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Währenddessen … (KW 4)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Niklas: „Flashman und der Engel des Herrn“ ist der elfte Band der deutschen Gesamtausgabe der Flashman Papers von George MacDonald Fraser. Wer ist Flashman? Offiziell ein hochdekorierter Kriegsheld, aber seine fiktiven Memoiren weisen ihn als Feigling, Lügner, Lüstling und Rassisten aus (wobei der letzte Punkt im Neunzehnten Jahrhundert ja nun keine Seltenheit war). In diesem Band wird er gezwungen, für den Freiheitskämpfer John Brown zu arbeiten, der einen Sklavenaufstand in den Südstaaten anzetteln möchte. Geht das gut? Nein, und Flashman steckt mittendrin.

Die Flashman Papers zeichnen sich durch einen fiesen Sinn für Humor (Flashman hat keine Skrupel nachzutreten, wenn er damit durchkommt) und ihre enorme Recherche aus. Ich weiß, nicht wie viele Bücher der 2008 verstorbene Fraser las, bevor er auch nur einen Satz schrieb, aber der mit Fußnoten versehene Anhang nimmt gut zwanzig Seiten ein. Aber all diese Recherchen machen die Bücher glaubhaft, selbst wenn Flashman eine fiktive Figur ist. Außerdem ist Flashman trotz all seiner Fehler ein unglaublich unterhaltsamer Erzähler, der zynisch seine Umgebung kommentiert, und auch ein guter Beobachter. Natürlich berichtet er aus der Perspektive eines zynischen Misanthrophen, aber seine mangelnde emotionale Bindung zu den Figuren, macht seine Beobachtungen fast schon objektiv, während alle um ihn herum ihren Idealen folgen (und dabei draufgehen). Trotzdem bleibt er ein Mistkerl, aber vielleicht sind deswegen die kleinen Momente, in denen er anderen echte Zuneigung zeigt, so berührend, denn auch er kann scheinbar Gutes tun. Oder es ist nur eine primitive Art von Affenliebe, zu der auch ein Bastard der Welt in der Lage ist, und die Menschen sehen nur das, was sie sehen wollen. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, lasse ich mal offen, die Bücher halte ich aber weiterhin für lesenswert.

Daniel: Ich bin ein nostalgischer Mensch. Ich schwelge gerne in Erinnerungen. Doch woher kommen diese Gefühle? Wie entsteht Nostalgie? Diese Woche habe ich Ready Player One von Ernest Cline gelesen und bin der Antwort auf diese Fragen einen Schritt näher gekommen. Der dystopische Roman lädt ein, in eine Zukunft, in der die Menschheit nur noch in einer virtuellen Welt – namens OASIS – unterwegs ist. Der analoge Gegenpart geht dabei vor die Hunde. In beiden Welten wird Protagonist Wade Watts alias Parzival zum Helden. Weil er auf die Popkultur der 80er Jahre fixiert ist: Comics, TV-Serien, Computer- und Videospiele. Er hat sie alle auswendig gelernt. Aber nicht, weil Wade sich in romantischer Form an diese, seine Zeit zurückerinnert, sondern weil sein Idol, der Übernerd und Erfinder der OASIS James Halliday, diese Dinge verehrte. Der Roman spielt im Jahr 2044; Halliday ist bereits ein alter Mann, der zu Beginn des Romans stirbt. Doch vorher schickt er all seine Fans auf die Jagd nach einem Easter Egg, das er irgendwo in seiner virtuellen Welt versteckt hat. Der 19-jährige Wade ist also versiert in einer Popkultur, deren Zeit er nie selbst miterlebt hat. Dadurch wirkt das Namedropping im Roman absurd. Natürlich haben sowohl der Autor Ernest Cline als auch alle potenziellen Leser diese Kultur miterlebt, doch der Held selbst hat es nicht. Ihm werden die Power Rangers, Pac-Man und alle John Hughes Filme aufgedrückt – als einziger Ausweg aus seinem miserablen Leben. Eine äußerst gruselige Vorstellung von Nostalgie.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.