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Währenddessen … (KW 43)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

imgChristian: Die Welt im Rücken. Nachdem ich zunächst Zeitungsartikel und Interviews zu Thomas Melles neuem Buch gelesen hatte, bin ich richtig neugierig geworden auf diese autobiografische Beschreibung von Melles bipolarer Störung (vulgo: manische Depression). Eine Enttäuschung leider, denn das, was sich auf einer großformatigen Zeitungsseite hervorragend zusammenfassen lässt, trägt nicht über 300 Seiten. Ab Seite 140 war querlesen angesagt. Zu viele Redundanzen, zu viel Namedropping und einfach zu wenig Interessantes, was die Person Thomas Melle zu bieten hat.

Einen wirklich mitreißenden Beitrag zum Thema Bipolarität hat dagegen Jeffrey Eugenides (The Virgin Suicides, Middlesex) vor einigen Jahren mit dem Roman Die Liebeshandlung verfasst. Dieser Roman handelt von einer Dreiecksbeziehung, in der die buch-die-liebeshandlung-jeffrey-eugenidey_v650xxStudentin Madelaine sich zwischen dem soliden Mitchell und dem genial-verrückten, leider auch manisch-depressiven Leonard entscheiden muss. Der Roman ist brillant geplottet, und Leonard ist mir als eine der interessantesten Figuren in Erinnerung geblieben, die mir bisher in einem Roman begegnet ist. Sein Selbstversuch, sich selbst medikamentös einzustellen, so dass seine Genialität erhalten bleibt, die Krankheit aber dennoch unter Kontrolle ist, ist einfach hochspannend. Romankunst vom Feinsten, gegen die Melles eher eindimensionaler, wenn auch biografisch beglaubigter Ansatz nicht ankommt.

Daniel: Eine Beziehung. Das bedeutet Vertrauen, Liebe, Kompromisse und natürlich auch Sex. Keine Beziehung ist wie die andere, und keine ist einfach. Dennoch hat Joe Swanberg (VHS, Drinking Buddies) seine episodische Netflix-Serie über Beziehungen Easy genannt. In acht Folgen erzählt er Alltägliches. Seine Paare beschreiben eindrücklich, wie es sich anfühlt, wenn man das sexuelle Interesse am Partner verliert, oder glaubt, auch dessen Interessen lieben zu müssen. Es sind aber keine tragischen Hollywood-Geschichten. Easy lebt von den einigermaßen normalen Menschen, die sich unterhalten, aber nicht verstehen. Die miteinander schlafen, sich aber nicht lieben. Und wie im richtigen Leben steht immer etwas im Weg.

Easy überzeugt, weil beim Zuschauen das „In meiner Beziehung laufen Dinge ähnlich ab“-Gefühl erzeugt wird. Schade, dass gerade die Folge über autobiografische Comics etwas überzogen wirkt. Trotz den Zeichnungen von Jeffrey Brown und eines Gastaufritts von Chris Ware bleibt die Folge an der Oberfläche. Die Beziehung muss der Diskussion über das Autobiografische weichen. Noch habe ich die Folge mit Orlando Bloom nicht gesehen. Hoffentlich versaut mir Legolas am Ende die Serie nicht.

Update: Legolas hat’s natürlich versaut.

Christian: Im Preacher-Heft 18 von 1996 fand sich folgender Leserbrief, in dem es um Steve Dillons Darstellung einer Katze geht: „Hey Leute, Ihr könnt noch so talentiert und kunstfertig sein, aber Steve kann einfach ums Verrecken keine Katzen zeichnen. Was zum Geier soll das sein? Ein Foxterrier? Tiermetaphorische Darstellung von weiblicher Sexualität? Rorschach-Test? Das Schreckgespenst vom kleinen Steve? Schlechtes LSD?“

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Garth Ennis kommentierte den Brief auf seine unnachahmliche Art: „Steve hasst es, Tiere zu zeichnen. Du kannst dir also vorstellen, wie viel Spaß es ihm gemacht haben muss, über ein Dutzend Animal Man-Hefte zu zeichnen. Aber in allem anderen ist er so gut, dass wir an dem Katzending mal höflich vorbeischauen können.“

Leider wird Steve Dillon nie wieder Katzen zeichnen. 54 Jahre ist der geniale Bildererzähler nur alt geworden. (Alle Bilder aus Preacher Nr. 14, © Steve Dillon, Garth Ennis, DC Vertigo.)

Frauke: Vor kurzem war ich in Manchester auf der 6. QEDcon. Hintergrund dieser Konferenz ist die kritische Auseinandersetzung mit Pseudo- und Parawissenschaften. Einer der Vortragenden war der brillante Captain Disillusion, der seit acht Jahren auf YouTube Fake-Videos und Internet-Hoaxes aufdeckt. Das macht er auf eine sehr charmante, spielerische Art, erklärt aber gleichzeitig, wie das analysierte Video technisch zustande gekommen ist. Insofern ist seine Arbeit sicherlich auch interessant für alle, die sich generell für Videotechnik interessieren. Seit kurzem ist Captain Disillusion auf Patreon über seine anvisierte Marke von 4000 USD im Monat gekommen, so dass er sich nun hauptberuflich an eine regelmäßige monatliche Umsetzung seiner aufwendigen Videos machen kann. Hier ein Beispiel über ein Armband, das angeblich eine funktionierende Smartphone-Oberfläche auf den Arm projiziert und für das mehr als 500.000 USD über Crowdfunding und von Investoren gesammelt wurde (das Geld ist für die Finanzierer übrigens futsch – wenn nicht doch per Wunder das Armband wie versprochen Ende 2016 ausgeliefert wird –, da es über eine private Website eingeworben wurde und in deren AGBs jedwede Rückzahlung ausgeschlossen wird):

Stefan: Diese Woche habe ich das neueste Heft von Weissblech Comics gelesen. Auch wenn es schon deutlich stärkere Horror Schocker gab, hat mir Heft 44 wieder angenehme Horror Schocker 44Zerstreuung geboten. Drei Kurzgeschichten finden sich im Heft. Alle bräuchten mehr Seiten und würden von aufwändigerer Kolorierung und sorgfältigeren Zeichnungen profitieren, aber so sind es die Stammleser dieser Hefte gewohnt. Die Titelstory „Die Schwimmstunde“ führt uns an ein gruseliges Haus am See, das für ein Kindheitstrauma des Protagonisten gesorgt hat. Im Erwachsenenalter besucht er es erneut, erinnert sich an seinen strengen Großvater und will endlich ergründen, was es mit dem kleinen Teich nahe des Gebäudes auf sich hat. Eine Atmosphäre wie aus einem Werk von Edgar Allan Poe. „Bleib wie du bist!“ führt uns in einen Club, in dem eine junge Frau erst angeflirtet und dann in große Schwierigkeiten kommt. Wären die Zeichnungen etwas detaillierter und „filmischer“ koloriert – diese Geschichte könnte glatt zur TV-/Comic-Serie Lucifer passen. In „Ein Männlein steht im Walde …“ wird ein Pornodreh im Wald zum Splatter-Desaster. Gerade die letzte Story überzeugt durch Humor, ansprechende Bilder und eine pointierte Erzählweise. Drei Mal Horror in sehr unterschiedlichen Spielarten. Ein wenig ist jeder neue Hammerharte Horror Schocker eine bunte Tüte kurzweiliger Comickurzgeschichten aus Deutschland.

Niklas: Dave Lister ist vielleicht der letzte Mensch im Universum und er versucht, mit dem riesigen Raumschiff Red Dwarf zur Erde zurückzukehren. Seine einzigen Begleiter sind der Nachfahre seiner Katze, ein neurotischer Droide und ein Hologramm seines Erzfeindes. Zum Glück ist er die Hauptfigur in einer Comedy-Serie, ansonsten würde er es wohl nicht lange machen. Die Science-Fiction-Comedy-Serie Red Dwarf wurde mir von einem Freund empfohlen und brachte mich einige Male gut zum lachen. Zeitreisen, Paralleluniversen, fremde Kreaturen, Schauspieler die sich wirklich in ihre Rolle einleben; Red Dwarf hat alles, was zu guter Science-Fiction dazu gehört und ich verstehe, warum die Serie bis heute so viele Fans hat. Ist jede Staffel gut? Nein, aber da sie meistens nur sechs Episoden haben, muss ich auch nicht lange leiden. Aber wenn eine Folge gut ist, dann ist sie richtig gut (ich kann alle Folgen von Staffel 5 empfehlen). Dann vermischen die Autoren absurde Dialoge mit philosophischen Betrachtungen über die Bedeutungslosigkeit des Universums, was mir als altem Zyniker immer zusagt. Am meisten wird mich aber immer die Prämisse der Serie faszinieren. Spätestens mit Aliens wussten wir, wie bedrückend Raumschiffe sein können, aber als letzter Mensch in einem zu leben, macht es gleich noch unheimlicher. Wahrscheinlich würde jeder es irgendwann wie Dave Lister machen und Gespräche mit dem Toaster führen. Die wären dann aber bestimmt nicht halb so amüsant, wie es die Serie darstellt.

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