Herren, mit denen sich der königliche Ermittler Lord Darcy abgibt. Kann man Magie zum Morden nutzen? Ja. Wird sie in den Geschichten dazu eingesetzt? Ähm … meistens nicht. Also nicht direkt, zum Morden und wenn ist sie kein Allheilmittel.

Denn das Interessante an den Lord Darcy – Geschichten ist nämlich, dass Magie bei den Ermittlungen hilft, sie aber trotzdem nicht das Nachdenken übernimmt, sodass wir es hier mit klassischen Fällen á la Agatha Christie zu tun haben, in denen die Täter komplexe Attenate ersinnen und der Leser mit Darcy miträtseln kann. Die Hinweise werden gestreut und ich bin immer wieder überrascht, wie logisch sich die Auflösungen am Ende lesen, da sich die Geschichten an die Regeln guter Puzzles halten und die Mörder auch wenig Gebrauch von ihr machen. Macht Sinn. Denn wozu sollte man drei Ziegen opfern, um einen Dämonzu beschwören, wenn man es mit einem guten Seil schneller geht?

Die Geschichten sind schon über 50 Jahre alt, machen aber immer noch Spaß. Die Prosa ist einfach und direkt, aber ich finde das gut, da sie so nicht von den Rätseln ablenkt. Hätten die Fälle auch in ein weniger originelles Setting gepasst? Ja bestimmt, aber es hat ihnen auch nicht geschadet, denn Altertnativwelten sind immer spannend.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.