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Währenddessen… (KW 3)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Daniel: Sugar Puffs oder Frosties? Keine ganz unbedeutende Entscheidung zwischen zwei Frühstückscerealien, denn sie kann den weiteren Verlauf des neuen Blackmirror-Films Bandersnatch beeinflussen.

Der Plot von Bandersnatch ist schnell zusammengefasst: England, wir schreiben das Jahr 1984. Der junge Stefan Butler möchte sein eigenes Computerspiel programmieren – auf Grundlage des gleichnamigen Romans Bandersnatch. Das fiktive Werk im Film ist ein Choose your own Adventure-Book, eine Erzählung, die an verschiedenen Stellen Abzweigungen von der linearen Handlung erlaubt und dem Leser eben diese Entscheidungen überlässt.

Sugar Puffs oder Frosties? Fliehen oder Kämpfen?

Die Nostalgie für dieses Genre ist auch an Blackmirror-Erfinder und -autor Charlie Booker nicht vorbeigegangen. Schon seit zwei Jahren ist er mit Chooseco, den Erfindern der Choose your own Adventure-Reihe, in Verhandlungen. Nun hat Booker zusammen mit Netflix einen solchen Film gedreht und wurde dafür von Chooseco verklagt. Bandersnatch will die Möglichkeiten des digitalen Fernsehens auslosten. Wer den Film auf dem Rechner oder mit Controller oder ähnlichem vom Bildschirm sieht, darf gefühlt alle zehn Minuten eine Entscheidung treffen, die den weiteren Handlungsverlauf verändert. Doch das Experiment misslingt. Der Film belegt, wie beschränkt das Medium Fernsehen eigentlich ist. Das Abzweigen vom linearen Erzählen erweitert das filmische Erzählen zwar, doch führt es auch die Einschränkungen des Mediums vor.

Trifft der Zuschauer eine Entscheidung, die offensichtlich in eine Sackgasse führt, wird zurückgespult. Und täglich grüßt das Murmeltier. Dann muss er sich alles wieder von vorne anschauen. Und täglich grüßt das Murmeltier. Obgleich an ein paar Stellen Szenen übersprungen werden, entsprechen die Entscheidungen eben nicht dem eingelegten Finger zwischen den Seiten eines Choose your own Adventure-Romans. Und täglich grüßt das Murmeltier. Soviel Zeit fürs Warten haben wir im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr. Und täglich grüßt das Murmeltier. Trotz ein paar lustiger Abzweigungen und vielen Easter Eggs schmecken die angegebenen 90 Minuten Bandersnatch wie ein Hubba Bubba: Erst ist der Geschmack total interessant und nach fünf Minuten schmeckt der Klumpen Kaugummi eben nur nach Gummi.

Wer wirklich sein eigenes Abenteuer erleben möchte, sollte die Brettspiel-Adaption des Originals ausprobieren. Als psychischer Detektiv erkundet man in fünf Kapiteln das House of Danger. Karte aufdecken, lesen, würfen. Wiederholen. Warum das besser ist als Bandersnatch? Während das ewige Zurückspulen bei Bandersnatch die Lust verdirbt, fühlen sich die wiederholenden Zyklen hier nicht wie sinnloses Starren auf den Bildschirm an. Und sind wesentlich besser geschrieben als der doch relative überschaubare Plot von Bandersnatch – trotz geheimer Enden.

Stefan: Diese Woche habe ich zwei Film/TV-Highlights mit Comicbezug gesehen, die ich hiermit, wenn auch in unterschiedlichem Maße, empfehlen möchte.

Uneingeschränkt lohnenswert und ganz, ganz großartig ist The LEGO Batman Movie, selbst dann, wenn man eigentlich weder Lego noch Batman übermäßig spannend finden sollte. Als begeisterter Fan des Mitternachtsdetektivs und Kenner sämtlicher Realfilme und der wichtigsten Comics ist der Streifen freilich noch unterhaltsamer. Der knuffige Ansatz als Familienfilm, die beeindruckende Technik dieses Animationsfilms und die Frage, wer denn nun Batmans größter Feind ist, der Joker oder gar er selbst und was seine größte Angst ist, Schlangen-Clowns oder doch eher seine Angst, erneut eine Familie zu haben, werfen einen ganz neuen Blick auf den vermutlich coolsten Superhelden von allen, der 2019 seinen 80. Geburtstag feiert und dank Bauklötzchen-Adaption wohltuend frisch und wirklich sehr lustig ist.

 

Titans (das in den USA für die Streamingplattform DC Universe produziert wird und hierzulande auf Netflix erscheint) hat gewisse Ähnlichkeiten mit Gotham, zeigt also die Welt von Batman, ohne dass Batman selbst dabei ist. Qualitativ wirken die Effekte und Darsteller weit weniger trashig als es bei Supergirl und The Flash der Fall ist, trotzdem beginnt die Staffel eher platt und wendet sich offenbar an ein Publikum Anfang 20 oder jünger. Wirklich stark ist Robin. Er ist so präsent, dass es gut zu verschmerzen ist, dass sein Mentor Batman nicht dabei ist. Zum Fremdschämen sind die Szenen, welche in Österreich sprechen sollen und in denen ein Geschäft schlicht mit „Geschäft“ an der Hausfassade wirbt. Und die deutschen Artikel „der“, „die“ und „das“ werden sie in US-Produktionen wohl auch nie auseinanderhalten können – und apropos USA: Titans ist schon typisch amerikanischer, weichgespülter und klischeehafter Unterhaltungskrempel, aber zumindest Robin lohnt einen Blick. Und anders als bei Flash und Co spielt die Serie tatsächlich in einer real wirkenden Welt mit stimmungsvollen Außenaufnahmen, nutzt also eine Stärke von Marvel-Serien wie Jessica Jones und kann damit mehr überzeugen als fürchterliche DC-Kinofilme wie Justice League.

 

Niklas: Das Jahr hat kaum begonnen und ich habe schon wieder fünf Bücher gelesen. Das waren aber auch keine langen Bücher mit bis zu maximal 350 Seiten, deren Stil auch nicht sonderlich komplex war (lange Zugfahrten helfen auch). Das bedeutet aber nicht, dass einfach geschriebene Bücher nicht unglaublich clever sein können, wie Gene Wolfe mir beim erneuten Lesen von Soldier of Arete bewies. Soldier of Arete ist der zweite Teil der Latro – Serie, die Geschichte eines römischen Söldners zur Zeit des zweiten Perserkrieges, der nach einem Schlag auf den Kopf mit Göttern und Geistern sprechen kann. In einer tief religiösen Welt wie der griechischen Antike macht ihn das zu einem sehr nützlichen Medium zwischen der materiellen und der anderen Welt. Dumm nur, dass er nach vierundzwanzig Stunden alles vergisst, was er am Vortag gelernt hat. Nur indem er das Erlebte auf einer Schriftrolle niederschreibt, kann er noch an der Welt teilhaben. Und nur durch diese fragmentarisch dokumentierten Ereignisse kann der Leser an der Handlung teilhaben und sich langsam erschließen, worum es in diesen Büchern geht. Zum Glück bedient sich Latro einer einfachen Sprache ohne poetische Metaphern, denn das kann durchaus zu Problemen führen, wie das letzte Kapitel zeigt.

Gene Wolfe liebt seine unzuverlässigen Erzähler. In seinem bekanntesten Werk, dem Book of the New Sun, haben wir einen Erzähler, der in medias res seine Memoiren schreibt und den Leser auch gerne mal anlügt, um besser dazustehen. Mit Latro haben wir einen Erzähler, der wegen seiner Krankheit versucht, so gut es geht ehrlich zu bleiben, da sein Leben von den wenigen Informationen abhängt, die er sich mithilfe der Schriftrolle erarbeiten kann. Das macht ihn aber auch anfällig dafür, von anderen ausgenutzt zu werden, da er ja scheinbar von den Göttern auserwählt wurde und man so einen Mann auch gerne auf seiner Seite haben möchte. Es hilft natürlich auch, dass er erschreckend gut darin ist, sich mit dem Schwert einen Weg durch die Leichen seiner Feinde zu bahnen. Trotzdem ist er nur ein Spielball der Mächtigen in einer Welt, in der sich die meisten Menschen nicht einmal als Herren ihres eigenen Schicksals betrachten.

Diese Ungewissheit macht Soldier of Arete so interessant, vor allem da Latro auch nur in den Worten seiner Welt denken kann. Das bedeutet nicht, dass der ganze Text auf Latein oder Griechisch verfasst wurde, aber Götter und Städte beispielsweise werden mit ganz anderen Namen als erwartet angesprochen – vor allem da der Name eines Gottes auch bedeutete, diesen anzurufen (und das sollte man sich bei dieser Schweinebande gut überlegen). Zeus, der Herr der Götter, ist der Donnerer, Sparta ist Seil, weil das der übersetzte Name der Stadt ist, und Athen ist Gedanke. Diese Begriffe lernen Leser*innen mit Latro (oder lesen es im Glossar, aber dann ginge ja der halbe Spaß verloren) und mit ihm wissen wir nicht, ob die mystischen Elemente nur Schein und Rauch sind oder nicht. Vielleicht hat er mit seinem Gedächtnisverlust sogar das bessere Los gezogen.

Abseits dieser Überlegungen, passt sich die Handlung beider Bücher der fragmentarischen Erzählweise an. Richtig komplex wird es nie, eigentlich müssen Latro und seine Begleiter nur von einem Ort zum nächsten reisen. Die Reise ist viel wichtiger als das Ziel, und bis sie ankommen wird gekämpft, philosophiert und dem Beischlaf gefröhnt – wobei es ironisch ist, dass der stolze Latro nie überlegt, es doch mal mit einem Mann zu tun, was damals okay gewesen wäre, solange er der dominante Teil bliebe. Da kam dann wohl doch der prüde Amerikaner bei Gene Wolfe durch ( – oder der damalige Literaturbetrieb, da das Buch in den 90ern erschien). Sieht man davon ab, ist Wolfes Recherche über das damalige Leben sehr überzeugen, und seien es nur kleine Details, wie die kulturellen Unterschiede der Stadtstaaten oder die Berücksichtigung der Tatsache, dass Religion eben in jeder Stadt anders praktiziert wurde und niemand alle Tempel in einer Organisation vereinte.

Soldier of Arete und sein Vorgänger Soldier in the Mist, sind für mich zwei besondere Bücher, was vor allem am interessanten Setting und wie gesagt der Ungewissheit des Narrativs liegt. Letztendlich werden wir wie Latro nie alle wichtigen Informationen haben und müssen uns vieles selbst hinzudenken. Fast wie im echten Leben, nur ohne den Gedächtnisverlust am nächsten Morgen.

Christian: Sugarpuffs oder Frosties?

Ja, der Plot von Bandersnatch ist überschaubar. Trotzdem hat mir das Netflix-Experiment sehr gut gefallen, was vor allem daran liegt, dass ich meine Erwartungshaltung an den Film während des Ansehens erfolgreich nachjustieren konnte. Mir war bald klar, dass die Geschichte, egal, welchen Abzweig man nimmt, stets auf die gleiche Pointe hinausläuft – oder unterschätze ich etwa die Anzahl der Varianten? Die Pointe, wie ich sie erlebt habe, ist clever, wenn auch etwas durchsichtig und fast schon ein Plagiat diverser Grant Morrison-Comics (als wäre der Rechtstreit mit Chooseco noch nicht ausreichend). Ich betrachte das interaktive Element im Nachhinein als erzählerisches Stilmittel, um dem Zuschauer vorrübergehend die Illusion zu vermitteln, dass er etwas beeinflussen kann, obwohl das Ende unausweichlich und stärker determiniert ist, als es bei einem interaktiven Rollenspiel eigentlich der Fall sein sollte. Stellt sich nur noch die Frage, ob damit nicht bereits das Ende der Möglichkeiten des interaktiven Films erreicht ist, denn Daniel hat natürlich vollkommen recht mit seinem Urteil: Vor- und Zurückspulen nervt. Die Magie des Questbooks liegt wohl tatsächlich am Daumen zwischen den Seiten – wenn man eine Option wählt, sich die andere aber ebenfalls offen halten möchte.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.

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