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Währenddessen … (KW 36)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Niklas: Ich lese nur noch selten so zum Spaß. Damit meine ich nicht, dass ich keinen Spaß beim Lesen hätte oder dass ich nicht auch Klassiker danach aussuche, weil sie mir gefallen könnten. Nein, was ich damit sagen will, dass ich selten etwas konsumiere, ohne irgendwas Tieferes daraus ziehen zu wollen (und sei es auch nur um Ideen für meine Geschichten zu klau- äh, mich inspirieren zu lassen). Von Die verlorene Puppe von Judith und Christian Vogt habe ich dagegen eine gute Abenteuergeschichte erwartet und nicht bekommen … es war nämlich eine sehr gute! Nach den ersten vierzig Seiten versank ich in diesem alternativen 19 Jhd. in dem eine Eiszeit die Welt überrollte und Frankenstein „Shellys“ (menschenähnliche Automaten) auf den Markt brachte. In dieser Welt kämpfen die europäischen Königreiche um die Vorherrschaft und bauen Todesstrahler, Flugschiffe und noch viel Schlimmeres, um sich gegen ihre Feinde durchzusetzen. Ach ja und unsere Hauptfiguren, eine schillernde Zirkustruppe, und ihr Luftschiff werden von Inkas entführt. Inkas mit Flammenwerfern. Und das Maskottchen des Zirkus ist ein Mammut. Nicht, dass das Tier eine wichtige Rolle spielt, aber es verdeutlicht gut, dass die Vogt’s viel Liebe zum Detail in ihre Welt einfließen ließen und mit jeder Seite möchte ich auch mehr über ihre Geschichte und Hintergründe erfahren. Das Beste was ich über das Szenario von Die verlorene Puppe schreiben kann ist, dass diese Welt echt wirkt. Ich kann glauben, dass Menschen in diesem Europa (über-)leben und die Eiszeit entscheidend alles beeinflusste. Steampunk als Modell für eine alternative Geschichtsschreibung wird hier ernst genommen und nicht nur dazu genutzt ein paar Figuren in Zylinder und Korsetts zu zwängen, dies ist eine Welt die lebt und nicht nur eine dampfende Kulisse ist.

Leider sorgt das Medium des Abenteurromans dafür, dass wir nur kurze Einblicke in andere Kulturen mitbekommen, starke aber kurze Szenen, die schnell etablieren, wer die Bösen und wer die weniger Bösen sind. Aber das wird dann mit vielen spannenden Irrungen und Wirrungen, rasanten Wendungen und guter Charakterzeichnung wett gemacht. Und vielleicht steckt doch mehr hinter den Gedanken, eine Gruppe von Zirkusartisten zu den Hauptfiguren zu machen. Vielleicht repräsentieren sie ja Europa und bunte Possen und kleinen Streitereien sind nichts im Vergleich zu den wahren Problemen da draußen sind, aber dann bewehren sie sich doch wenn es hart auf hart kommt. Vielleicht spiegeln sie mit ihren gewagten Kunststücken auch den Abenteurroman selbst wieder, da auch sie verzaubern und begeistern müssen, damit das Publikum bei der Strange bleibt … oder die Vogts fanden, dass das einfach eine coole Idee. Höh. Soviel dazu, dass ich nur einen einfachen Abenteurroman erwartet habe.

Christian: Lange hatte ich es vor. Jetzt habe ich mir endlich Eli Roths „Torture Porn“-Streifen von 2007 über drei amerikanische Frauen angesehen, die in der Slowakei in der falschen Herberge landen und dort reichen Sadisten in die Hände fallen. Diese haben bei einer Internet-Auktion viel Geld dafür geboten, dass sie sich an anonymen Opfern abreagieren dürfen. In Deutschland gibt es den Film nur mit hohen Schnittauflagen zu sehen, ungekürzt ist er sogar beschlagnahmt. Tatsächlich hätte der von Quentin Tarantino produzierte Grindhouse-Film eine schöne Satire auf den Kapitalismus werden können; die erste Hälfte ist elektrisierend gut erzählt. Sobald aber der Film beginnt, die Erwartungen ans Genre zu bedienen, verkümmert er zur albernen Klamotte, denn weder Eli Roth noch sein Bruder im Geiste, Quentin Tarantino, haben tatsächlich auch nur die leiseste Ahnung, wie man blutige Szenen wirkungsvoll inszeniert, stattdessen flüchtet man sich in schlüpfrige Zoten und eine überzeichnende Darstellung, wo zuvor mit schonungslosem Tabubruch kokettiert wurde. Nicht, dass es auf einmal lustig werden würde wie in Army of Darkness oder ähnlichen Beispielen, das nicht. Aber sobald es blutig wird, werfen Roth wie Tarantino ihr Talent für geschmeidige Bilder über Bord und arbeiten nur noch für den Applaus der pubertierenden Gorehounds, als die sie ihr vermeintliches Publikum wohl sehen. Der Film verliert ab diesem Zeitpunkt den bisherigen systemkritischen Ansatz und hat stattdessen nur noch eine Handvoll aberwitziger Pointen im Sinn, die zwar sehr um Originalität bemüht ist aber eben doch nichts anderes ist als kalkulierte, billige Lacher. Jede bis dorthin angenommene Vision wie weggeblasen. Das ist mir leider zu billig und zeigt, dass Roth und Tarantino ihre Vorbilder, die Grindhouse-Regisseure der 70er nicht einmal im Ansatz verstehen. Vielleicht sind die Nerds Tarantino und Roth tatsächlich die sympathischeren Menschen, denn im Gegensatz zu ihren großen Vorbildern würden sie wohl keiner Fliege was zuleide tun. Damals in den 70er und 80er Jahren waren die fürs Bahnhofskino drehenden Regisseure weniger zimperlich. Deswegen wird deren Ruppigkeit auch unerreicht bleiben.

Es ist Zeitverschwendung, Eli Roths Film in der ungeschnittenen Fassung anzusehen, stattdessen bin ich der Meinung, die deutsche Fassung wurde noch nicht ansatzweise genug geschnitten. Besser wäre, nach einer Stunde würde mit offenem Ende der Abspann folgen. Dann wäre es tatsächlich gutes Kino gewesen, die dadurch entstandene Leerstelle hätte niemanden unberührt gelassen. Aber dann würde es den Film nicht geben, den Roth und Tarantino wollen, ja um jeden Preis zeigen und schocken und die Fans zum Johlen bringen – und verraten dabei ihr eigentliches Talent.

Garth Ennis hat übrigens die komplette Prämisse des Roth-Films schon 1991 in der Hellblazer-Story „Royal Blood“ vorweggenommen. Darin geht es um die etwas abseitigen Bedürfnisse der britischen Upper Class (siehe Bild) und um Prinz Charles, der seit einem dekadenten Ritual vom Dämon des Jack the Ripper besessen ist und deshalb Menschen umbringt und verspeist. Garth Ennis alleine mag man für diese schräge Geschmacklosigkeit gar nicht verantwortlich machen. Der war damals erst knapp 21 und musste sich im jugendlichen Überschwang ausprobieren. Dass DC-Comics ihn gewähren ließ, war schön für Ennis, hat die Grenzen des Möglichen aber ganz schön weit ausgereizt. Royal Blood ist starker Tobak, auch nach 25 Jahren noch.

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